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Quirin Rohleder

Quirin Rohleder, Urgestein der deutschen Surf-Szene, hat sich vor langer Zeit für ein Leben „on the road“ entschieden. Er hat seiner Heimat München früh den Rücken zugekehrt, bereist seitdem wie ein Gipsy auf der Flucht den Planeten und lebt, wenn er denn mal zur Ruhe kommt, den Traum eines jeden Surfers in Hossegor an Frankreichs Atlantikküste. Was ihm das Reisen alles gegeben hat und ob es ihm immer noch Spass macht, erzählt er uns ganz exklusiv.

SURFERS: Quirin, erzähl doch mal, wie bei dir alles begann: Wie und wo bist du aufgewachsen, wie zum Surfen gekommen und wie bist du in die Surf-Industrie geschliddert?
Quirin: Oh Gott, Lars, du willst also wirklich ganz vorne anfangen? Na gut. Dann lege ich mal los… Ich habe vor knapp 35 Jahren das Licht dieser Welt erblickt. Aufgewachsen bin ich in München. In der Grundschule und zu Beginn der Gymnasiumszeiten habe ich viel Tennis gespielt und wurde in den Ferien von meinem Vater recht oft in irgendwelche Sport-Scheck-Tenniscamps geschickt. Als ich mal wieder verschickt werden sollte, sass ich mit meinem Vater vor der Sport-Scheck-Frau. „Wir haben in diesem Haus übrigens auch Windsurfen im Angebot.“ Ich: „Nein, Papa, keine Lust auf Windsurfen. Ich will nur Tennis spielen!“ Mein Vater, der wahrscheinlich nur schnell wegwollte und geistesabwesend war: „Ach ja, Windsurfen nehmen wir dann auch noch dazu.“ Was er sich damit eingebrockt hatte, wurde ihm spätestens bewusst, als ich wieder zurück war. Da hiess es dann nämlich Windsurf-Material kaufen. [lacht] So bin ich also zum Wassersport gekommen. Ich habe dann in den Ferien oft in Windsurfschulen gearbeitet, um mir das Ganze leisten zu können. Bis mir eines Tages mein damals bester Freund Gregor Gumpenberg unbedingt etwas zeigen wollte. Dann stand ich da und habe den ganzen Tag nur auf diese Welle im Englischen Garten gestarrt. Und am nächsten Tag musste ich es unbedingt ausprobieren. Erst mit einem Bodyboard, später dann mit einem Surfbrett. So startete meine Surf-Karriere. Irgendwann begannen dann die ersten Reisen nach Italien und Frankreich zum Surfen. Dann habe ich drei Jahre als Surflehrer bei Wavetours gearbeitet, bin die ersten deutschen Meisterschaften mitgesurft… Ich weiss nicht mehr genau wann, aber ich wusste sehr schnell, dass ich irgendwie ans Meer ziehen müsste, um meiner Leidenschaft nachgehen zu können.

Über meinen damaligen Sponsor Billabong habe ich dann einen Job in Hossegor bekommen als Lagerarbeiter. Das habe ich sechs Monate gemacht, bevor ich ins Marketing übergewechselt bin. Da habe ich dann diverse Sachen gemacht. Ich habe mich um die Billabong-Internetseite gekümmert, später um die ganze Anzeigenschaltung. Das habe ich vier Jahre gemacht. Ich hatte ein Haus direkt am Strand von La Gravière und war surfen, surfen, surfen. Dann habe ich mich verliebt und bin nach Barcelona gezogen. Zu der Zeit habe ich auch angefangen, als deutscher Redakteur für die „Surfing Europe“ zu arbeiten. Dann bin ich nach Kapstadt und schliesslich wieder zurück nach Hossegor. Im Sommer 2007 kam Marlon auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich ihm nicht helfen könnte, sein Sponsor Quiksilver würde seinen Vertrag nicht verlängern. So fing die ganze Management-Sache an. Ich habe Marlon ein paar neue Sponsoren aufgetrieben und auch im PR-Bereich mit ihm gearbeitet. Das Interessante an unserer Geschichte ist, dass ich mit einem Partner, Greg Martin, zusammenarbeite, der mit zwei anderen Partnern eine TV-Produktionsfirma hat. Und diese beiden Dinge ergänzen sich einfach hervorragend! Wir haben zum Beispiel eine Doku über Marlon produziert, die gerade in den USA auf Fuel TV läuft, in Norwegen laufen wird und auch irgendwann in Deutschland. Diese Zusammenarbeit macht uns zu etwas Besonderem. Wir können Sportlern etwas bieten, was keine Agentur in Europa bietet. Nämlich professionelles Management und neben Coverage in Printmedien auch die Möglichkeit, über ein professionelles TV-Vertriebsnetz vermarktet zu werden. Hey Lars, bist du eingeschlafen? Alter..!

