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Blue Awareness: Irland – Grüne Insel, graue Wellen und herzliche Menschen.

Christian Weigand ist begeisterter und reiselustiger Surfer. Im Sommer hat er sein Studium in „Environmental and Resource Economics“ abgeschlossen und ist nun an den Küsten unterwegs um von den Helden der Meere zu berichten: Den Menschen, die sich dem Schutz der Ozeane verschrieben haben!

In seinem Studium hat sich Christian Weigand viel mit dem Schutz der Natur und vor allem unserer Meere auseinander gesetzt, aber nur sehr theoretisch.

Um in die Realität einzutauchen hat er das Projekt „Blue Awareness“ gestartet, bei dem er verschiedene Küstenregionen besucht und herausfinden will, wie es um den Ozean steht. Im Fokus stehen dabei die Menschen, die er vor Ort trifft. Manche davon sind kleine oder große Helden und Heldinnen, die in ihrem Alltag etwas zum Meereschutz beitragen. So macht er spannende Begegnungen und lernt viel über die lokalen Probleme und Besonderheiten. Zusätzlich möchte er die Chance nutzen, ein neues Bewusstsein zu schaffen indem er seine Erfahrungen teilt. Jeder weiß von den Problemen unserer Ozeane, aber oftmals erreichen uns diese Informationen ohne den entscheidenden Funken, der in uns Handlung auslöst.

Stattdessen steht man ohnmächtig vor einem immer größer werdenden Problem. Diesen Funken möchte er nun weitergeben. In kleinen Geschichten über Personen, die die ersten Schritte gegangen und vom Teil des Problems zum Teil der Lösung geworden sind. Menschen wie Du und ich, deren Story das Zeug hat auch in Dir eine Veränderung auszulösen.

Hier seine erste Story nach Irland:

Ich befinde mich auf der ersten Station meiner Reise: Irland. Ich reise nun die zweite Woche über die „Grüne Insel“ und weiß jetzt, woher der Name kommt. Es regnet und stürmt täglich, die Temperaturen schwanken träge zwischen 10 und 15 Grad. Während andere europäische Surfdestinationen Ende August noch mit knappen 30 Grad und viel Sonne auftrumpfen, zeigt sich der Sommer in Irland nur an wenigen Tagen.

Mittlerweile verstehe ich auch, warum sich Florentin, ein Franzose, der seit zwei Wochen auf dem Parkplatz des „Easky Tower“ wohnt, so darüber gefreut hat, dass es ihm gelungen ist seinen Neo zu trocknen. Alles wird nass, nichts wird wieder trocken. Da ich im Moment in einem Zelt wohne, trinke ich endlos viel Tee in gemütlichen Pubs um etwas Wärme und Geborgenheit in die meist graue Szenerie zu bringen. Plötzlich macht es Sinn, dass Irish Pubs weltweit für ihre Gemütlichkeit bekannt sind.

Sobald die ersten Tiefs das letzte bisschen Sommer aus dem Land pusten, zeigen die zahlreichen Surfspots weshalb Irland ein garnichtmal so geheimer Tipp als europäische Surfdestination ist. Diese Woche besucht mich mein Freund und Surfbuddy Costa.

Wie immer, wenn wir gemeinsam auf Reisen sind, wird ein nicht unerheblicher Anteil des Tages der Suche nach Wellen gewidmet. Im County Sligo bieten zahlreiche Buchten bei fast jedem Wind eine Chance auf cleane Wellen. Trotzdem bedeutet es viel Fahrerei, abseits der allgemein bekannten Spots zu suchen. Denn meist sind die Wellen entweder zu klein, vom Wind zerblasen oder bei der aktuellen Tide nicht surfbar.

Trotzdem gilt: Wer sucht der findet, und in Irland besteht die Chance feinste Wellen nur mit seinen Freunden zu teilen. Selbst an hoch frequentierten Spots fallen die Locals vor allem durch irische Höflichkeit auf. Falls sie überhaupt im Wasser sind.

Eines Morgens laufen schulterhohe Wellen über das Riff von Easky Right. Die langen Ritte auf der Rechten werden von einer leichten Offshore-Briese versüßt. Diese Welle gilt als eine der meistfrequentierten Wellen des Landes. An diesem Dienstag sind wir ganz alleine. Für zwei Stunden teilen wir uns das Lineup zu zweit, dann kommen noch drei Surfer dazu. Natürlich bleiben wir so lange im Wasser, bis unsere Arme nur noch aus Pudding bestehen, und unsere Mägen mit einem bohrenden Gefühl das ausgesetzte Frühstück einfordern.

Nachmittags bin ich in Strandhill, einem kleinen Ort mit breitem Strand, mit Seamus verabredet. Seamus McGoldrick ist ein Pro- und Big-Wave-Bodyboarder. An vielen Wellen, in die sich vorher kein Surfer getraut hat, leistete er Pionierarbeit.

