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Gerry Lopez

Wer kann sagen, wie alles begann? War es die allererste Welle? Es ist schon so lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Surfen war einfach selbstverständlich, eine genetische Vorgabe, die einfach nur darauf wartete, zum Vorschein zu kommen. Wie ein Saatkorn, das auf den ersten Frühlingsregen wartet, um aufzugehen.

Lange bevor ich mein erstes Surfboard bekam, war das mit dem Surfen schon klar. Man braucht Surfern nur zuzusehen und es ist offensichtlich, dass es Spass macht. Dann kommt noch das Element der Wanderlust hinzu: neue Orte zu entdecken, Neues kennen zu lernen, was man noch nicht gesehen, gefühlt oder versucht hat. Diese Neugier steckt in uns allen. Bei manchen mehr als bei anderen.

Es überfällt dich einfach und der Instinkt, in die Ferne zu schauen, ist vergleichbar mit dem sehnsüchtigen Blick auf die Welle, die jenseits des Channels einsam und verlassen bricht, während du mitten in einer Menschenmenge im Line-up sitzt. Endlich bringst du den Mut auf, einen der Surfer zu fragen. Alle im Line-up Anwesenden sind natürlich viel besser als du und du fragst natürlich den “Schlechtesten”. Den Besten kann man nicht fragen, er regiert wie ein König und ist unantastbar. Begeisterung und Stehvermögen zählen, und obwohl du ganz genau weisst, dass du ganz weit unten auf der Rangliste stehst, bist du trotz allem auf der Liste und wirst irgendwann einmal bemerkt. So wartest du auf den passenden Moment, in dem alle nach einem Set wieder zum Line-up paddeln, und stellst dann die Frage an den “Schlechtesten”. Er sieht dich natürlich wie einen Idioten an, aber weiss auch, dass er dich beachten muss, weil du ja schliesslich schon seit geraumer Zeit an diesen Strand kommst. Er muss antworten, sagt aber nicht mehr als “Weil die nicht gut ist” und braucht wegen seinem Tonfall noch nicht mal “… du Idiot!” hinzuzufügen.

Eines Tages veränderte sich alles. Wahrscheinlich war es an einem dieser ereignislosen Tage, an denen nicht viele Wellen brechen und man viel Zeit damit verbringt, auf die “andere” Welle zu starren. Der König höchstpersönlich kam kniend vorbeigepaddelt auf dem Weg zu seiner Takeoff-Position ganz weit draussen, hielt kurz an und sagte: “Sieht gut aus da drüben, oder?”

Ich war perplex und das sah er mir an. “Seit du herkommst, habe ich dich dabei beobachtet, dass du die Welle dort anstarrst”, sagt er lächelnd. “Vielleicht solltest du einfach mal dorthin paddeln und sie ausprobieren.” Ich stotterte: “Der eine Typ hat gesagt, das soll nicht so toll sein.” Er antwortete: “Ja, das war Hippo und er war noch nie dort drüben… wird wohl auch nie dort hinkommen. Ich heisse Herbie und du bist Gerry, richtig?” – “Ich weiss, ich meine, ja”, brachte ich heraus. “Irgendwann paddeln wir beide mal zusammen da raus. Ist nämlich ‘ne gute Welle”, rief er über die Schulter, als er weiterpaddelte. “Okay, danke!”, sagte ich und seitdem hatte sich alles verändert.

Herbie grüsste mich jeden Tag und auch die anderen bemerkten meine Anwesenheit auf einmal. Ich konnte mein Glück nicht fassen, plötzlich war ich nicht mehr auf der Hinterbank, sondern vorne in der ersten Reihe und konnte mir die Action genau ansehen.

Herbie war gut, wirklich gut. Irgendwann fragte er mich; “Hey, willst du die andere Welle mal ausprobieren?” – “Klar”, sagte ich, war aber nicht ganz sicher, worauf ich mich da einliess. Als wir durch den Channel paddelten und uns von unserem gewohnten Territorium entfernten, erzählte er mir: “Es ist eine ziemlich gute Welle. Der Grund dafür, dass keiner dort surft, ist folgender: Wenn du dein Brett verlierst, wäscht es über ein sehr flaches Riff. Verlier’ also dein Brett nicht, es gibt halt keine tiefe Stelle im Riff, durch die du durchschwimmen könntest!” Ich wusste genau, dass ich wahrscheinlich dort schwimmen müsste, und sah mir das Riff genau an. Je näher wir paddelten, desto mulmiger wurde mir.

Von Nahem sah sie besser aus und ich fühlte mich etwas wohler. Herbie zögerte, als ein Set rein rollte und da dachte ich: “Wenn du sie nicht willst, nehme ich sie.” Ich drehte mein Brett um und paddelte, fühlte, wie sie mich anschob, stand auf und positionierte mich für den steilen Drop. Das muss ich richtig gemacht haben, denn ich glitt ohne Probleme auf der Welle und alles war super leicht. Die Wasserwand vor mir fing an sich zu überwerfen. Ich duckte mich und erwartete eigentlich, von der Welle zermalmt zu werden. Doch plötzlich wurde alles still, totenstill. Die Welle tobte um mich herum, doch ich hörte kein Geräusch. Auch die Zeit verzerrte sich, alles spielte sich auf einmal in Zeitlupe ab. Ich sah um mich und war total perplex: Ich befand mich im Zentrum eines sich drehenden Wassertunnels. Jesus Palomino, ich war in der Tube! Es war ein überwältigendes Erlebnis. Am Ende schoss ich aus der Barrel heraus und lenkte mein Brett über die Schulter aus der Welle. Ich zitterte wie Espenlaub und schnappte nach Luft. Ihr müsst verstehen, dass es damals noch keinen Namen für Tube Riding gab.

Ich hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, da ich Herbies Brett auf der nächsten Welle auf mich zukommen sah. Ich griff mir sein Brett, bevor es übers Riff nach innen gespült wurde und schleppte es durch das Weisswasser zu ihm hinaus. Ich fragte mich die ganze Zeit, wie Herbie wohl runtergefallen wäre und sein Brett verloren hätte – das passierte ihm nicht oft.

Als er auf sein Brett kletterte, meinte er: “Mann, das war eine steile Welle. Habe mich beim Drop verkantet und bin dann ordentlich gewaschen worden.” Er pausierte, sah mich an und fragte: “Wie war deine Welle? Du warst doch viel tiefer beim Take-off als ich?” – “Weiss ich nicht”, antwortete ich. “Ich hatte halt Glück gehabt.” – “Oh ja..”

Herbie und ich wurden später gute Freunde, erlebten viele Abenteuer zusammen – ein paar davon waren gefährlich, einige albern und viele einfach nur dumm. Wir hatten Spass miteinander und ich lernte viel von ihm. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, ob er es wirklich damals sagte oder später. Die einfache Wahrheit in dem Satz sollte mir später in vielen Situationen helfen, nicht nur beim Surfen. Wenn man sich also fragt, ob man jetzt den nächsten Schritt im Leben wagen soll oder nicht, dann erinnert euch an Herbies Worte: “If in doubt paddle out!”

Text: Gerry Lopez
Photos: Aeder/chiemsee

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