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Travel

Maledives

Regel no.1: Überlege dir gut, mit wem du auf ein Boot gehst… Wenn es irgendwo auf der Welt beengt zugeht, dann auf einem Boot. Und selbst wenn du deinen nächsten Surf-Trip aus irgendeinem unerfindlichen Grund auf einem Luxusdampfer verbringen solltest, wirst du dich vor deinen Mitreisenden nicht ewig verstecken können. Tja, bis auf Sam Lamiroy, mit dem ich schon ein paar kalte Tage in Dänemark verbracht hatte, kannte ich eigentlich keinen der Jungs, mit denen ich eine Woche auf einer kleinen Nussschale irgendwo im Süden der Malediven verbringen sollte. Doch sollte ich deswegen nein sagen zu einem Boat Trip mit der Aussicht auf einsame Wellen unter der brennenden Sonne des Äquators?

Regel no.2: Nimm nur das Nötigste mit auf deine Reise
Ausser Justin, Jarrad und Sam, den drei Surf Pros von O’Neill, die uns zeigen sollten, was man alles auf und mit abgelegenen Wellen so anstellen kann, schien keiner der anderen Mitreisenden diese Regel je gehört zu haben. Stellt euch Berge von Taschen und Bags vor voll gestopft mit Filmmaterial, Surf-Stuff, Sonnenschutz und was weiss ich nicht noch alles. Allmählich fand sich die Reisecrew mitsamt Stuff im Terminal von Male ein. Mit dabei waren die beiden Fotografen Bill Morris und Greg Rabejac sowie meine Kollegen Sharpy (Surf Europe), Mike (Adrenalin) Julian (Surf Session), ein englisches Kamerateam und last but not least Julien, die gute Seele von O’Neill. Verschwitzte Hände wurden geschüttelt, während Julien uns weitere Tickets in selbige drückte. Ein maledivisches Linienflugzeug sollte uns an den südlichsten Zipfel der Inselkette fliegen, genauer: nach Kaadedhdo

Noch nie gehört, den Namen? Na, macht euch keine Sorgen, wir hatten zuvor von solch einem Ort auch noch nie etwas gehört. Hätten wir nicht hundert Stunden Schlafentzug aufgrund von hektischem Anreise- und Umsteigestress auf der Habenseite unseres Reisekontos verbuchen können, wäre wohl kaum einer von uns freiwillig in den völlig überladenen Miniflieger eingestiegen. Da auch die offizielle maledivische Flughafenseite ein wenig an der Belastbarkeit ihrer Airline angesichts unseres Gepäcks zu zweifeln begann, durften wir aber zuvor noch mitsamt unseres Handgepäcks auf die Waage. Ein Schritt, der bei manch einem nur unter absoluter Geheimhaltung gegenüber den weiteren Mitreisenden vonstatten ging aufgrund des beachtlichen Gesamtresultats nach dem langen Winter… Irgendwie hatten die Offiziellen dann aber doch die Nase voll von uns und so hoben wir ganz im Style von “Albatros Airlines” glücklich ab. Spätestens als dann unter uns im türkisblauen Wasser ein Riff nach dem anderen auftauchte, surften wir in unseren Tagträumen unsere erste Session und die Schwerkraft gehörte der Vergangenheit an.

Regel no.3: Entspanne dich, nichts geht wirklich schnell auf einem Boot
Ich nehme jede Wette drauf an, dass an dem so genannten Flughafen, ein bisschen Teer in der Mitte von nirgendwo namens Kaadedhdoo, in einem ganzen Jahr nicht so viel Gepäck ausgeladen wird wie das, was wir an diesem Tag auf die Landebahn plumpsen liessen. Nach einem kleinen Spaziergang zur anderen Seite der Insel, welcher auf den Malediven im Schnitt nie länger als zehn Minuten dauert, haben wir endlich unsere schwimmende Heimat für die nächsten sieben Tage erreicht. Und was, bitte, eignet sich besser als ein erfrischendes Bad im Ozean, um sich den Reisestress abzuwaschen? Vielleicht eine nette Surf Session? Um ganz sicherzugehen, sprangen wir schon mal ins Wasser und hofften dann auf den Abend. Iba, unser Local Guide, erklärte uns, dass eigentlich noch ein wenig Swell vorhanden sein müsste. Es war kurz nach zwei Uhr. Der Spot, den er für unseren ersten Tag auserkoren hatte, war drei Stunden entfernt. Na, da blieb uns doch noch ‘ne lockere Stunde im Line-up…