So war er 2011 auch der erste Bodyboarder, der sich von einem Jet-Ski in die brutalen Tubes von Mullaghmore hat ziehen lassen. Seamus war sich stets der Konsequenzen bewusst, die es heißt sich solchen Naturgewalten auszusetzen. Daher bereitete er sich mit seiner Surfcrew auf Ausnahmesituationen vor. 2016 zahlte sich genau diese Vorbereitung aus: Beim Surfen des Big-Wave-Spots Rileys brach er sich den Oberschenkel. Nur durch die schnelle Reaktion seiner Freunde Fergal Smith, Clem Mc Inerny und Mickey Smith konnte er aus der lebensbedrohlichen Lage gerettet werden.

Durch harte Arbeit und ein positives Mindset kurierte Seamus die Verletzung aus und wendete das drohende Karriereende ab. Nach einem halben Jahr war er wieder im Wasser anzutreffen und bereitete sich auf eine echte Belastungsprobe vor: Denn keine drei Monate später trat er als Wild Card den World Tour Contest in der berühmtberüchtigten Bansai Pipeline an. Er coachte schon das irische Bodyboard Team und 2017 hat Seamus eine Surfschule in Strandhill gegründet. Dort organisiert er mit seinen Surfschülern wöchentliche Beach-Cleanups und wurde von Clean Coasts, zum „Individual of the year 2017“ gekürt. Genau darum möchte ich ihn treffen.

Wir treffen uns im Shells Café, wo ich einen sehr herzlichen Seamus kennen lerne. Er kennt hier jeden und nimmt sich auch die Zeit, mit allen ein paar Sätze zu wechseln. Wir trinken einen Kaffee und haben sofort eine Menge Gesprächsstoff. Ich finde heraus, dass Seamus einen Abschluss in „Physics and Chemistry of Advanced Materials“ hat und außerdem noch drei Jahre lang einen musikalischen Studiengang besuchte, der sich vor allem mit irischer Volksmusik befasst.

Sowieso ist Seamus sehr mit der irischen Kultur verbunden und empfiehlt uns einige Kulturstätten, die wir keinesfalls verpassen dürften. („Irland zu besuchen, ohne Knocknarea zu sehen wäre wie Ägypten zu besuchen, ohne die Pyramiden zu bestaunen.“) Nachdem wir ausgetrunken haben, lädt Seamus mich in seine Wohnung ein, damit wir das Interview an einem ruhigen Ort drehen können. Jeglicher Meerblick war an dem Tag mit solch einem Wind verbunden, dass mein Mikro wohl nur Rauschen aufgenommen hätte. So landen wir auf seiner Terrasse, und schießen das Video ohne besonders anmutigen Hintergrund. Schnell versteht man, warum Seamus zum „Individual of the year“ gekürt wurde, einer Auszeichnung, für die man von seinem Umfeld nominiert werden muss.

Wie ich im Cafe feststellen konnte, nimmt sich Seamus Zeit für die Menschen um sich herum, während er gleichzeitig ein äußert lebhaftes Vorbild ist. Auf dem Weg zu seiner Wohnung war sich Seamus beispielsweise nicht zu schade, 3 Meter über die Steine einer großen Mole zu klettern um eine Plastikflasche einzusammeln. Damit hatte er natürlich gleich die Aufmerksamkeit vieler Fußgänger und Strandbesucher auf sich und somit auf die Säuberung des Strandes gerichtet. In seiner Surfschule hat er am Ende jeder Woche eine Strandreinigung etabliert, „denn wenn man gerade eine super Zeit im Wasser hatte, ist jeder bereit einen kleinen Aufwand zu betreiben um das Meer zu schützen. Außerdem sehen andere Strandbesucher, was man dort tut und denken vielleicht auch über ihr eigenes Verhalten nach.“

Seamus schafft den Spagat, ein motivierendes Vorbild zu sein, dabei aber nicht zu überfordern. Seiner Meinung nach sollte man in seiner Sache ganz klar sein, aber nicht unbedingt absolut kompromisslos. Am besten sollte man nicht im „ganz oder gar nicht“ Muster denken. Gerade bei einem Problem, dass so groß ist wie die Verschmutzung der Meere, ist es einfach fatal, wenn man zu perfektionistisch an der Lösung arbeitet. Denn dann ist vermutlich schon der erste Beach Cleanup zum Scheitern verurteilt.