Hä..? Oh sorry. Komme gerade vom Roxy Jam, war anstrengend. Du warst also mal Windsurfer, Boogieboarder und Lagerarbeiter, hast also von ganz unten angefangen. Wie wichtig war es für deine Karriere, dass du München den Rücken zugekehrt hast und ins Ausland gegangen bist?
Pfff, Roxy Jam… Was sollte da anstrengend gewesen sein? Auf knackige Popos starren? Aber zurück zum Thema. Man kann sagen, dass ich von ganz unten angefangen habe. In allen Bereichen. Sowohl im Job bei Billabong im Lager als auch im Sport. [lacht] Aber ich stehe zu meiner Bodyboard-Vergangenheit am Fluss. Ist alles Teil einer tollen Erfahrung. Denn zu Beginn gab es ja keine Bodyboards in München, wir sind also auf die Baustellen und haben uns Styrodur geklaut. Das wird normalerweise zum Dämmen von Häusern verwendet. Ich denke, es ist eine natürliche Entwicklung, ans Meer ziehen zu wollen, wenn man sich in diesen Sport so verliebt hat wie ich. Ich war schon in München so was von surfverrückt, dass alles zu spät war. Ich hab alles aufgesaugt, was nur ging. Wenn der Eisbach mal nicht funktioniert hat, bin ich zum Teil stundenlang an der offenen Isar entlanggeradelt und habe einen Spot gesucht. Ich habe mich zum Teil im Winter in meinem schäbigen K2-Neopren bei Schneegestöber in den Bach gestellt, nur um mal wieder kurz auf dem Brett zu stehen. Ich hab zum Teil stundenlang am Eisbach gesessen und nach der Bachauskehr, wenn das Flussbett gereinigt wird, darauf gewartet, dass das Wasser wieder reinläuft. Ausserdem war es auch persönlich wichtig für mich, München den Rücken zuzukehren. Dieser Schritt, nach Hossegor zu ziehen, hat viele andere Dinge vereinfacht, die letztendlich unheimlich wichtig in meinem Leben waren. Es nimmt dir in gewisser Weise die Angst. Was ich damit sagen will, ist, dass, wenn du einmal deine Siebensachen gepackt hast, es beim zweiten Mal nicht mehr so schwer ist. Das hat meinen Umzug nach Kapstadt und auch Barcelona wesentlich einfacher gemacht. Das sind natürlich Erfahrungswerte, die ich nicht missen möchte. Man läuft aber auch Gefahr, zum ewigen Nomaden zu werden. Aber wenn es letztendlich so sein soll, dann ist es halt so. All diese Schritte, die Erfahrungen, die ich gemacht habe, die Leute, die ich kennengelernt habe, haben mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin.

Ein grosser Teil unserer Jobs besteht aus Reisen. Macht es dir denn immer noch so viel Spass, die Koffer zu packen, wie noch vor zehn Jahren? Oder gewöhnt man sich auch irgendwann daran und sieht gar nicht mehr die Schönheit der vielen Länder etc.?
Das Reisen macht immer noch genauso viel Spass wie früher. Es ist natürlich eine andere Form, denn es geht ja eigentlich immer um Arbeit. Ich bin zum Beispiel seit über fünf Jahren nicht mehr einfach so in den Urlaub gefahren, ohne Computer, ohne irgendetwas machen zu müssen… Natürlich geht es einem manchmal auf die Nerven, aus der Tasche zu leben und nach zwei Wochen zu Hause wieder packen zu müssen, aber irgendwie ist die ganze Sache für mich auch eine Art guter Teufelskreis. Denn oftmals bin ich zwar superfroh, dass ich einen Monat zu Hause sein kann, ab einem gewissen Zeitpunkt fängt es dann aber auch wieder an zu jucken. Das Gefühl kommt auf, wieder an den Flughafen zu müssen. Die Schönheit der Länder nicht mehr zu sehen wäre fatal. Jegliche Schönheit nicht mehr zu sehen wäre fatal. Seitdem ich mal mit einem meiner besten Freunde, Alex Fieger, in Llandudno in Kapstadt im Wasser gesessen bin, ist es für mich allerdings ganz einfach, diese Schönheit immer zu sehen. Als wir nämlich so dasassen, fragte mich Alex, ob ich mich hier eigentlich schon mal wirklich richtig umgesehen hätte. Ob ich mir die Bucht, den Strand, die Häuser, die Berge, ob ich mir das alles schon mal richtig angesehen hätte. Und da wurde mir bewusst, dass ich den Spot zwar in- und auswendig kannte, weil ich ihn ja nun schon sehr oft gesurft war, aber dass ich mich noch nie wirklich umgesehen hatte. Ich kannte zwar irgendwie alles, aber nicht wirklich. Das wiederum hat mir die Augen geöffnet. Und seitdem stelle ich mir diese Frage überall, wo ich bin: ob ich mir das alles wirklich schon richtig angesehen habe.