Irgendwie waren wir uns recht sicher, dass der Robinson-Crusoe-Clip vor unseren Augen ohnehin bald von der nächsten Werbepause unterbrochen würde, während wir gespannt nach dem ersten Anzeichen unseres unbekannten Spots Ausschau hielten. Wider Erwarten stoppten die Maschinen doch noch kurz vor Sonnenuntergang, es gab keine Werbung, sondern einen netten Righthander zum Abendbrot. Sagte ich “nett”? Fett, schnell und gefährlich ist die treffendere Beschreibung für das aus der Nähe betrachtet lockere fünf Fuss grosse Tube-Fenster des Spots. Ist man an die eher spielerischen Wellen im Norden der Malediven gewöhnt, kann man nur sagen: Das Ding musste getuned sein. “Dieser Spot ist einer der heftigsten im Süden. Das Riff ist extrem flach und die Welle trifft aus sehr tiefem Wasser darauf, hat also viel Energie in sich”, erklärt uns Iba mit einem wissenden Grinsen beim Abendessen.

Regel no.4: Du bist, was Du isst
Als wir bei Sonnenaufgang aus unseren Kojen krabbelten, hatten sich die Wellen ver- und der Himmel zugezogen. Zeit für ein langes, ausgiebiges Frühstück. Zeit für einen starken Kaffee. Zeit für Stuhlgang bei Seegang. Nur noch so viel: Springt nie an der Seite, an der die Schiffstoilette liegt, ins Wasser! Und wundert euch nicht über euren Kumpel, falls er morgens mal längere Zeit etwas abseits des Breaks im Wasser liegt…

Regel no.5: Wetterkarten lügen nie – man muss sie halt nur richtig interpretieren…
Iba, unser Guide, hatte uns nach einigen neuen Wetter-Infos vom Flughafen auf Male auf einen südlichen Kurs gebracht. Der erste Spot war zu klein, der zweite lief, sah aber aufgrund des Niedrigwassers nicht besonders einladend aus. Was soll’s, nachdem ich dem Kapitän und Jarrad, die intensiv die Karten studierten, ein paar Minuten zugehört hatte, war klar, hier gibt’s im Umkreis von zehn Seemeilen mehr Spots, als wir in einer Woche verkraften könnten. Der Trick war wie so oft, den besten für die jeweiligen Bedingungen zu finden. Als wir um die Insel steuerten und den ersten Blick auf unser neues Ziel werfen konnten, hielt es uns kaum noch auf dem Boot: Wir mussten aufs Board! Ohne Murren akzeptierten die Pros die Tatsache, dass sich wie schon bei der ersten Welle gemütliche drei Fuss vom Boot bei genauer Betrachtung in fünf bis sechs Fuss Power verwandeln. Obwohl weit und breit keine anderen Boote oder Surfer zu sehen waren, lief an diesem Tag kaum eine Welle ungesurft über das scharfe Riff – Pros haben einen echt harten Arbeitstag zu absolvieren..!

Regel no.6: Schau’ dir Boot und Mannschaft genau an, bevor du an Bord gehst – Könnte ja sein, dass ein Sturm aufkommt…

In dieser Nacht schliefen wir tief und fest ausser denjenigen, die unbedingt auf dem “Sonnendeck” unter freiem Himmel schlafen wollten. Schliesslich waren wir in der Mitte der Monsumsaison unterwegs und das bedeutete alles andere als garantiertes Postkartenwetter. “Oh Mann, es schüttete auf einmal wie aus Eimern!” – “Wirklich? Hab’ ich gar nicht bemerkt…” Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich das Wetter auf diesem Trip verschlafen konnte. Wir blieben noch einen Tag vor “Chicas”, so der Name unserer flüssigen Spielgefährtinnen, vor Anker. Allerdings zeigten sich die “Mädels” immer zugeknöpfter hinsichtlich Höhe und Häufigkeit ihres Erscheinens. Dafür kündigte sich ein neuer Gast namens “hulhangu” an. Der Himmel zog sich immer weiter zu und, was wir damals noch nicht ahnen konnten, Mr. Hulhangu sollte uns bevorzugt nachts und das gleich dreimal hintereinander besuchen. Ihr könnt euch ja sicher vorstellen, dass, sobald sich der Himmel zuzieht, ungefragt von allen Seiten ein paar wilde Geschichten auf einen eingehen: “Ah, weisst du, am schlimmsten ist es in Indo: Wenn es kritisch wird, fallen die Jungs dort einfach auf die Knie und beten zu Allah – nicht besonders hilfreich, wenn das Boot langsam voll läuft…”

