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Alex Knost

Alex Knost führt eine Revolution in der immer hipper werdenden und wettkampfgesteuerten kalifornischen Surf-Szene an. Während in vielen Wellen des Golden State Pro-Sticker auf dem Board ein Must-have sind, um überhaupt akzeptiert zu werden, paddelt Alex mit einem 50 Jahre alten Single-Fin Longboard durch den Line-up. An die Blicke der Shortboarder hat er sich schon lange gewöhnt und zeigt ihnen mit Kreativität und neuen Moves, dass Surfen auch anders aussehen kann. “Slipping through the cracks of opportunity” lautet sein Erfolgsrezept im Leben, egal ob auf dem Longboard, in der Musik oder seiner Kunst.

Es ist das erste Mal, dass ihm eine Frau das Herz gebrochen hat, und ein paar traurige Wochen mussten ins Land ziehen, bis das Herz aufhörte zu schmerzen. Doch auch wenn’s wehgetan hat, Alex ist Manns genug, um darüber hinwegzukommen. “Dinge verändern sich in Beziehungen und es gibt keinen Grund, darüber traurig zu sein oder darunter zu leiden.” Doch bevor die Scherben seiner Beziehung endgültig beiseite gekehrt werden können, muss noch an einer Kleinigkeit gearbeitet werden: Seit sechs Monaten ziert ein rotes Herz samt Namenszug der Ex seinen schlaksigen Bizeps. Er erklärt dem Tätowierer, dass er gerne eine zarte Rose über ihren Namen gestochen haben möchte. Für Alex scheint die Rose das angemessene Symbol: “Es ist wenigstens nichts Gemeines oder Boshaftes, keine Kettensäge oder Totenkopf.”

Wovor jede Mutter ihren Sohn warnt, sich die Liebe zu einem Mädchen auf dem Körper zu verewigen, ist nur ein Beispiel Alex’ ausgeprägter Persönlichkeit. Diese spiegelt sich in allen Bereichen seines Lebens wider. Sei es beim Wellenreiten, Bildermalen, Texteschreiben oder beim Singen in seiner Band, den Japanese Motors, Alex steht hinter allem, was er macht, mit ganzem Herzen. Und diese Passionen enden nicht einfach mit den kreativen Ergebnissen. Sie bestimmen jeden Tag und jede Sekunde seines noch jungen Lebens.

Zurück vom Tattoo-Studio machen wir es uns in seiner spärlich möblierten Einzimmerbude in Costa Mesa/Kalifornien gemütlich. Ich frage ihn, wie sein normaler Tagesablauf aussieht. “Ich lebe einfach so in den Tag hinein, wache morgens auf, trinke einen Kaffee, und je nachdem ob Wellen sind, gehe ich surfen oder widme mich meinen anderen Hobbys. Das Verrückte ist, dass ich von all meinen Leidenschaften leben kann”, erzählt er mit leuchtenden grünen Augen und setzt zu einem tiefen Schluck aus seiner 7/11-gebrandeten Kaffeetasse an. Währenddessen bemerke ich die im Fernseher laufende White-Stripes-DVD. Palmenblätter trommeln durch einen starken morgendlichen Ostwind gegen die Fensterscheiben. Das Rauschen vom Freeway 55, der nur einen Frisbee-Wurf von seiner Haustür entfernt liegt, hat kaum Chancen, gegen die Böen anzukommen. “Ich meine, die meisten meiner Freunde kommen gerade vom College und werden wohl in nächster Zukunft in einen Nine-to-five-Job rutschen, während ich das Glück habe, jeden Morgen aufzuwachen und das zu machen, wozu ich Bock habe.”

Um mit solch einem entspannten Lebensstil überleben zu können, spielte er die Hauptrolle in dem erfolgreichen Blockbuster-Surf-Film “Sprout” und ist gerade wieder Star in einem neuen 16-Millimeter-Filmprojekt namens “One California Day”. Seine Malereien hängen in Ausstellungen neben bekannten Künstlern wie Ed Templeton, Andy Davis, Alex Kopps, Thomas Campbell und Ozzie Wright und verkaufen sich gut. Sein Singen, das an eine Mischung aus Iggy Pop und Mick Jagger erinnert, begeistert bereits eine feste Fangemeinde. Platten-Labels sind ebenfalls auf die Band aufmerksam geworden. Zudem schaffte er im letzten Herbst, als erst vierter Longboarder seit 1969 auf das Cover des “Surfer”-Magazins zu kommen (nach Herbie Fletcher, Joel Tudor und Bonga Perkins). Zusätzlich profitiert er von der grossen Unterstützung seines Sponsors RVCA, der diese seltene Surf-Persönlichkeit schützt und ihm die Freiheit lässt, er selbst zu sein. In einer Zeit, in der die Surf-Welt verzweifelt nach etwas Neuem sucht, kommt diese kreative Mischung genau richtig. Sie ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem rund 30 Jahre alten Marketing-Denkmuster für Pro-Surfer. “Slipping through the cracks of opportunity”, wie Alex es nennt, hat dem hageren Vegetarier den Luxus eingebracht, sein Leben auf eigenen Füssen bestreiten zu können, ohne in eine WG ziehen zu müssen, und genug Geld zu haben, um den Benzin vernichtenden 1965er-Valiant laufen zu lassen, wöchentliche Einkäufe in Musik- und Kunstläden tätigen und immer noch etwas auf die hohe Kante legen zu können.

