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Special

Surfing Changed

Seit SURFERS das Licht der Welt erblickte, hat sich viel getan im Surfen, sollte man meinen. Aber stimmt das auch wirklich? Es gab keine neue Shortboard-Revolution, keine neue ASP World Tour, keine neue ernst zu nehmende Diskussion darüber, wie viele Finnen nun richtig wären. Was ist in den letzten 15 Jahren wirklich passiert? Um das herauszufinden, beauftragten wir unseren Autor Ben Mondy. Hier kommt sein interessantes Resümee!

Ah, ich erinnere mich noch gut an die Zeit um 1995, damals, als die erste SURFERS rauskam. Eine Zeit voll mit unglaublich gutem Acid, langen Haaren, endlosen Sex-Orgien, Woodstock und grossen Revolutionen! Moment mal… In den Jahren drehte sich doch alles mehr um den Millennium Bug, der Flugzeuge zum Absturz bringen und Atomkraftwerke sprengen sollte, als um freie Liebe, oder?

Schon verrückt, blicke ich auf die letzten 15 Jahre zurück, fällt mir im ersten Moment gar nichts Markantes ein, was diese Zeit geprägt haben könnte. Die Veränderungen scheinen sich so langsam und unmerklich entwickelt zu haben wie die Fettzellen an meiner Hüfte. Bin ich der Veränderung des Surfens gegenüber etwa blind geworden? Es gab es keine Shortboard-Revolution, keine Pro Surfer Invasion, keine Diskussionen um die richtige Finnenanzahl… Man könnte meinen, die letzten 15 Jahre wären eine kolossale Zeitverschwendung gewesen und werden in niemandes Erinnerung bleiben. Mir fällt auch kein passender Begriff ein, wie man diese Epoche nennen sollte. Vielleicht könnte man sie „the Noughties“ nennen, aber zufrieden bin ich mit dem Ausdruck irgendwie nicht. Kinder können „naughty“ sein und „die Nuller“ passt vielleicht auch auf diejenigen, die nicht wie ich das Glück haben, einen regelmässigen Sexpartner zu haben, aber zu den letzten 15 Jahren Surfgeschichte passt das irgendwie nicht.

Aber nach längerem Überlegen bin ich für mich doch zu dem Entschluss gekommen, dass sich Surfen in den letzten Jahren verändert hat, sogar recht radikal. Und auch du solltest es gesehen haben, ausser du hast dich die letzten anderthalb Jahrzehnte in einer marokkanischen Höhle verkrochen und dich hinter deinem vergilbten Shortboard vor der Aussenwelt versteckt. Denn vieles, was wir heute für selbstverständlich halten, war für die Surfer im Jahre 1995 noch unerreichbar. Ich fasse es für euch mal zusammen.

Forecast

Nehmen wir als Beispiel die Entwicklung des Surf-Forecast. Ohne den kann man sich Surfen heute kaum noch vorstellen, oder? Angefangen hat das 1985 mit Surfline.com’s Sean Collins, der Abonnements für einen Telefondienst verkauft hat, den Surfer anrufen konnten, um seine Kalkulationen aus Wetterdaten abzurufen. Heute ist Sean führend auf dem Gebiet. Es war die Vereinigung von zuverlässigen Wettermodellen mit dem Web, was die grösste Revolution ergab. Ein perfektes Medium war gefunden, in dem Surfer die sich im Minutentakt verändernden Daten abrufen können. Zum ersten Mal in der Geschichte des Surfens war es plötzlich möglich, auf den Tag bzw. teilweise sogar auf die Stunde genau zu wissen, was da auf dem Ozean los ist.

Als Einzige von dieser Entwicklung angepisst waren vielleicht die, die sich zuvor mühsam in die Materie Wellen-Forecast eingearbeitet hatten und ihren Wissensvorsprung mit einem Schlag verloren hatten. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden die Forecasts immer genauer und besser und man wird weiter in die Zukunft schauen können (bald schon bis zu zwei Wochen) mit noch detaillierteren Infos. In nochmals 15 Jahren kann man dann seinen Indo-, Frankreich- oder Kanaren-Urlaub drei Monate im Voraus buchen und man wird wissen, dass man, wenn bei Familie Tanjung auf Java der Truthahn einen fahren lässt, zweieinhalb Tage später Wellen mit einer 17,25er-Periode vor La Santa haben wird.

Big Wave

Einige Surfer nutzen die neue Wellenvorhersagetechnologie heute für ihre ganz eigenen Zwecke. Sie suchen ganz speziell nach den heftigsten Wettersystemen, um pünktlich an dem Ort zu sein, wo die grössten Wellen des Planeten einschlagen werden. Die perfekte Kombination aus genauesten Wellenvorhersagen, dicken Eiern (bzw. Eierstöcken) und die Entwicklung von Jetskis machen das möglich. Heute werden wie selbstverständlich Wellen gesurft, die einem vor 15 Jahren noch die Gehirnzellen atomatisiert hätten. Leute wie Mark Matthews und seine Bra Boys, Laird Hamilton, die Long-Brüder und unzählige mehr haben die Messlatte ein gigantisches Stück nach oben verschoben. Laird Hamiltons Millennium-Welle im November 2000, die damals die Medien hat ausflippen und einen selbst hat denken lassen: „Okay, härter wird’s nicht mehr“, war nur ein Startschuss in eine ganz neue Dimension des Surfens.