Mit solchen und ähnlichen Stories im Ohr und der Gewissheit, dass auch auf den Malediven Allah der oberste Chef ist, verschwanden wir in unsere Kojen unter Deck. Hektisches Treiben und unverständliches Geschrei der Mannschaft veranlassten uns zu einem ausserordentlichen Mitternachts-Meeting. Es regnete in Strömen und der Wind peitschte über uns hinweg. Ein Anker hatte sich losgerissen, und da unsere beiden Zwölfmeter-Schiffchen miteinander vertaut waren, gab es Grund zur Eile. Mehr als einmal trieben die beiden Boote dramatisch aufeinander zu. Obwohl keiner von uns auch nur eine Sekunde der darauf folgenden Nachtfahrt verpasste, wissen wir nicht, wie der Kapitän es letztlich schaffte, bei null Sicht und nur beim trüben Schein einer Taschenlampe unser Schiff und das andere durch die flachen Korallen in den Windschatten einer anderthalb Stunden entfernten Insel zu lotsen… Allah sei Dank!

Regel no.7: Wenn du leicht Seekrank wirst, lass lieber die Finger von einem Boat trip
Zumindest meide alle geschlossenen Räume! Nach dieser Nacht konnten wir es kaum erwarten, ein wenig festen Boden unter den Füssen zu spüren. “Das war seit langem der heftigste Sturm, den wir hier hatten. Oh, ihr wart gestern Nacht auf einem Boot unterwegs?”, war der erste Kommentar, den wir von einem lächelnden Local auf Thinadhoo zu hören bekamen. Nette Begrüssung.

Regel no.8: Es gibt Fisch, Baby!
Mangels surfbarer Wellen verlegten wir uns zum Ende unseres Trips aufs Fischen. Eine Rolle, ein Haken und ein wenig Glück sollten reichen, um unseren Koch und uns glücklich zu stellen. Es reichte zu weit mehr als das. Wettkämpfer durch und durch, der Jarrad nun einmal ist, wechselte der Aussie auf die dicke Schnur und den dicken Haken. Keine Minute später kämpfte er verbissen um Halt an Deck. Ein fetter Sailfish, der Traum eines jeden Sportanglers, versuchte, ihn zu sich ins Wasser zu ziehen. Doch ein paar helfende Hände retteten den fetten Fang und Jarred. Nach dieser Vorlage war es natürlich schwer für uns, das interne Angelduell noch zu unseren Gunsten zu entscheiden. Obwohl Greg, unser französischer Angelkönig, noch kurz vor dem Zielhafen mit einem ordentlichen Mahu nachlegte…

Regel no.9: Einmal Crew, immer Crew
Auf einem Boot ist es nicht einfach, goodbye zu sagen. Die meisten von uns trösteten sich damit, dass wir auf Lohifushi noch ein wenig Cocktails schlürfen und dem Präsidenten der Malediven unsere Aufwartung machen durften. Und mit der Aussicht auf ein Bett, das mit allen vier Beinen fest auf dem Boden verankert ist. Jarrad tröstete sich mit einem dritten Platz beim Deep Blue Open.

