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Flea Virostko

In der vorletzten SURFERS-Ausgabe schrieben wir bereits kurz über das Schicksal des berühmten Big-Wave-Surfers und Santa-Cruz-Locals Darryl „Flea“ Virostko. Um ein Haar brachten ihn die Drogen ins Grab. Doch Flea scheinen weder Riesenwellen, Drogen, Alkohol noch ein Sturz von einem 20-Meter-Kliff umbringen zu können. Was einen nicht tötet, macht einen nur härter? Mit eiserner Härte zog er jedenfalls sein Reha-Programm durch und ist nun clean. Um euch noch mal das gesamte Ausmass seines Absturzes zu zeigen, begleitete unser Autor Kimball Taylor für einen Nachmittag Flea entlang der nordkalifornischen Küste.

Der 37-jährige Big-Wave-Champion Darryl „Flea“ Virostko und ich stehen auf einem Kliff über dem grauen Nordpazifik. Der Wind pfeift und der Surf-Spot, den wir auschecken kamen, bricht unsurfbar unter uns. Flea befreit kurz darauf das Golfbag von der Ladefläche seines Toyota Tundra. Der Pick-up ist nur wenige Jahre alt, aber dicker Rauch qualmt bereits aus seinem Auspuff und sieben der acht Zylinder lassen den Motor unruhig vor sich hin stottern. Die rechte Tür und der Aussenspiegel sehen arg ramponiert aus: das Resultat von vor ein paar Monaten, als Flea den Wagen betrunken gegen einen Baum setzte. Das Wort „Tow-Schwuchtel“ ist noch auf der Windschutzscheibe zu erkennen. Einige Morro-Bay-Locals haben sich daran ausgelassen. Das Innere des Trucks ist übersät von Hinterlassenschaften seiner ehemaligen Bewohner. Denn Flea war nicht mehr in der Lage, die Rechnungen für sein Haus nur einige Blocks vom berühmten Spot Steamer Lane in Santa Cruz entfernt zu bezahlen. Flea, seine Freundin und die beiden Hunde mussten daher eine Zeit lang im Auto leben. Inzwischen haben sie eine einfache Unterkunft in den Bergen vor Santa Cruz gefunden. Doch in Zukunft müssen sie dorthin laufen, denn der Toyota wird demnächst verpfändet. Wir schlagen ein paar Bälle in den Wind und versuchen, sie von den weissen Schaumkronen der aufgewühlten See zu unterscheiden. Obwohl die Wellen schlecht sind, ist es für Flea mehr denn je wichtig, aktiv zu bleiben. Und wenn es nur bedeutet, Golfbälle in den Pazifik zu schlagen.

Warum wir uns hier draussen im grauen Winterwetter getroffen haben, hat nicht nur einen sportlichen Hintergrund. Wir trafen uns, um über seine Vergangenheit zu sprechen. Eine präzise Chronologie ist dabei allerdings kaum zu fassen, denn Flea war die meiste Zeit der letzten 20 Jahre high und das nicht nur des Surfens wegen. Aber die wichtigsten Eckpunkte bekommt er noch zusammen: „Meine Sponsorenverträge waren sehr hoch dotiert, bis die grosse Wirtschaftskrise zuschlug und ich plötzlich nur noch ein mittelloser Junkie war.“ Dass er sich nicht scheut, so etwas auch in der Öffentlichkeit zu sagen, bewies er bei der letzten Eröffnungsfeier des Mavericks-Events, als Jeff Clarke ihn bat, ein paar einleitende Worte zu sagen. Flea meinte nur: „Hallo, mein Name ist Flea und ich bin Alkoholiker.“ Der dreifache Gewinner des Mavericks-Big-Wave-Events trank noch im letzten Jahr fast zwei Flaschen Wodka am Tag. Das Erste, was er nach dem Aufstehen tat, war, ein Gatorade zur Hälfte auszutrinken und mit Wodka wieder aufzufüllen. Auch Methamphetamine, besser bekannt als Crystal, waren für Flea keine unbekannten Begleiter. Am Morgen des 2007/’08er-Mavericks-Event hatte Flea zuvor nicht eine Minute geschlafen. Dort high hinauszupaddeln war nichts Neues für ihn, aber einen Extra-Boost gab es seinem Surfen nicht. Nach der ersten Runde war für ihn Schluss. Der Kampf mit dem Crystal hingegen nicht.

An diesem Nachmittag waren Flea und ich noch an einem anderen Kliff, das „90 Degree“ genannt wird, weil die Strasse dort kurz vor einer knapp 35 Meter hohen Klippe im rechten Winkel abbiegt. An dem schwer zugänglichen Strand am Fusse des Kliffs treffen sich oftmals Süchtige, weil sie dort ungestört feiern und konsumieren können. Letztes Jahr feierte Flea dort mit Freunden eine ihrer Drogenpartys.

Am Nachmittag kletterte Flea dann den steilen Weg vom Strand mit seinen Hunden hoch, als ihm nach etwa zwei Dritteln des Anstiegs ein Freund von oben etwas runterrief. Als Flea nach oben schaute, wurde ihm erst schwindelig, dann wurde er ohnmächtig. Augenzeugen berichteten, dass sein Körper einen komplett gestreckten Backflip hinlegte, bevor er aufschlug. Flea stürzte 20 Meter tief auf die verrosteten Metallteile eines alten Piers. Sein Arm war übelst gebrochen und er hatte tiefe Schnitte im Gesicht, aus denen in Sturzbächen Blut floss. Er hatte riesiges Glück, überhaupt überlebt zu haben. Als er wieder zu sich kam, wollte er das Kliff wieder hinaufklettern, doch seine Freunde stoppten ihn glücklicherweise von dem Vorhaben und riefen einen Rettungshubschrauber. Vier Tage verbrachte er im Krankenhaus. „Eigentlich war ich tot, zumindest hätte ich es sein müssen.“ Als ich mit Flea das Kliff besuchte, trat ich an den Abgrund.