Sup

2008 setzt sich eine weitere Evolution im Surfen durch: Stand-up-Paddeln. Laird Hamilton treibt auch dieses neue Surfen an die Spitze und stürzt sich mit Paddel und 11″+ Board in die dicksten Wellen des Planeten. Ich bin zwar kein SUP-Forscher, aber ich bin mir sicher, dass es die Dinger vor 15 Jahren noch nicht gab. Heute ist es ein eigener, gut laufender Industriezweig. An jedem europäischen Strand sieht man inzwischen Duke Kahanamokus an jeder Ecke und riesige Bretter fliegen durch den Line-up.

Epoxy

Ohne den Schritt in die Epoxy Surfboard Technology wären die SUP-Boards wohl immer noch unbekanntes Spielzeug und nur für Laird und seine Freunde interessant. Epoxy und die maschinell hergestellten Boards im Allgemeinen sind ein wichtiger Durchbruch in der Surfboard-Technologie. Am Anfang des Jahrzehnts kursierten die ersten vagen Gerüchte, ein paar Marty-McFly-Typen wüssten, dass die Technologie zur Verfügung stünde, sie Zukunftschancen hätte und eine Alternative zum guten alten Foam und Fiberglass sein würde, das uns seit den 1950ern begleitet. Aber am Ende verhalf dem Epoxy zum Durchbruch, dass Clark Foam 2005 die Tore schliessen musste und die Industrie verzweifelt nach einer Alternative suchte. Grosse Shaper nahmen sich des neuen, leichteren Materials an, Massenproduktionen in Asien ebenfalls und so wurden die Bretter billiger. Das Endresultat ist, dass, wenn du nicht mindestens ein Epoxy Board in deinem Quiver hast, du wahrscheinlich Barry Manilow hörst, mit zerrissenen Jeans rumläufst und in einem 4/3er-Neoprenanzug surfst, der so viel wiegt wie ein Atom-U-Boot.

Wetsuits

Und da wir schon von Neoprenanzügen sprechen, müssen wir auch auf deren unglaubliche Entwicklung eingehen, die jedes nach Icecream-Headache schreiende Gehirn in seiner Schale hin und her springen lassen dürfte. Denn mit der Entwicklung immer besserer Materialien ist der Surfer durch hohe Breitengrade nicht mehr limitiert. Die Suche nach neuen Wellen an den kältesten Orten der Erde ist durch die neuen Neos möglich geworden und Contest-Konzepte wie die O’Neill Cold Water Classics oder der Rip Curl Trip auf die Lofoten im letzten Jahr beweisen es. Ich verstehe zwar nach wie vor nicht, warum man vor Norwegen, Alaska, der Antarktis oder den Äusseren, Inneren und sonstigen Hebriden surfen will, was ich aber weiss, ist, dass es jetzt möglich ist und es noch nicht möglich war, als dieses feine Magazin das Licht der Welt erblickte.

German Surfing

Kaltes Wasser – dazu fällt mir direkt euer Land ein, das ich vor 15 Jahren definitiv mehr mit Edelkarossen und Krupp Stahl verband als mit Surfen. Deutschland hat sich in dieser Zeit so schnell wie kein anderes Land vom weissen Fleck auf der Weltkarte des Surfens zur ernst zu nehmenden Surfnation entwickelt. Fluss-Surfen habt ihr weltweit bekannt gemacht und mit Marlon zudem noch einen der besten Surfer der Welt hervorgebracht. Was man von eurer Nord- und Ostseeküste hört, klingt auch gar nicht so übel plus man trifft euch Germanizer einfach an jeder verdammten Küste dieser Welt. Surft eigentlich inzwischen jeder Deutsche? Unglaublich!

Digitalism and Tricks

Was es zur Geburtsstunde der SURFERS auch noch nicht gab, war die Digitalfotografie, das Uploaden und Versenden der Fotos in Sekundenbruchteilen, Facebook und YouTube, Live-Webcasts von der ASP und vielen weiteren Surf-Events, Begriffe wie „Rodeo Flip“, „Passion Pop“ und „Superman“.

Yep, während der letzten 15 Jahre hat sich also doch sehr viel verändert in der Welt des Surfens, das meiste in eine positive Richtung. Wir haben zwar vielleicht immer noch keinen passenden Begriff für diese letzte Zeit, aber ich bin verdammt froh, durch diese Zeit gesurft zu sein.

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