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Peace, LOVE & Harmony on a Canary: Reisebericht von Adrian Siebert

Um von Kiel auf die Kanarischen Inseln zu kom­men, muss man eigentlich fliegen oder Bootfah­ren. Wir nicht! Wir waren einfach da! Am frühen Morgen weckten uns eine leichte ablandige Brise und die kanarische Wintersonne. Ich befürchtete, dass es an den vielen Pilzen lag, die wir am Vor­abend konsumiert hatten. Ich halluzinierte also. Halluzinationen! Die Nebenwirkungen von be­wusstseinserweiternden Mitteln, freier Liebe, Yo­ga, Longboards, Meditation, Single­Fins, Retro­ Fishes und so weiter. Na ja?! Okay! Wenigstens kein Horror ­Trip! Wind, Wellen, Sonne und Salz – warum nicht? Wie auch immer.

Mit der Zeit tauchten auch die anderen auf: Mar­tin Walz von PT Surfboards, Valerie, Raffie und Ole Lietz, unser Schmeichelopa. Da waren wir nun alle zusammen auf den Kanaren. Keiner wusste, wie wir hergekommen waren, geschweige denn, wo wir uns befanden. Erst viel später konn­te ich durch eine rasterelektronenmikroskopische Untersuchung des lokalen Gesteins rekonstruie­ren, wo wir uns befanden. In den nächsten Tagen entwickelte jeder von uns seine eigene Methode, um mit der Situation klarzukommen. Raffie ver­suchte durch ausgedehnte Yoga­ Übungen und tiefe Meditation, zurück nach Deutschland zu kommen. Der Schmeichelopa versuchte es mit Rauchen. Ermöglicht durch die niedrigen Tabak­preise auf den Kanaren rauchte er so viel, wie die Lunge hergab. Valerie hatte sowieso gerade nichts Besseres zu tun, freute sich über den gratis Surf­ Trip und surfte, so viel sie konnte. Man weiß ja nie, wann solch ein Trip endet. Martin, der am besten von uns ausgestattet war, versuchte, sich mit Betablockern ins Bewusstsein zurückzuschie­ßen. Ich selbst verhielt mich wie bei jedem ande­ren Surf­ Trip auch: Ich surfte, so viel es ging, und ernährte mich ausschließlich von Bier, um Geld zu sparen.

Bei unseren Erkundungs ­Trips auf der Suche nach guten Surf­Spots trafen wir gelegentlich auf Ein­geborene. Sie waren etwas kleiner als wir, hatten schwarzes Haupthaar und waren gut gebräunt. Sie unterhielten sich in einer uns unbekannten Sprache. Der Schmeichelopa, welcher am meis­ten Lebenserfahrung von uns hatte, vermutete, es handelte sich um Kauder­ Welsh, laut dem Opa ein alter, äußerst seltener Waliser Akzent. Es musste sich folglich um die Nachfahren von Waliser Seefahrern handeln. Mir kam das Spa­nisch vor: Die alten Waliser waren doch blond?! Egal! Der Schmeichelopa hatte Anglistik studiert und ich wollte ihn nicht innerhalb der Gruppe bloßstellen.
Wenn man zu fünft auf einem Trip ist, gibt es nor­malerweise den einen oder anderen Streit. Nicht so bei uns! Wir lösten alle Konflikte durch brutale Boxkämpfe mit vollem Körperkontakt. Da lernte man, wenn man schwach war, schon ganz von alleine, die Klappe zu halten. So waren wir nach ein paar Tagen ein friedlicher Haufen Hippies, die nur an Liebe, Surfen und andere tolle Sachen dachten.
Bis es im Supermarkt eines Tages zum Streit kam. Ich versuchte, dem Schmeichelopa zu erklären, dass Quarks kleine Nanoteilchen sei­en und keinesfalls Milchspeiseerzeugnisse. Der Schmeichelopa blieb stur. Es kam zum Duell. Ich möchte den äußerst brutalen Faustkampf an die­ser Stelle nicht weiter beschreiben. Nur so viel: Ich ließ ihn am Leben.

Monate verbrachten wir nun schon auf der Insel – oder waren es gar Jahre oder Tage? Wir wussten es nicht. Keiner von uns konnte zählen, unsere Eltern hatten nicht genug Geld, um uns zur Schu­le zu schicken. So fristeten wir unser Dasein bo­dysurfend auf einer vulkanischen Insel. Bis wir während einer unserer zahlreichen Exkursionen auf eine Stadt trafen. Auf dem Ortsschild stand: „Corralejo“, ausgesprochen „Koralecho“. Wir waren begeistert! Sofort unternahmen wir eine Stadtrundfahrt mit dem Dotto Train, einer Mi­schung aus Auto und Zug. Wir mischten uns unter die anderen Touristen, doch was sahen wir da?!

