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Travel

Roadtrip Australia

Die Gefahren in Westaustralien sind mannigfaltig, Warnschilder, so weit das Auge reicht. Bei einer unserer Offroad-Touren fliegt am Seitenfenster das Schild „Dangerous Coast – Lives have been lost“ vorbei. Leider beschränken sich die Risiken nicht nur auf die geografischen Gegebenheiten. Nein, auch im Inneren jeden Egos lauern oft wahre Killer. on the road mit dem planet sports team.

Die Nacht unserer Ankunft ist extrem kurz und daher weiss ich nicht, ob ich Tagträume oder der harten westaustralischen Realität bereits tief ins Auge blicke. Ein pink lackierter künstlicher Fingernagel bäumt sich vor meinem müden Gesicht auf. Mir schiesst sofort das Überthema dieses Trips in den Kopf: Gefahr! Die Dame hinter dem Counter der Vermietungsstation muss einen schlechten Tag erwischt haben. Bei jedem wiederholten Vorlesen des Passus „Kein Offroad-Einsatz erlaubt!“ bohrt sich ihr drohend vor uns erigierter Zeigefinger tiefer in unser Denkorgan.

Mit dem Wissen, dass wir ihre Regel eh an der nächsten Ecke brechen werden, teilen wir die zwei glänzend weissen Campervans auf, streng nach Geschlechtern getrennt. In einem die beiden Planet-Sports-Teamriderinnen und zugleich besten deutschen Surferinnen Sonni Hönscheid und Eva Kreyer. Die zehnfache deutsche Meisterin und die ewig Zweitplatzierte. Die eine introvertiert, die andere redselig – zwei unterschiedliche Charaktere, eine spannende und zugleich explosive Mischung. Im anderen, etwas voluminöseren Wohnmobil, verteilen Gerry Schlegel, Michi Mohr und meine Wenigkeit, Andy Fox, Fotograf und schreibender Reisebegleiter, unsere Habseligkeiten.

Der Lerneffekt für das eigene, meist überzogene Anspruchsdenken ist enorm. Zurückschrauben ist angesagt. Arrangieren und sich der Gemeinschaft unterordnen statt konfrontieren. Und wenn es mal kracht, dann ausdiskutieren statt schlucken. Denn schwelende Brände sind Gift. Für den Surf-Reisenden sowie dessen unmittelbare Umgebung, wie uns unzählige Warnschilder am Strassenrand mit der Aufschrift „Fire Risk“ verdeutlichen.

In Michis Haut möchte ich nicht stecken. Als Initiator und Manager des Planet-Sports-Surf-Team-Trips hat er alle Hände voll zu tun, die verwöhnte deutsche Surfer-Brut unter Kontrolle und bei Laune zu halten. Nach einem kurzen Stopp im Coles-Supermarkt und anderen lokalen australischen Food-Stores fehlt es uns zum Start der Reise wahrlich an nichts. Derart mit Energie versorgt, sprinten wir los. Allen voran Gerry „the Charger“ Schlegel. Wer ihn nicht kennt: Er zählt zu den besten und furchtlosesten Fluss-Surfern unseres Planeten. Ich durfte das Mathematik- und Computergenie auf der Reise als ausgesprochen gutmütigen, kollegialen und umsichtigen Zeitgenossen kennenlernen. Empfindlich wird er nur bei seiner Kalorienaufnahme. Bedingt durch sein Diabetes ist er darauf bedacht, in möglichst kurzer Zeit seinem Körper ungeheure Mengen an Kohlehydraten zuzuführen, um seinen Blutzuckerspiegel auf einem vernünftigen Level zu halten. Ist er „geladen“, und dafür hat Michi mit seinen riesigen Einkäufen gesorgt, so ist er durch nichts zu bremsen.

Keine vier Stunden später erreichen wir den südlich von Perth gelegenen Cave District, in Surfer-Kreisen als die legendäre Margaret-River-/Yallingup-Gegend bekannt und die Geburtsstätte von Taj Burrow. Der „Platz der Liebe“, wie Yallingup aus der Sprache der Aborigines übersetzt heisst, und die anderen Surf-Spots rund um das kleine Örtchen Gracetown lassen wenig Spielraum für Sentimentalitäten.

