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Special

Surf’s Up Germany

Als Deutscher Pro-Surfer zu sein galt bis in die späten 90er als Widerspruch in sich. Wellenreiter? So etwas gab es doch kaum in good old Germany…

Gab es natürlich doch und mit Thomas Lange 1998 auch den ersten Profi. Vor drei Jahren siedelte dieser von Deutschland ins wärmere und wellenreichere Costa Rica über, um für die Firma seines Vaters “Druck zu machen”. Doch bevor der Mitbegründer und Mitinhaber der Board-Schmiede Fatum völlig vergisst, wie erfrischend schön es ist, im April eine nette Nordsee-Barrel zu chargen, wollten wir von ihm wissen, wie es aus seiner Sicht heute um das Surfen in Deutschland steht. Also, Thomas, was geht?

On the search

Im Jahre 1991 verschleppte mich meine Familie nach Venezuela, wo ich zum ersten Mal in den Genuss des Surfens kam. Vier Jahre später wurde ich dann von meinem Vater zurück nach Deutschland geschickt: Der Junge sollte nicht zu sehr tropikalisiert werden und eine gute deutsche Ausbildung geniessen. Zu spät.

Als ich nach Deutschland kam, sah ich mich erst einmal um, wo man eventuell surfen könnte: Nach kurzem Nachdenken erschien mir Sylt für meine Pläne sehr viel versprechend. Gerade auf Sylt angekommen, wurde meine Hoffnung, auf Wellen zu stossen, gleich genährt, denn direkt vor dem Bahnhof gab es einen Surf-Shop mit dem verheissungsvollen Namen “Surfline Sylt”.

Bestens! Also gleich in den Laden gestratzt und erst mal nach Wellen gefragt. Hinter der Kasse posierte eindeutig ein Surfer; aufgeregt erkundigte ich mich bei ihm, ob es auf der Insel Spots gäbe und wie die Wellen so wären. Zitat des Verkäufer des Monats: “Am besten steigst du gleich wieder in den Zug, hier gibt es keine Wellen, schon gar nicht für Haoles” (der freundliche Verkäufer war Tino Steinborn – er lebt jetzt ebenfalls in Costa Rica, leitet hier ein Surf Camp und wir gehen noch immer zusammen surfen).

Ich war mir sicher: Der Mann war nicht mehr zu retten. Er dachte wohl, er lebte auf Hawaii und ich könnte ihm eine solide Welle an dem Pipeline-ähnlichen Beachbreak klauen… Egal, “the search” war on und ich folgte dem Meeresgeruch an den Strand. Und da lag er nun vor mir, mein neuer Local Spot für die nächsten fünf Jahre: der Brandenburger Strand. Ein kleiner Shorebreak, der mir noch viel Spass bereiten sollte. Die Wellen waren maximal hüfthoch und onshore, aber mehr brauchte ich nicht.

Mein Deutschland-Aufenthalt war somit erst mal gerettet. Im Wasser lernte ich schnell Ken Hake und André Möller kennen. Zwei supernette Groms, die genau das Gegenteil vom “Local only”-Surf-Shop-Angestellten waren. Ich kam mir ein bisschen vor wie bei “Zurück in die Zukunft”, denn die meisten Surfer auf Sylt waren Longboarder und sehr soulig drauf, wenn man das so sagen darf.

Ken und André hingegen waren die Minderheit damals: ganz wild auf neue Boards, Airs und Christian Fletcher, eben Aussenseiter. Die Atmosphäre auf dem Wasser war immer freundlich und relaxt – sehr angenehm. Es gab auch nur sehr wenige wirkliche Surfer. Aber die, die es gab, waren hardcore. Sie hatten alle viel Reiseerfahrung und wussten kleine wie grosse Wellen zu surfen. Auf Sylt longboardeten sie und für Indo hatten sie ihre 7’6″-Travel-Guns am Start. Zu diesem Zeitpunkt, schätze ich, hatte Deutschland so um die 200 Menschen, die regelmässig surften. Es gab kaum Surfbretter, geschweige denn Zubehör zu kaufen. Alles musste aus Frankreich oder den USA importiert werden.