Flea blieb weit entfernt von der Kante stehen: „Kommst du nicht mir runter?“ – „Auf keinen Fall! Ich war seit dem Unfall auch nicht mehr dort.“ Das Kliff ist beeindruckend hoch. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Mensch einen Sturz von hier oben überleben konnte.

Doch das Ereignis brachte ihn nicht von den Drogen weg. Nach seinem Krankenhaushalt blieb er zwar einige Wochen halbwegs clean und trank „nur“ noch, aber es dauerte nicht allzu lange, bis die Drogen wieder Besitz von ihm ergriffen. Sucht man nach den Gründen für seine Sucht, so gehört zu einem gewissen Teil der Name Vince Collier dazu. In Fleas ersten Jahren des Erfolgs, als er gerade als das Aerial-Phänomen Schlagzeilen machte, brachte Collier ihn eines Tages 58 Meilen nördlich nach Mavericks und stellte ihm diese Welle vor. Fleas Talent und seine nicht vorhandene Angst vor grossen Wellen sorgten schnell für Aufsehen. Doch Collier war nicht nur dafür bekannt, sich um Santa Cruz’ surfende Jugend zu kümmern, um sie im Surfen weiterzubringen, er verstand es auch, hart zu feiern. Und so erzählt Flea immer noch gerne die Geschichte, wie er im Alter von 20 Jahren das erste Mal Mavs auf Crystal surfte. Collier fuhr mit ihm hin und brachte ihn raus in den Line-up. Diese Geschichte hat Fleas Status als Bad Ass damals zementiert.

Im Laufe der Jahre gewann er den berühmten Big Wave Event in Mavericks 1999 das erste und 2000 das zweite Mal. 2004, nachdem der Event die Jahre dazwischen wegen zu kleiner Wellen nicht ausgetragen werden konnte, gewann er das dritte Mal in Folge und schlug damals Kelly Slater im Finale. Finanziell und emotional bezeichnet Flea diese Jahre als die Höhepunkte seiner Karriere.

Wenige Jahre später ist seine Karriere in Rauch aufgegangen. Nach seinem Krankenhausaufenthalt und der Rückkehr zu den Drogen machte ihm sein gebrochener Arm Schwierigkeiten und blieb lange Zeit steif. Im Herbst 2008 erlebte Flea schliesslich einen Schlüsselmoment: Seine Familie und Freunde besuchten ihn und redeten einmal mehr verzweifelt auf ihn ein. Auch wenn es nicht das erste Mal war, bewirkte es diesmal etwas. Flea verstand plötzlich, dass er nicht nur sich selbst allmählich umbrachte, sondern dass er damit auch den Menschen sehr wehtat, die ihn liebten.

Flea nimmt mich noch ein Stück weiter die Küste hinunter, als er mir plötzlich von seiner neuen Idee erzählt, die er zusammen mit O’Neill-Gründer Jack O’Neill und Big-Wave-Pionier Richard Schmidt umsetzen will. Das Projekt trägt den Arbeitstitel „Flea-hab“ und sieht die Hilfe für drogenabhängige Surfer und Sportler vor. Das zwölf Schritte umfassende Programm soll sie von ihrer Sucht befreien. „Wir nutzen dabei den Ozean als Heilquelle“, wird mir auch Richard Schmidt später erzählen. Das Programm unterscheidet sich massgeblich von den Rehab-Entziehungskuren, durch die Flea ging, in denen aber sportliche Aktivitäten vernachlässigt werden. Auf die Idee zu dem Projekt kamen die drei Anfang des Jahres bei Jack O’Neill zu Hause. „Surfer, insbesondere in den Anfängen des Sports, waren immer schon abenteuerlustige Burschen, die alles ausprobieren wollten. Einige von ihnen sind aber schliesslich hängen geblieben und man hat sie nie mehr gesehen“, weiss Jack O’Neill, der viele solcher Fälle seit seiner ersten Shop-Eröffnung in Santa Cruz gesehen hatte. O’Neill bot seine finanzielle Power und seine Erfahrungen als Geschäftsmann für das Reha-Programm an. Schmidt bringt seine Erfahrungen im Organisieren von Camps ein und Flea seine Lebenserfahrung und seinen bekannten Namen. „Es ist höchste Zeit für solch ein Programm!“, erklärt Jack O’Neill. „Und ich denke, Flea kann hier wirklich etwas bewegen. Du musst durch diese Hölle gegangen sein, um die Leute wirklich verstehen und Einfluss auf sie haben zu können.“

Nach unserer Tour entlang der Küste steht Flea zwar nach wie vor vor einem Haufen Problemen, dennoch reisst der düstere Himmel langsam über ihm auf und die Sonne blinzelt durch. Er ist wieder zum Mavericks-Event sowie zum Eddie Aikau eingeladen worden. Sein Traum, ein eigenes, anderes Entziehungsprojekt aufzubauen, wächst langsam, aber sicher. Und vor allem ist er trotz einiger Rückschläge nach wie vor weg von den Drogen. „Es ist alles noch sehr schwer für mich. Aber clean zu werden fühlt sich verdammt gut an!“, blickt Flea einer besseren Zukunft entgegen.

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