Die tief stehende Nachmittagssonne illuminiert das Wellenface von Cobblestones im Gegenlicht und in den verschiedensten Türkis- und Blautönen. Der Paddelweg bei „Cobbles“ ist gespickt mit Tücken. Zuerst heisst es, im hüfttiefen Wasser die vorgelagerten Riffplatten mit metertiefen Senken zu überwinden und durch kopfhohes Weisswasser in den Line-up zu gelangen. Unsere Surf-Recken und -Amazonen schlagen sich wacker und scoren wenig später ihre ersten Wellen.

Der neue Tag begrüsst uns in den prächtigsten Farben, die Westaustralien zu bieten hat. Nach dem Frühstück pendeln wir wie ein morgendlicher Camper-Shuttle-Service die Cave Road zwischen Yallingup und Margaret River auf und ab. Wir entscheiden uns für Moses Rock.

Tiefblaues Wasser, ein Lefthand Point Break, der an einem Headland in eine kleine Bucht läuft. Anders als die zumeist kraftvollen, hohl brechenden Slabs bietet „The Rock“ eine fantastische Wellenwand, an deren Inside sich Gerry mit ein paar Aerials vergnügt und Eva mit tiefen Bottom Turns und kraftvollen Hacks den Jungs zeigt, wie modernes Frauen-Surfen aussieht. Ab und zu sichte ich um uns herum ein paar dunkelblaue Schatten unter der Wasseroberfläche. Ist es der Scharfrichter im grauen Schuppendress mit weisser Bauchbinde? Wir werden es nie erfahren. Wie gut, dass wir erst beim Verlassen des Wassers am Kreuz des vor ein paar Jahren von einem Weissen Hai getöteten Surfers vorbeikommen!

„New message!“ blinkt kurz darauf auf Michis Handy. Sie ist von Jay. „Let’s meet at ,Settlers Tavern‘. Live music, having a drink or two!“ Michi bestätigt. Die beiden internationalen Surf-Stars und Planet-Sports-Teamrider Jay „Bottle“ Thompson und Marlon „The Hulk“ Lipke werden uns die nächsten Tage auf unseren Surf-Expeditionen begleiten.

Am Abend feiern wir die Team-Zusammenführung gebührend, wenn auch mit angezogener Handbremse und wohl dosiertem Alkoholkonsum. Schliesslich sind beide Athleten noch im Wettbewerb des Prime 6 Star WQS Contest von Margaret River. Jay durfte ich bereits ein paar Wochen vorher an seinem Homeground an der Gold Coast, Australiens Ostküste und Mekka der Surf-Industrie, kennenlernen. Aufgewachsen am Righthand Point Break von Burleigh Heads, bereist er heute als erfolgreicher World Championship Tour Surfer jedes erdenkliche Fleckchen Erde. Meist mit seinem Mate Adrian Buchan, 2009 auch mit Marlon.

Wir treffen die beiden am nächsten Nachmittag am Parkplatz von „Gas Chambers“, dem Hot Spot für alle Surf-Pros im Umkreis von Margaret River. Mir schwant Fürchterliches für unser Shooting: Surf-Pros, die sich um jede Welle balgen und sich gegenseitig reindroppen. Erhaben über jeden Zweifel entgegnen mir Marlon und Jay spontan: „Kein Problem, ganz easy, wir nehmen uns schon die Wellen.“

„Need for Speed“ prangt in Comic-Graphics auf Marlons Shortboard neben dem seriösen Schriftzug eines seiner Förderer, einem internationalen Kreditinstitut. Professionell und abgeklärt, ruhig und zurückhaltend – mit einem leicht verschmitzten Grinsen dreht er die Ärmel seines Wetsuits, während er mit „Bottle“ den Line-up analysiert.

Marlons Wellenausbeute ist im Dickicht der internationalen Surf-Meute beachtlich. Seine athletische Statur seziert jeden Teil der Welle. Jays Surfstil ist elegant. Ansatzlos und stylish seine Turns, Airs und Hacks, die er in die schnelle, hohl brechende A-Frame-Welle fräst.