New school

Die fleissigen Deutschen änderten dies aber schnell, heute bekommt man hier alles, was das Surfer-Herz begehrt. Mit der Zeit wurde Surfen immer mehr Mainstream, alles und jeder wollte surfen. Es gab nun mehr Wellenreiter als Windsurfer auf Sylt und die Boards wurden immer kleiner. New School war angesagt und keine langen Haare oder knalligen Leggings mehr. Die Kids machten sich mehr Sorgen um ihre Schuhsponsoren als um ihre Frontside Cutbacks oder eben um eine gepflegte Session um sechs Uhr morgens mit den besten Freunden.

Full-on Fashion Victims halt, aber daran ist wohl auch die Surf-Industrie mit schuld. Denn weltweit wird das Budget für Werbung nach dem Marktvolumen eingeteilt und Deutschland hat einen grossen Fashion-Markt – und so gab’s auch PR-Geld, um die Buben zu unterstützen, ganz egal wie gut sie letztlich wirklich waren.

Aber ich darf nicht richten, schliesslich habe auch ich mir einen guten Teil von diesem Kuchen abgeschnitten und ihn sehr genossen.

Contests

Der Red Bull Soulwave in Dänemark wurde ins Leben gerufen und es folgte der Longboard Contest der Behrens-Brüder auf Sylt, wiederum ein sehr souliger Event und genau auf die Core-Surf-Gemeinde Sylts zugeschnitten.

Modeerscheinungen kommen und gehen, aber diese Sylter Jungs werden wohl immer dieselben bleiben – ein sehr sympathischer Gedanke! Der Deutsche Wellenreit-Verband hatte 1996, glaube ich zumindest, einen seiner ersten Contests auf Sylt vor Rantum. Es war ein kleiner, sehr netter Event.

Darauf folgten verschiedene deutsche Meisterschaften und es wurden nun auch deutsche Teams für Europa- und Weltmeisterschaften aufgestellt. Auch wenn Verbandsgeschäfte nicht immer zum Surfen passen, im Grossen und Ganzen eine sehr schöne Sache. Deutschland kam auf die Weltkarte des Surfens.

Das Team war auch recht erfolgreich und landete immer in der Nähe des 20sten Platzes bei Weltmeisterschaften und bei Europameisterschaften sah es auch nicht so schlecht aus. Natürlich wird Deutschland nie eine Surf-Nation wie die USA, Brasilien oder Australien werden, aber dabei sein ist alles und die Leute vom DWV machen es möglich.

Abenteuerurlaub

So viel zu Deutschlands Contest-Szene. Auf der anderen Seite gibt es Tausende von deutschen Surfern, die jedes Jahr nach Frankreich pilgern, um dort an ihren Surf-Skills zu feilen und so aus ihrem Alltag ausbrechen und für eine begrenzte Zeit das sorgenlose Leben eines Surfers leben können. Abenteuerurlaub – für mich eine Modeerscheinung und ich denke, nur wenige werden wirklich dauerhaft dabeibleiben.

Deutschland hat eben nur wenig surfbare Küste, und wenn man nicht regelmässig ins Wasser kommt, sucht man sich schnell ein anderes Hobby. Andererseits gibt es natürlich noch die Kollegen im Süden Deutschlands, die Fluss-Surfer. Fluss-Surfen ist sehr populär geworden und hält den Surf-Lifestyle in Deutschland an Orten im Leben, an die man früher als Surfer nie gedacht hätte.

Fluss-Surfen ist der perfekte Küstenersatz und war bestimmt auch ein Wegweiser ins Zeitalter der künstlichen Wellen, wie sie schon einmal in München aufgebaut wurde.

Die Swatch-Welle zu Gast in München

Vor etwa fünf Jahren hielt Swatch anlässlich der Sommer-ispo in München einen Surf Contest in einer künstlichen Welle ab. In diesem Event wurde ein Surf-Hero Deutschlands geboren: Quirin Rohleder, seitdem der wohl bekannteste (Ex-)Eisbach-Surfer. In diesem Event schaffte er das Unmögliche: Er schlug die gesamte Surf-Elite der Welt inklusive Kelly Slater und Bruce Irons. Quirin landete schliesslich auf dem vierten Platz, vor ihm nur Skateboarder oder Skimboarder.