Doch es war nicht immer einfach für Alex, diesen neuen Stil zu leben. Sein Hang zu alten Boards und alter Musik, gemixt mit seinem Second-Hand-Klamotten-Look, eckte oft bei seinen mit Logos übersäten Surf-Bros in der Schule an. Eigentlich verstand keiner seiner Kollegen, was er da eigentlich ausdrücken wollte. “In meiner Schule musste man anscheinend ein kreativloser Idiot sein, um als cooler Surfer durchgehen zu können”, erinnert sich Alex und lacht. “Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich oft den einen oder anderen Kakao alleine auf dem Schulhof trinken musste. Ich glaube, dass diese ganze Szene mich letztendlich auf die Underdog-Schiene gebracht hat, auf der ich jetzt bin.” Von den hänselnden Mitschülern gänzlich unbeeindruckt, feilte er fleissig an seinen Longboard-Tricks weiter, bis sein Talent von niemandem Geringeren als “Endless Summer”-Star Robert August entdeckt wurde. Er nahm Alex unter seine Fittiche und gab ihm das nötige Selbstvertrauen, damit er seinem Stil weiter treu bleiben konnte.

Auf die Frage, wie es damals für ihn mit dem Surfen angefangen hatte, antwortet Alex mit etwas angeschlagener Stimme, ein Resultat des letzten Auftritts mit seiner Band: “Als Junge sind deine Eltern deine ersten Vorbilder. Mein Vater [Jim Knost] war ein guter Surfer hier in der Gegend. Er surfte in ,Blackies’, was damals das Longboard-Zentrum von Newport war. Er und seine Kumpels sahen für mich aus, als hätten sie eine gute Zeit auf ihren Brettern, daher war es für mich nur normal, auch damit anzufangen. Ausserdem war das Rockabilly-Ding damals ziemlich gross. Ich war für alles zu begeistern, was mit Elvis, den Happy Days, The Fonze und den Beach Blanket Bingos zu tun hatte. Durch meinen Vater erfuhr ich von den alten Longboard-Filmen von Bud und Bruce Brown. Ich war fasziniert von der ganzen 50er- und 60er-Jahre-Kultur. Daher fahre ich auch heute noch am liebsten auf den alten Single-Fins dieser Zeit.”

Fast hätte Alex’ Karriere früh ein jähes Ende gefunden, als ein schwerer Betonmischer über den erst Zwölfjährigen fiel. Der Mischer zertrümmerte seine Ferse und um ein Haar hätte er nie wieder surfen können. Der Fuss wurde eingegipst, trotzdem wurde der Schmerz von Woche zu Woche schlimmer. Als der Arzt den Gips entfernte, war die Ferse bereits am Faulen. Aus Sorge vor einer Infektion, die das gesamte Bein hätte befallen können, überlegte man, es sofort unterhalb des Knies zu amputieren. Die Verletzung hatte das Zellgewebe zerstört. Doch die Ärzte entschieden sich für eine komplizierte und riskante Hauttransplantation, die Alex’ Bein letztendlich rettete. “Heute denke ich zwar nicht mehr über diesen Unfall nach, aber ich weiss, dass es schon damals meine Sicht auf das Leben verändert hatte.”

Ein schrilles Telefonklingeln unterbricht unser Gespräch. Alex entschuldigt sich höflich und nimmt den Hörer ab. Es ist sein alter Kumpel Nolan Hall, Gitarrist der Japanese Motors, mit aufregenden Neuigkeiten über einen sich ankündigenden Swell vor Huntington Cliffs. Alex läuft sofort in sein mit Farbsprenkeln übersätes Kunst- und Board-Studio. Hastig zieht er einen Dano-Surfboards-Noserider und ein Michael Peterson Single-Fin Egg aus dem Board-Rack und wirft es auf die rostigen Dachgepäckträger seines Valiant. Ein graffiti-besprühtes Fish wird zusätzlich in den Kofferraum geschmissen.

Auf dem Weg nach Huntington Cliffs fahren wir im Valiant die Newport Avenue hinunter direkt auf “Blackies” zu, um einen “Vielleicht geht ja schon hier was”-Surf-Check einzulegen. Während wir die Strasse entlangfahren, greift Alex in die Ablage, um aus einem guten Dutzend von der Sonne verblichener Kassetten zielsicher die mit dem “Oldies”-Schriftzug herauszupicken. Meine Augenbrauen schiessen in die Höhe, als mir die ersten Klänge einer sehr vertrauten Musik aus dem einzigen funktionierenden Lautsprecher entgegentönen. “Die Beach Boys sind die Grössten!”, kichert Knost. Und um diese gewagte These zu untermauern, sagt er mit einem Grinsen: “Viele stimmen mir da wahrscheinlich nicht zu. Du triffst viele Menschen im Leben, die dir sagen wollen, ob etwas langweilig oder uncool zu sein hat. Wenn man dann nicht ihrer Meinung ist, finden sie einen plötzlich auch uncool. Mich kümmert das nicht. Wenn man nur auf die Meinung anderer hört, ist man doch am Ende nichts Besseres als eine schlechte Kopie von denen. Ich finde die Beach Boys genial. Wie mutig muss man denn bitte sein, um albenweise schnulzige Songs rauszubringen?!”

