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Travel Stories

Sommer, Sonne, Kaktus | Eine Reise in die Risikogebiete Spanien & Portugal

Kann ich es verantworten während einer Pandemie quer durch Europa zu reisen? Sollte ich nicht die oben genannte Reisewarnung verinnerlichen und akzeptieren?

Text: Maximilian Meisberger
Korrektur: Karoline Krause-Sandner
Photos: Ninja Stefflbauer, Sani Alibabic, Jon Weaver, Yann Mayer, Maximilian Meisberger

Kurz vor dem Sommer ist die Reisefreiheit innerhalb der EU größtenteils wiedergegeben, je nach Land mit nationalen Ausnahmen und Unterschieden sowie abhängig von wirtschaftlichen und touristischen Interessen.

Im obigen Zitat wird von einer Reisewarnung gesprochen. Anstatt diese politische Entscheidung zu akzeptieren und still abzunicken, sollte darüber diskutiert werden.
Ist es anmaßend und egoistisch nach Spanien zu reisen, sollte ich nicht solidarisch daheimbleiben? Die Einen gehen mit Fahnen aller ideologischer Farben gegen Corona und das gesamte politische Establishment, eigentlich gegen alles und nichts auf die Straßen, die Anderen halten sich an Maskenpflicht und versuchen trotzdem ihre (Reise)freiheit zu leben. Aus deutscher und österreichischer Sicht war Frankreich OK-Reise-Land; da können wir hin und uns ausleben, da sind wir sicher. Spanien und auch Portugal war beziehungsweise wurde allgemein zur No-Go-Area erklärt, eine regionale Differenzierung fand nur oberflächlich statt.

Ganz nach Helge Schneiders Lied Sommer, Sonne, Kaktus, playing Federball on the beach, blauer Himmel, gute Laune… haben wir uns bewusst für die Reise entschieden.

RIBAMAR // THE WEAVERS & SANI

Während ich bei melodischer Countrymusik, 38 °C, drückender Hitze und mit Tempomat 130 km/h gen Westen der Sonne entgegenfahre, arbeitet Ninja neben mir stundenlang aus dem fahrenden Homeoffice. Die Sonne geht unter, zwei Tage später erreichen wir die Küste Portugals.
Die Gegend rund um Ericeira ist mit Surfspots gesegnet. Durch den teils starken Wind aus Nord im Sommer laufen viele Spots nicht so schön wie später im Herbst. Trotz dessen kommen wir mit den Freunden viel aufs Wasser, erkunden die Buchten und auch das teils menschenleere Stadtleben Ericeiras, am Abend gibt’s Fisch vom Grill und Bier.
Mareike, Jon mit ihren Kindern Lilly und Lenny sind dieses Frühjahr von Portland in den USA nach Portugal gezogen.
Jon arbeitet zusammen mit Sani im Moment an einem Buch (https://www.instagram.com/theantiblueprintproject/ ), welches im Herbst erscheinen wird. Wer Inspiration, Denkanstöße oder Erfahrungen für ein erfüllendes Leben sucht, dem kann ich dieses Buch, in dem Jon Interviews mit über 40 Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen geführt hat, wärmstens empfehlen.

NORTH PORTUGAL // PENICHE, PORTO & AFIFE

„Alleine weit und breit“ von Sani Alibabic

Nach einer Woche geht es in den Norden Portugals. Direkt vor einer Gated-Community, die Florida ähnlichen Charakter aufweist und menschenleer ist, bricht an einem Morgen die ein oder andere gute Welle. Sani und ich surfen alleine.

In Porto erwartet uns ein ähnliches Bild. Normalerweise ist die Stadt im Sommer voll von Touristen, dieses Jahr ist es anders. Der Friseur ums Eck, der mir einen neuen Schnitt verpasst, erzählt von mehr als 80% Umsatzrückgang seit März.

Weiter im Norden erwischen wir nach Nebel und Regen einen traumhaften Tag. Sonne pur, eine fein laufende Sandbank bei auflaufender Tide und ein Festmahl am Abend.

GALICIA // BURNING VAN & NUDISTS

Die Reise geht weiter in den Norden, nach Galizien. Wir treffen uns mit Freunden an der Nordküste rund um Pantin. Man merkt, dass internationale Reisen durch Corona nicht stattfinden, die Parkplätze sind voll mit Campern aus ganz Europa.