Dein letzter Trip hat dich ausnahmsweise mal nach Deutschland geführt. Du warst bei Björn Richie Lobs grosser Premierenfeier seines lange erwarteten Eisbach-Films „Keep Surfing“. Wie hat dir Björns Werk gefallen?
Letztendlich ist dabei wirklich ein schöner Film herausgekommen. Auch wenn es ein bisschen gedauert hat… Habe mich ja bei manchen Interviews selbst fast nicht mehr wieder erkannt, so lange sind manche Szenen schon her. Nein, aber wie gesagt, ich glaube, „Keep Surfing“ erzählt sehr schön, wie sich die Fluss-Surferei entwickelt hat, und wenn man schaut, was die Jungs am Eisbach mittlerweile machen, ist das ja auch beeindruckend. Ich finde es schön, dass ich meinen Beitrag zu diesem Fortschritt leisten konnte, auch wenn mir immer noch viele eine Kommerzialisierung vorwerfen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich Leute dafür verantwortlich machen, dass mittlerweile so viele Leute am Bach surfen. Ich sehe das schon fast als Kompliment. [lacht] Aber zurück zum Film: Anscheinend fand er auch bei Leuten Anklang, die gar nichts mit Surfen am Hut haben, was natürlich toll ist. Ich hatte zuerst befürchtet, dass das Thema einfach zu speziell ist. Aber ich denke, da der Film einfach einen Bezug zu Deutschland hat, können sich viele Leute auch damit identifizieren, vor allem die Menschen in München. Es ist hier einfach nichts Ungewöhnliches mehr, einen Typen mit Surfbrett unter dem Arm durch die Stadt radeln zu sehen.

Wieder zurück zu dir und einem sehr persönlichen Thema: Du hast früh deine Eltern verloren – ist das vielleicht mit ein Grund, warum du dich letztendlich für ein Leben „on the road“ entschieden hast, da dir vielleicht ein richtiger Bezugspunkt fehlt?
Ich glaube nicht, dass mir ein Bezugspunkt verloren gegangen ist, denn ich hatte und habe das Glück, unheimlich viele gute Freunde zu haben, die letztendlich mein Bezugspunkt waren und sind. Und im Grunde sind solche Dinge einfach unheimlich komplex. Man wird auf jeden Fall ungewöhnlich schnell und unfreiwillig zur Selbstständigkeit erzogen. Das hat gute und schlechte Seiten. Die positive war, dass ich mit 15 Jahren zum ersten Mal allein nach Marokko gereist bin und früh von einem Reisefieber gepackt wurde, das mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Letztendlich glaube ich, dass ich denselben Weg gewählt hätte. Vielleicht nicht ganz so extrem, aber es wäre mir, glaube ich, nichts anderes übrig geblieben, als früher oder später ans Meer zu ziehen.

Weisst du schon, wo es als Nächstes hingeht? Und begleitest du Marlon eigentlich auf der WCT-Tour?
Für mich geht es als Nächstes ganz unspektakulär nach Lacanau zum Oakley Pro Junior. Da werde ich nach neuen Talenten Ausschau halten und natürlich Marc Lacomare, Damien Chaudoy und Jatyr Berasalauce, meine drei Junioren, unterstützen. Was Marlon angeht, versuche ich natürlich, bei so vielen Events wie möglich anwesend zu sein, aber zu allen Stopps kann ich ihn nicht begleiten. Das wäre ein viel zu grosser finanzieller Aufwand. Ich war in Australien und ich werde bei den drei europäischen Contests dabei sein.