Wie für diese Jahreszeit zu erwarten, liegt “Blackies” im Swell-Schatten von Catalina Island. Das Meer liegt flach vor uns. Wir fahren weiter in Richtung Huntington Cliffs. Dadurch dass Alex die meiste Zeit in den kleinen kalifornischen Wellen vor seiner Haustür surft, bekommt er von dem einen oder anderen schon mal einen Spruch reingedrückt. Leute nennen ihn Small Wave Surfer. Aber Alex macht daraus keinen Hehl und verteidigt sich nicht: “Nenn mich, wie immer du willst. Nenn mich Weichei, nenn mich Pussy oder was auch immer. Dies ist Südkalifornien, Mann, nicht die North Shore! Ich gehe die Wellen vor meiner Haustür surfen, egal wie klein sie sind. Und wenn mich das zu einem Small Wave Surfer macht, dann bin ich’s halt.” Er lacht. “Medien- und Marketing-Menschen versuchen immer, alles in Schubladen zu schieben. Ozzie Wright ist der Aerial-Mann, Joel Tudor ist der Soul-Typ, Andy Irons ist der Contest-Mann. Für mich sind sie alle einfach nur verdammt gute Surfer. Aber wenn das anscheinend wichtige Etiketten sind, die auf die Menschen geklebt werden müssen, dann bin ich eben der Small-Wave-Soul-Schwächling.”

Sich einen Namen in grossen Wellen zu machen war nie Alex’ Ding. Noseriding, Hang Ten, Hang Heel und irgendwelche verrückten Figuren auf dem Brett abzuziehen schon. Trotzdem respektiert er die Jungs, die Teahupoo, Maverick’s und Pipeline surfen, und vor allem schwärmt er für seinen Kollegen Joel Tudor, der ausnahmslos alle Wellenhöhen und Board-Typen surfen kann. Doch für Alex selbst ist das nichts, er liebt es einfach, mit seinem Longboard in kopfhohen oder kleineren Wellen Spass zu haben. Und trotz dieser Einschränkung zählt er in meinen Augen zu den innovativsten und einfallsreichsten Surfer Kaliforniens. Einige behaupten sogar, er sei der talentierteste und kreativste Longboarder der Welt. “Das, was ich mache, ist High Performance Longboarding, nur dass ich dafür keine drei Finnen an mein Board schrauben muss wie die Contest surfenden Longboarder. Wenn du versuchst, es wie ein Sechsfuss-Board zu surfen, sieht das für mich einfach nicht schön aus. Das ist einfach Shortboarden auf einem falschen Board”, erklärt Alex.

Nicht weit von Huntington Cliffs entfernt steuert er sein 60’s-Relikt auf den nördlichen Parkplatz. Wir schauen hinunter auf den Spot. Wie angekündigt bricht eine kleine, saubere Welle. Sofort taucht er in die vor Krempel und Müll nicht zu erkennende Rückbank des Autos. Zwischen Skateboards, müffelnden T-Shirts, Hosen, Jacken und Schuhen, Kaffeebechern, Zeichenblöcken, Springseilen, zerdrückten Hüten, zerknülltem Papier und wer weiss, was noch alles, zieht er einem feuchten Neo heraus und springt hastig hinein. Nachdem wir eine Hand voll Münzen in die Parkuhr geschmissen haben, klettern wir einen kleinen Pfad hinunter, um zur Wasserkante zu gelangen.

Zwei Stunden und zehn von mir, 40 von ihm gerittene Wellen später mühen wir uns den Berg wieder hoch zum Auto und rollen wenig später rüber zum “Alta Café”, wo wir zwei Becher Joe’s Coffee und einen getoasteten Bagel mit Cream Cheese und Tomate bestellten. Mit einem dampfenden Becher Kaffee in der Hand höre ich Alex zu, wie er gleichzeitig von seinen aufregenden neuen Plänen für die nächsten Shows, den gerade gesurften Wellen und der hübschen Kellnerin schwärmt. Während mir das Salzwasser aus der Nase trieft und ich müde und entspannt in die Sitzeckel sacke, fällt mir auf, wie viel Energie in diesem 20-Jährigen steckt. “Wenn es gute Wellen gibt, surfe ich den ganzen Tag. Aber wenn keine Wellen brechen, habe ich auch genug anderes zu tun. Ich bewege mich dann immer hin und her zwischen den einzelnen Sachen und halte so all meine Ideen und Projekte frisch. Das funktioniert aber nur, solange es Spass macht. Es macht für mich keinen Sinn, etwas nur wegen des Geldes zu machen. Wenn du nicht mit ganzem Herzen an einer Sache hängst, sehe ich keinen Grund, es zu tun.”

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