Überall Leuchtreklamen, 1 Euro Asia Shops, Ho­tels, Eisläden, schlechte Touristen­ Bars, so weit das Auge reicht. Es war wie am „Ballermann 6“ auf Mallorca. Das war Gift für unsere Seelen! Wir waren Soul­ Surfer, Hippies, Liebende, Akademi­ker, Alt­68er ( Schmeichelopa), Buddhisten, Hin­duisten, Yogisten und Bodysurfer. Verflixt noch mal! Ich hatte fast so einen langen Bart wie Keith Malloy. Ich komm nicht klar auf Kommerz!
Wir rannten so schnell wir konnten Richtung North Shore, unserem Zuhause am Strand. Da sahen wir einen alten Mann am Wegesrand sit­zen. Er hatte schütteres weißes Haar und sein Bart wuchs bis auf die Straße. Der Bart war am Ansatz weiß, wo er auf die Straße traf, schwarz vom vielen Dreck der fahrenden Autos und in der Mitte der Straße hatte er einen weißen Streifen von der Fahrbahnmarkierung. „Der Mann muss älter sein als die Stadt“, dachte ich mir. Ich sprach ihn elegant auf meinem feinsten Hochdeutsch an. Er faselte wirres Zeugs von einsamen, unbewohn­ten Inseln, endlosen Wellen und vulkanischen Eruptionen. Ich nahm ihn nicht ernst. Die einzi­gen Eruptionen, die ich kannte, waren sexuellen Ursprungs.
Ich fragte ihn, ob er vielleicht zu viel vom lokalen Kaktus gegessen hätte. Er antworte­ te: „Cabron!“ Ich verstand nicht. Es war Kauder­ Welsh.

In den kommenden Tagen vermaß ich mit mei­nen selbst gebauten geodätischen Werkzeugen die Inseln und erstellte Land­ sowie Seekarten. Dabei stieß ich auf eine kleine unbewohnte Insel mit net­ter Südwestflanke, die in einem großen Swell end­ lose Wellen produzieren müsste. Vielleicht hatte der alte Mann doch Recht?! Ich öffnete zur Feier des Tages eine Dose Grafenwalder Starkbier und überprüfte meine Messungen. Die Messungen wa­ ren korrekt. Daraufhin erstellte ich ozeanografi­sche Matrizen und hielt mich drei Tage in Wahr­scheinlichkeitsräumen auf. Meine Berechnungen waren fertig! Es muss sich also eine unerhört per­fekte, endlos lange Welle auf dieser klitzekleinen Insel (auf der Landkarte war sie nur wenige Zenti­ meter groß) befinden. Ich war verwirrt: Wie kann sich eine mehrere Kilometer lange Welle vor einer nur wenige Zentimeter großen Insel befinden? Mir war es nicht bewusst, doch ich hatte in je­nem Moment das Theodizee­ Problem gelöst. Ich hatte also bewiesen, dass Gott existiert. Doch ich hab es nicht gemerkt, also wieder vergessen.

Egal, Denken verbraucht zu viel Energie! Wir wollten diese Welle surfen und dazu brauchten wir so viel Energie wie möglich. „Gott, Liebe, Energie, alles das Gleiche“, dachte ich mir.

Ich musste also Energie erschaffen, wenn ich die­se Welle surfen wollte. Na ja! „E = m · c2“, hat Einstein gesagt. Ich verzichtete aus Zeitmangel darauf, den Beweis der Formel nachzurechnen, und stützte mich auf Einsteins Berechnungen, er­ setzte die Masse durch Wurst und da hatte ich’s: „Energie ist gleich Wurst mal Lichtgeschwindig­keit zum Quadrat.“ Zufälligerweise hatten wir in Koralecho eine Stange Salami gekauft. Wir hat­ten also Wurst. Martin hat im weiteren Verlauf des Trips am Lagerfeuer zufällig erwähnt, dass er Pfadfinder wäre und mit zwölf Jahren ein Rie­senrad aus Holz gebaut hätte. Ich wurde hellhörig. Ein Riesenrad? Ist das nicht etwas, das Men­schen, also Masse, also Wurst im Kreis beschleu­nigen kann?
Eine Zentrifuge also! Ich fing erneut an zu rechnen. Wie oft kann ich mich in einer Sekunde im Kreis drehen? Einmal, okay! Wie schnell ist Licht? 300.000 m/s! Wie ist die For­mel für den Umfang des Kreises? 2 · π · r, okay, ein Leichtes! Ich sammelte also alte Taue und Seile am Strand und band sie zusammen, bis ich ein mehrere tausend Kilometer langes Seil hat­te, dann band ich die Wurst ans andere Ende und drehte mich im Kreis. Die Wurst rotierte um mich. Ich verwandelte mich in pure Energie. Alle Farbe wich aus meinem Neo, er wurde weiß. Meine Haare wurden von der Zentrifugalkraft ausgerissen, ich bekam eine Glatze. Ich war pure Energie, ich war Liebe, ich war Kelly Slater, ich war Gott!!
Man soll ja immer dann aufhören, wenn’s am schönsten ist. Deswegen hör ich hier mit dem Travel­ Bericht auf. So viel noch: Wir sind alle wieder gut zu Hause angekommen, wir sind die endlose Welle gesurft und wir werden in Zukunft vorsichtiger mit bewusstseinserweiternden Mit­telchen sein.
Peace, Love und Harmony, Adrian

PS: Wer noch mehr Bilder von dem Trip sehen will findet diese HIER

photos: Valerie Schlieper, Ole Lietz, Adrian Siebert

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