Regel no.10: Vergiss alle Regeln, es kommt eh anders als geplant (Ausser vielleicht Regel No.6: Die könnte dir das Leben retten)
Besuch’ den Süden der Malediven. Wer weiss, wie lange er noch ein unberührtes und friedliches Surf-Paradies ist. Für 2006 sind auch hier schon zwei Resorts geplant. Es wäre ja auch zu schön, wenn alles so bleiben würde, wie es ist…

Statements

“Von diesem Tag sind mir zwei Wellen von Justin und Sam besonders im Gedächtnis geblieben. Ich war gerade wieder am Rauspaddeln und schaute den Jungs dabei zu, wie sie völlig durchdrehten. Es ist ziemlich strange: Da sind drei Leute draussen, und während du die beiden anderen jeweils auf einer Welle siehst, weisst du schon, dass die nächste für dich reserviert ist. Zuerst sah ich, wie Justin diese wirklich ordentliche Welle bekam, und dann setzte Sam mit einer grossen Barrel noch einen drauf. Ich war so aufgeregt beim Rauspaddeln, fühlte mich wie ein kleines Kind im Spielzeugladen, denn ich wusste, die nächste Welle gehört mir. Und ich wollte unbedingt besser sein als die beiden Jungs vor mir…”

Jarrad Howse

“Oh Mann, so aufgeregt war ich schon lange nicht mehr! Nach all dem Packen und Reisen zuerst die Wellen aus der Luft zu betrachten und dann endlich rauszupaddeln… Wir wussten nichts von der Welle. Nicht ob sie einen Namen hatte, nicht ob irgendjemand sie schon mal gesurft war. Keiner wusste, wo Steine rumlagen oder wo die heftige Section war. Mir lief wirklich eine Gänsehaut über den Rücken. Dann sahen wir die Welle vom Boot aus: Sie war wirklich hohl! Was würde passieren? Bekommt man sofort eine Tube oder landet man einfach irgendwann auf dem trockenen Riff? Vom Boot sah es perfekt aus, aber auf dem Wasser zeigte sie ihre Zähne. Sie brach hohl und ohne Vorwarnung. Es war ziemlich heftig, vor allem wenn du von der Lippe mitgenommen wurdest.”

Sam Lamiroy

“Während eines Surf-Trips finde ich zu mir selbst. Ich bin alleine an einem Platz, an dem ich noch nie zuvor war. Klar, es kommen schon recht viele Surfer auf die Malediven. Aber es war mein erstes Mal hier und irgendwie ist es dann so, als wenn man all diese Wellen nur für sich entdeckt, und das ist ein ganz besonderes Gefühl. Wir haben Spots gesurft, die nicht mal Namen hatten. Unbekannte, entlegene Spots, von denen niemand wusste, wie gut sie werden können. Keiner kannte das Potenzial. Ich liebe dieses Gefühl. Dieses Gefühl, nicht zu wissen, was einen erwartet. Das ist für mich das Wesentliche an Surf-Trips. Hier surfe ich für mich. Hier kann ich all den Contest-Stress abbauen. Hier finde ich zur Ruhe.”

Justin Mujica

“Natürlich gibt es jede Menge Erwartungen, wenn du dich zu einem Surf-Trip aufmachst. Erst recht, wenn’s an einen Ort wie die Malediven geht. Als ich im Flugzeug anfing, mir vorzustellen, was man mit den Wellen da unter uns alles anstellen könnte, wurde mir ganz schwindelig. Ich wollte nur noch wissen, wie gut die Wellen da unten wirklich sind. Ich wollte eine surfen. Oh, diese Rechte… überall Breaks… Ich konnte es kaum erwarten, einfach rauszupaddeln.”

Jarrad Howse

“Ich denke, diese Veränderung liegt in der Natur des Menschen. Unberührte Spots sind so etwas wie eine Schneeflocke. Wenn du sie zum ersten Mal siehst, ist sie perfekt. Versuchst du, sie zu fassen, ist sie schon verschwunden. Irgendwie fühlt es sich hier auch so an. Wenn du reist und du es eigentlich nur für dich finden und entdecken möchtest, so ist es doch fast unmöglich, es unter Verschluss zu halten. Wenn die Bedingungen supergut sind und dann noch das Drumherum perfekt erscheint, brennt es in dir, es zumindest ein paar guten Freunden zu erzählen. Und bevor du weisst, wie dir geschieht, rinnt es dir durch die Finger und Charterboote und Reiseanbieter sind auf dem Weg zu deinem kleinen Geheimnis.”

Sam Lamiroy

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