Kannst du uns kurz und knapp sagen, wie du die Chancen von Lippy siehst? Momentan sieht es ja leider nicht so gut aus, allerdings stoppt der Rip Curl The Search ja dieses Jahr in Peniche – mit drei Stopps in Europa eigentlich die besten Voraussetzungen für ihn, oder?
Die Chancen von Marlon… Er persönlich ist davon überzeugt, dass er es schafft, und das ist, was zählt. Ich weiss nicht, wer von euch die Webcasts geschaut hat, aber er hat eigentlich durchweg Lob bekommen. Von Occy, von Luke Egan. Man muss die Spots halt einfach gut kennen. Wellen wie Jeffrey’s Bay sind im Contest unheimlich schwierig zu surfen und da fehlt ihm einfach noch die Erfahrung. Ab Trestles heisst es halt Gas geben und Läufe gewinnen, sonst wird es schwierig. Ist Trestles gross, hat er auf jeden Fall gute Chancen, denn Marlons Backside ist verdammt gut und die besten Trestles-Wellen sind meistens die Rights. In Frankreich kann alles passieren, in Mundaka, wenn es dann bricht, sollte er in hohlen Lefts auch gute Chancen haben. Das hat er ja in Teahupoo bewiesen. Supertubos, normalerweise auch eine hohle Left, das sollte auch passen. Und dann halt Pipe… das wird natürlich interessant.

Eine Frage, die bei keinem Interview zum Thema Reisen fehlen darf: Was war der mieseste Trip, den du je durchgemacht hast?
Das mag klischeehaft klingen oder vielleicht sogar blöd, aber ich hatte noch nie einen miesen Trip. Ich will jetzt hier auch nicht von „der Weg ist das Ziel“ anfangen, aber es stimmt wirklich. Ein Beispiel: Ich bin mit einem guten Freund mal mitten im Winter von München nach Varazze in Italien gedüst. Das war ungefähr 1991, als dort abgesehen von einer Hand voll Italiener noch niemand gesurft ist. Am Brenner hat es dermassen geschneit, dass wir mit unserem Fiat Uno mit 30 km/h auf der Autobahn entlanggetuckert sind. Der absolute Horror. Ich hatte in der „La Stampa“ [italienische Tageszeitung; Anm. d. Red.], die ich mir damals immer am Münchner Hauptbahnhof geholt habe, gelesen, dass es Wellen haben müsste, so habe ich das auf jeden Fall interpretiert. Von Internetvorhersagen waren wir damals noch weit entfernt. Als wir dort ankamen, hatte es tagsüber vielleicht fünf Grad über null und nachts schneite es. Da wir keine Kohle hatten, um im Hotel zu schlafen, bauten wir unser Zelt heimlich neben einem Friedhof in den Bergen auf. Einfach so. Nachts hatte es dann unter null und wir haben uns den Arsch abgefroren. Es war zwar das ganze Wochenende über Offshore, aber Wellen waren absolut keine. Nach zwei Tagen und einer weiteren Nacht unter einem Karussell konnten wir dann nicht mehr und sind wieder nach Hause gefahren. Fazit: superkalt, kein bisschen Welle, jeweils mehr als acht Stunden grauenvolle Autofahrt, für damalige Verhältnisse superviel Geld. Aber ein mieser Trip war das nicht, denn genau solche Dinge bleiben einem im Kopf. Und später sind es solche Geschichten, die man sich erzählt und an die man sich lebhaft erinnert. Es sind solche Abenteuer, die das Leben lebenswert machen.

Was würdest du Leuten empfehlen, die keinen Bock auf einen Nine-to-Five-Bürojob haben und ihr Geld lieber mit einem Lifestyle wie deinem verdienen wollen?
Vor ein paar Jahren hätte ich ihnen empfohlen, in die Porno-Branche zu gehen, aber da sieht es ja mittlerweile auch eher finster aus. Im Grunde muss man nur den Mumm haben, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Vergessen darf man allerdings nicht, dass die Selbstständigkeit auch ihre Tücken hat! Und nur weil ich vielleicht dann surfen gehen kann, wann ich das will, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nicht viel oder vielleicht sogar mehr arbeite als zur Zeit, in der ich bei Billabong fest gearbeitet habe.

Dank dir, Quirin!

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