„Marco checkt den Nudistendstrand“ von Maximilian Meisberger

Zwei Wochen lang sind wir mit einer 8-köpfigen Bande, bestehend aus Innsbruckern, Münchnern und Freunden aus Lissabon, unterwegs. Die Jungs aus Lissabon erzählen vom Leben während des Frühjahrs in der Stadt. Die einzige Möglichkeit sich dort während des Lockdowns sportlich zu bewegen war mit dem Rad und einer Food-Delivery Tasche mit auf dem Rücken. Das wurde so populär, dass man sich die Taschen online zulegen konnte. Smart move.

„Maskenpflicht am Strand“ von Maximilian Meisberger

Angekommen an einem Nudistenstrand, der gleichzeitig feine links,- und rechtsbrechende Wellen produziert, zeigt sich die gesamte Absurdität der Corona-Krise. Splitterfasernackte Pärchen spazieren Hand in Hand nur mit der Gesichtsmaske bewaffnet über den menschenleeren Strand. Ob das so sinnvoll ist?

“Mein Auto brennt!”

Dieser Satz hat sich mir wortwörtlich eingebrannt. Wir reisen zwischen Nord,- und Westküste hin und her.
Eines Abends sind wir am Essen vorbereiten, es gibt Salate und Fisch. Und dann passiert das, was man als das Worst-Case Szenario beim Campen bezeichnen könnte. Der Gasschlauch leckt und von der einen zur anderen Sekunde brennt das gesamte Heck eines Busses. Zum Glück sind die Feuerlöscher griffbereit und das Feuer ist schnell gelöscht.
Gerade die Küche sollte immer wieder auf Herz und Niere getestet werden. Sonst kann es schnell böse enden. Es war uns eine Lehre.
Es feuert an der Nordküste, ab in Bus und hinauf. Was ein Tag.

PORTUGAL // SINTRA // ANDI

Zwei Wochen später sitzen Ninja und ich in unserem Van, es regnet horizontal mit heftigen Windböen und nicht surfbaren Wellen. Wir entscheiden uns spontan für einen zweiten Portugaltrip. Sechs Stunden später erreichen wir abermals die Westküste oberhalb von Lissabon, zurück bei Sani und den Weavers. Sonne pur mit vielversprechender Wellenaussicht erwarten uns.

„our van“ von Maximilian Meisberger

An einem der wenigen wolkenverhangenen Nieselregentage besuchen wir Andis Eltern in Sintra. Die Familie hat lange in Süddeutschland gelebt und ist vor einiger Zeit wieder nach Portugal zurückgezogen. Er zeigt uns nach einem kurzen Surf die sich schlängelnden Passstraßen rund um Sintra, eingehüllt in dichten Nebel. Es ist eine mystische Stimmung, passend dazu auf einen Kaffee in einer alten Windmühle.
https://www.instagram.com/moinhodomquixote/

„Andy“ by Maximilian Meisberger

PORTUGAL // COXOS // SUPERTUBOS

“Maximilian im Sonnen/Schattenspiel” von Ninja Stefflbauer

Es kündigt sich der erste richtige vorherbstliche Swell Ende August an. Den Blick bei Sonnenaufgang auf die rechtsbrechende Welle von Coxos werde ich so schnell nicht vergessen. Wir sitzen und surfen zu fünft im Wasser bis kurz vor Ebbe die Locals ihren Platz einnehmen und zeigen welches Potential die Welle wirklich hat. Jon meint dazu: “That is one of those sessions for the books“.

Am nächsten Morgen hat der Swell weiter zugenommen und wir staunen über die Performance einiger Locals.
Wir entscheiden uns nach Peniche auszuweichen und nach einer recht ernüchternden ersten Session erlebe ich einen Peak nahe Supertubos par excellence. Friss oder stirb könnte man es bezeichnen. Mit Adrenalin in den Shorebreak hinein, direkt vor planschenden Badegästen.

„Maximilian unterhält die der Badegäste“ von Ninja Stefflbauer

Wenn die Erwartung nicht groß ist, dann ist die Erfüllung und das Glück über das Erlebte im Nachhinein umso größer. Dieser Nachmittag war genauso einer.

GALICIA // ON THE HUNT

Während Ninja mit Thomas Müller, Robert Lewandowski und dem gewonnen Henkelpott von Lissabon nach München zurückfliegt, breche ich erneut in den Norden auf, um Freunde zu treffen.

„Sunsetssessions“ von Maximilian Meisberger

Es wird eine zweiwöchige Wellenjagd. Täglich studieren wir den Wind, die Gezeiten und den Swell zwischen West,- und Nordküste. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht mehr wie oft wir von der einen in die andere Bucht gefahren sind.