Es gibt einfach zu viel Müll, um das Problem als Einzelner lösen zu können. Und wenn man nicht auch mal eine Plastikflasche am Strand liegen lassen kann, ohne, dass man das Gefühl hat seine Vorsätze zu verraten, dann wird man vermutlich nur eine kurze Karriere als Meeresschützer haben. Ziemlich schnell ist man von sich enttäuscht, fühlt sich hilflos und im schlimmsten Fall wendet man sich ganz davon ab etwas gegen das Problem tun zu wollen. Denn wer kann es schon gut ertragen, wenn die Handlungen nicht dem Selbstbild entsprechen? Deshalb findet Seamus Initiativen wie den „5-Minuten Beach Cleanup“ oder „Take 3 for the Sea“ so gut. Es geht darum entweder beim Verlassen des Strandes 5 Minuten Müll einzusammeln oder einfach nur 3 Teile (die nicht von einem selbst stammen) mitzunehmen.

Wenn das jeder macht, dann hat es einen riesen Einfluss, während der Aufwand für den Einzelnen so überschaubar bleibt, dass man sich davon kaum überfordert fühlen kann. Und falls man sich gerade auf einem romantischen Strandspaziergang befindet, und der Partner kein Öko-Hippie ist, kann man vielleicht auch mal an einem angespülten Fischernetz vorbeilaufen, es liegen lassen und sich denken: „Mit den drei Teilen, die ich jedes Mal beim Verlassen des Strandes mitnehme, habe ich meinen Teil getan. Das Netzt ist beim nächsten Mal dran, oder wird von jemand andrem einsammelt!“

Nach dem Interview hat Seamus es eilig. Trotzdem besteht er darauf mir noch einen 5-minütigen Crashkurs auf seinem irischen Banjo zu geben. Dann brechen wir ein wenig überhastet auf. Mit einem Stapel wild zusammengewürfelter Unterlagen auf dem Schoß sitze ich auf seinem Beifahrersitz. Nun ist mir auch klar, woher sein Spitzname „Shambles“ kommt (deutsch: Ein heilloses Durcheinander).

Nachdem wir Dienstag schulterhohe Wellen ganz für uns hatten, sind wir am Donnerstagmorgen nicht die Ersten, die in das Lineup von Easky Right paddeln. Die Bedingungen sind dafür aber umso besser. Statt schulterhohen Wellen läuft es heute leicht überkopfhoch. Etwa fünf bis zehn Surfer teilen sich die perfekten Wände. Heute teilt sich die „Crowd“ ein wenig auf, denn neben der eigentlichen Welle läuft noch ein kleiner Slap weiter rechts, der immer wieder nette, kleine Barrels wirft. Gerade im Wasser bekomme ich gleich die erste Welle. Der Speed der Welle passt genau zu meinem, ich flitze in wunderbaren Schlangenlinien über eine scheinbar endlose Wand. Mit Jubel springe ich aus der Welle, wir surfen an diesem Tag knapp acht Stunden. Das Beste: Kaum ein Set geht vorbei, ohne dass wir unsere Wellen bekommen, denn es sind kaum Surfer im Wasser!

Es geht aber auch anders: Für das Wochenende ist ein solider Swell mit 15 Sekunden Periode angesagt. Während die Wellen bis nachmittags auf sich warten lassen, füllt sich das „Pudding Row“, ein beliebtes Café in unmittelbarer Nähe des Spots, mit Surfern, die sich vor dem anstehenden Surf noch ein Irish Breakfast genehmigen. Wie immer ist es spannend das Herannahen eines guten Swells zu beobachten. Wir nehmen uns vor, nicht gleich bei dem ersten guten Set dem Herdentrieb zu folgen, denn die Setpausen sind noch ewig lang. Aber das, was wir kurze Zeit später deutlich überkopfhoch auf das Riff brechen sehen, lässt uns alle guten Vorsätze vergessen. Im Lineup sind nun 20 Surfer, die Stimmung ist aber vergleichsweise gut, wenn man es mit so manch einer Erfahrung in Spanien oder Frankreich vergleicht. Und das Surf-Niveau ist nicht ganz so hoch wie in den südeuropäischen Line-ups. Klar, es gibt auch hier diejenigen, die für „Urlaubs-Surfer“ unerreichbar bleiben, aber eben nur ein Paar. So bekommen wir an einem Sahne-Tag unseren „fair share of waves“. Denn egal in welche Richtung man guckt, aus dem Wasser kann man überall unzählige Wellen sehen, die nahe der Perfektion an die Küsten laufen.

Hier als mellow Pointbreak, dort als double overhead Barrel. Für uns ein denkwürdiger Tag, der lange in Erinnerung bleiben wird! Dasselbe kann man für die komplette letzte Augustwoche sagen. Während man beim Anblick dieser Wellen anfangs noch wie verrückt ums Auto gesprungen ist und vor lauter Hektik den Neo falschherum anzog, stumpft man nach einer Weile ganz schön ab. Ich surfe so viel, dass ich mich schon dabei erwische, wie ich mich in einen warmen Pub wünsche statt noch einen Spot abzuchecken.

Mehr Infos zu dem Projekt findet Ihr unter: www.blue-awareness.com.

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