Da haben wir es ja: Deutschland ist Surf-Weltmeister – zumindest in der stehenden Welle. Quirin hätte bestimmt eine kleine Karriere aus seiner Platzierung in München machen könnten, doch das Marketing-Department machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Swatch hatte ein Pro Team, das auf alle Events der künstlichen Wellen weltweit geschickt wurde. Weil Quirin aber weltweit relativ unbekannt war und nie einen Titel im Surfen, Windsurfen oder Snowboarden gewonnen hatte, war er für diese Events aus der Sicht des Marketings nicht interessant.

Ohne Rücksicht darauf, dass er doch einer der Besten in der künstlichen Welle war, durfte er die kommende Tour nicht bestreiten. Eine sehr ungerechte Sache – aber was soll’s, er hatte bestimmt seinen Spass in München und für ein paar Stunden war er ein Superstar.

Talente

Inzwischen steigt der Level der deutschen Surf-Szene auch in realen Wellen immer weiter an. Auf Sylt werden Airs gestanden und dicke Floater performt. Aus Norderney lässt Timo Eichner von sich hören und aus Kiel Jonas Schmidt. Und sicher gibt es noch jede Menge talentierter Kids, von denen ich nichts weiss.

Eins ist jedenfalls sicher: Es gibt mehr Nachwuchs als noch vor zehn Jahren. Fatum verkauft mehr Surfbretter als je zuvor. Unser Shaper Gero kommt mit dem Shapen kaum nach und findet mittlerweile auch international Anerkennung.

Top 44

Das Beste kommt aber erst noch: der erste deutsche Surfer in den Top 44 der ASP. Das findet ihr lächerlich? Von wegen! Vergangenen Sommer war ich in Portugal und traf Marlon Lipke. Obwohl wir immer Kontakt hatten, waren wir uns seit ein paar Jahren nicht mehr begegnet. Ich war echt erstaunt, Marlon ist auf jeden Fall ordentlich gewachsen und sein Surfen war einfach unglaublich: Power, Style und perfekte Technik.

Dazu kommt, dass er sehr hart trainiert, alles sehr, sehr professionell angeht. Man sieht ja einiges an Surfen auf seinen Reisen, in Videos etc., aus meiner Sicht gibt es heute schon weltweit nur wenige Surfer, die an Marlons Level herankommen. Und er hat dies mit seinem Sieg in der ASP Pro Junior Tour mehr als unterstrichen.

Der Sieg qualifizierte ihn für die ASP-Juniorenweltmeisterschaft, wie ihr sicher alle wisst. Der Vorjahressieger war Adriano Souza, der unter Kennern der Contest-Szene als nahezu unschlagbar gilt. Marlon hat dann gleich Adriano inhaliert, danach den amerikanischen Meister vernascht und schaffte es so bis ins Semifinale des Prestige-Events.

Das Semifinale verfolgte ich im Internet und ich glaube, wenn die Wellen sechs Fuss gehabt wären, hätte es bestimmt einen anderen Verlauf genommen. Leider gab es nur zwei Fuss hohe Wellen, Onshore-Wind und viel Strömung.

Marlon versuchte es mit einer sehr geduldigen Taktik und wartete auf die guten Sets, die leider nie kamen. Währenddessen schnappte sich Pablo Paulino alles, was vorbeikam, und bearbeitete die Wellen nach Textbuch. So wurde Marlon Dritter.

Aus meiner Sicht ist Marlon perfekt für die ASP-Tour, die ja in den besten Breaks der Welt stattfindet. Melvin, Marlons kleiner Punk-Bruder, darf natürlich auch nicht vergessen werden. Er ist in seiner Altersklasse in Portugal Nummer eins. Und es gibt noch einen Exildeutschen in Portugal, der ähnlich talentiert und zielstrebig ans Werk geht wie Marlon: ein gewisser Herr von Rupp.

Gerade mal 14 Jahre alt, war er Ende letzten Jahres schon der zweitbeste Europäer bei den Isa-Weltmeisterschaften in Tahiti. Sicher wird er sich dieses Jahr bei der DM auch wieder einen Titel holen wollen. Oh, jetzt bin ich schon von der Vergangenheit in die Zukunft gerutscht. Okay, Jungs und Mädels, es wird sich bestimmt noch einiges tun in Sachen Surfen in Deutschland – und wer weiss, vielleicht wird es ja auch auf Sylt mal einen Surf-Weltmeister geben? Und wenn nicht, tja, dann holen wir halt die bunten Leggings wieder raus…

Euer Thomas

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