Als hätten wir einen Pakt mit dem Wellen- und Wettergott geschlossen, bricht das Traumszenario nach unserem Treffen mit Jay und Marlon über uns herein: starke Onshore-Winde in Orkanstärke gepaart mit Sturm-Swell. Ein willkommener Anlass für Michi, seinem langjährigen Freund und Surf-Mate Stu einen Besuch in Denmark abzustatten. Unsere rasch eingeholte Wellen- und vor allem Windvorhersage prädestiniert zudem den südwestlichsten Zipfel Westaustraliens für einen Besuch.

Zur Begrüssung schmeisst Stu für uns ein traditionelles Busch-Barbecue nach australischer Manier – mit Kängurufleisch, Grillgemüse und Vegemite! Stolz präsentiert uns Stu seine beachtliche Farm, an die eine Schafkoppel grenzt, auf der ein Alpaka das strenge Regiment führt und die ängstlichen Wolltiere vor Stus Husky Wolfie beschützt. Alpaka? Die langhalsigen Lamatiere wurden An-
fang der 90er-Jahre von ein paar Farmern aus Südamerika nach Westaustralien importiert. Wie souverän das langhalsige Tier sprichwörtlich seine Schäfchen im Trockenen zusammenhält, wird uns sofort klar: Nicht die Kängurus, Emus oder Beuteltiere sind die Helden Australiens, sondern ein tierischer Alpaka-General mit treuherzigen Bambi-Kulleraugen namens Konrad. Doch – leider – steckt hinter jeder Fassade, egal ob Mensch oder Tier ein zweites Ich. Meistens. Und die entlarvt das Diabolische. Das Opfer? Unser Chef Michi Mohr. Ansatzlos und zielgenau wie ein Scharfschütze setzt ihm Konrad einen dunkelbraunen, Ekel erregend riechenden Speichelklumpen auf das blütenweisse Hoodie seines langjährigen Sponsors.

Wir erkunden die Küstengegend Denmarks und Albanys. Die Szenerie mit den pittoresken riesigen Elefantenfelsen und der zerklüfteten Steilküste erinnert uns stark an „Jurassic Park“.

An vorgelagerten Riffplatten türmen sich rechteckige Slabs mit meterdicken Lippen auf – „Cyclops“ lässt grüssen. The surf’s on! Schneller als die Vorhersage prophezeien und wir unser Natureindrücke verdauen können, rollt der neue Südwestswell an, durch leichten Offshore-Wind perfekt geformt: Uns begrüsst der Tag der Tage! Selbst die Warnschilder „Road Ends“ können uns nicht mehr aufhalten, als bei Lights Beach ein Lefthander wie aus dem Bilderbuch läuft, Stus Geheimtipp sei Dank! Wie eine Schar ausgezehrter Surf-Teutonen fallen wir über den Spot her.

Sonni hat sich lautlos wie eine russische Agentin in den Line-up gepaddelt. Geschmeidig und flink wie eine Katze federt sie auf ihr Shortboard und surft die erste Welle. Ihr blondes Haar weht noch trocken im Fahrtwind.

Eva hat den Lefthander bereits mehrmals in Gedanken abgesurft, als sie plötzlich in einer Riff-
spalte bis zur Hüfte versinkt, sich aber glücklicherweise nicht verletzt. Tiefer stecken die Jungs und Mädels nur noch in der Lefthand-Barrel von Lights. Kurz und heftig, bevor die nächste Sektion zur Exekution ruft.

Wir sind vollkommen ausgesurft und gestoked – es war unser ultimativer Surf-Tag –, als uns der Rückflug zur nächtlichen Fahrt nach Perth ruft. In Windeseile werden die nassen Wetsuits, Boards und das Equipment in Boardbags verstaut.

Allein die Tatsache, dass wir an unserem letzten gemeinsamen Abend auf einer unbewachten Wiese versteckt hinter ein paar Bäumen direkt neben dem Tower am International Airport von Perth in alter Campermanier unser Lager aufschlagen, zeigt, dass wir zu einer eingeschworenen Mannschaft zusammengewachsen sind.

Es sind die zwischenmenschlichen Gratwanderungen und surferischen Glücksmomente, die diesen Teamtrip zu einem unvergesslichen haben werden lassen.

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