„Dawnpatrol“ von Maximilian Meisberger

Wir surfen zu Sonnenaufgang teils alleine im Wasser, bei richtiger Tide spucken die Sandbänke Supertubos-ähnliche Wellen aus und abends wird aufgrund dessen das ein oder andere Bier mehr verdrückt. An anderen Tagen ist viel falscher Wind und es wird gelesen und geschlafen, ich bereite mein nächstes Schuljahr vor, die Energiereserven werden aufgefüllt.

ASTURIAS & CANTABRIA // LE GRAND FINAL

Nach einigen Bettenwechsel in unserem Bus treten Paul und ich langsam die Heimreise an. Freunde in Asturien haben Zwillinge bekommen und wir begrüßen die zwei neuen Erdenbürger Nora und Luca.

„Kurz vor Sonnenaufgang“ von Maximilian Meisberger

Einen der letzten Abende übernachten wir hoch über Asturien in den Bergen. Der Blick reicht bei bestem Wetter in weite Ferne. Am nächsten Morgen werden wir bei aufgehender Sonne mit einer Aussicht auf die verschlafenden Wiesen, Täler und Berge und das Meer Asturiens belohnt. Yannie meinte dazu nur: “That picture you just took looks by far better than all those Windows wallpapers.”

NACHWORT // FAZIT

Während des Lockdowns im Frühjahr 2020 wurden in allen europäischen Ländern Freiheits,- als auch Reiserechte teils ohne wissenschaftliche Begründung stark eingeschränkt und fast jedes Land kochte seine nationale Suppe. Im März und April waren die Binnengrenzen des Schengen-Raums für den uneingeschränkten Personenverkehr zu. Das Osterfest mit der Familie wurde über Zoom gefeiert und meine erste Reise nach Hause fühlte sich nach Grenzöffnung zwischen Österreich und Deutschland besonders an, ich sehnte mich nach meiner Familie.
Dabei ist der eigentliche Gedanke der Europäischen Union, eine Grenzen-freie, länderübergreifende Gemeinschaft zu sein, für einige Zeit verlorengegangen. Es wurde während des gesamten Frühjahrs kein ganzheitlicher europäischer Lösungsansatz gefunden.

Unsere Generation hat keinen direkten Krieg miterlebt, nie wirtschaftliche oder gesellschaftliche Einschränkungen gespürt. Wir leben in Mitteleuropa wie die Made im Speck. Verglichen mit der aktuellen Situation auf Lesbos erscheint der gesamte Text irrelevant und unverhältnismäßig. Aber diese Lockdown-Zeit war neu für uns. In Italien, Spanien, Portugal und anderen Ländern dauerte dieser drei Monate an, teils mit sehr strikten Maßnahmen. Verständlicherweise strömten die Spanierinnen und Spanier danach mit Postpandemie-Trauma im Nacken in Scharen an die Strände um das Draußen-Sein und die Natur zu erleben.

„vanlife“ von Maximilian Meisberger

In unserem Fall kann ich es voll und ganz vertreten mit dem Campingbus von Bucht zu Bucht gereist zu sein, wir haben in den ansässigen Orten die dort geltenden Corona-Regeln beachtet und gleichzeitig die gebeutelte spanische Wirtschaft unterstützt.
Eine Reise zu Poolparties auf Ibiza ist eben nicht mit einem Campingtrip vergleichbar. Unserer Gesellschaft sollte durch Politik als auch die Medien mehr Eigenverantwortung zugetraut werden. Ich zitiere hier Yannie aus Asturien: „Es macht keinen Unterschied ob man in Spanien mit dem Camper reist und sich an die Regeln hält, oder sich in Österreich daheim einsperrt. Wenn sich die Menschen an Regeln halten, sind Grenzschließungen und Reisewarnungen sinnlos.“

Diese zwei Monate haben wir hauptsächlich Draußen in der Natur verbracht. Mit den Gezeiten, der Sonne, dem Wind und den Wellen gelebt.

Danke für die gemeinsame und bereichernde Zeit

Ninja, Mareike, Lilly, Lenny, Sani, Jon, Julie, Marco, Fips, Andi, Yann, Tobi (Sun), Lenny, Fleischi, Paul, Tobi, Sascha, Kai, Lena, Stype, Patricia, Stephan, Nena, Chriss, Lollo, Bianca, Susanna, Yannie, Marie, Anton, Luca, Nora und Sander

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