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Road Trippin Europe

Jedes Jahr brechen tausende von Christen auf, um sich auf den beschwerlichen Fussmarsch entlang des Jakobswegs zu machen. Ihr Weg führt sie von den Pyrenäen bis in die nordspanische Stadt Santiago de Compostela, um dort Heil und Erlösung zu finden. Aber nicht nur sie zollen in einem entbehrungsreichen Marsch ihrer Religion Tribut. Auf der Suche nach den ersten kräftigen Atlantikwogen des Spätsommers entfliehen viele Surfer ihrem sündigen Surf-Mekka Moliets und begeben sich auf Pilgerfahrt entlang der Küsten der iberischen Halbinsel. So auch Deutschlands Longboard-Meister Thomas Schmidt, der sich zusammen mit zwei australischen Freunden aufmachte, um in den unzählichen Breaks zwischen “Molle” und Peniche ihre Seelen reinzuwaschen. Wie jede Pilgerfahrt war auch diese mit grossen Entbehrungen verbunden, doch die Erlösung folgte in Form von perfekten Euro-Wellen.

Der Sommer in Frankreich war entspannt, Fussballweltmeisterschafft gucken, BBQs, warmes Wasser, täglich surfen und französischen Schönheiten beim Braunwerden zuschauen. Doch die wahren Schönheiten zeigt Europa erst im Herbst. Dann, wenn die Saisonarbeiter, die den Sommer über Crêpes und Baguette Americain verkauft haben, Bier in Bars an durstige Touristen ausgeschenkt haben oder den Surf-Anfängern die Chance geben konnten, die schönste Sucht des Lebens kennenzulernen, ihre Belohnung bekommen! Die Rede ist von jenen windstillen Tagen im September, wenn die Sandbank, die vor zwei Wochen noch überfüllt mit Anfängern war, plötzlich leer ist. Wenn es feuert und du deinen Augen nicht traust, weil es den ganzen Tag nicht aufhören will, perfekt zu sein. Dann, wenn du dir ein paar neue Arme wünscht, weil du fertig vom ganzen Surfen am Strand sitzt und zuschauen musst, wie eine Welle nach der anderen ungesurft an den Strand rollt. Und so sitze ich am Strand und überlege, wie die Zeit bis zum ersten Schnee wohl am besten zu überbrücken sei.

Die Lösung war schnell gefunden: Man nehme den “Stormrider Guide: Europe” Michael Lawens (22) aus Byron Bay, Cory Scholez (31), Zimmermann aus Noosa Heads, und meine Wenigkeit Thomas Schmidt (31), Koch aus Leidenschaft. Und schon habe ich meine Crew für einen grossartigen Road Trip zusammen. Wir alle hatten den Sommer in einem Surf Camp verbracht und wollten von Moliets aus Richtung Süden. Wir hatten fünf Wochen Zeit, bevor jeder von uns seinem Winter-Job nachkommen musste. Ich war der Einzige mit einem Auto und der Fähigkeit, unfallfrei auf der rechten Seite der Strasse zu fahren, also planten wir relativ kurze Etappen: von Bar zu Surf Spot, von Surf Spot zu Bar und so weiter. Der “Stormrider Guide” sollte dabei unsere Bibel sein.

Der Start unseres Trips stand unter einem guten Stern, dem Quiksilver Pro in Hossegor. Dieser war in den letzten Jahren schliesslich immer mit perfekten Bedingungen gesegnet. O-Ton Andy Irons: “Das ist wie Pipeline, nur über Sand”, und auch dieses Jahr wurden die Pros zumindest die ersten zwei Tage mit sechs bis acht Fuss und Offshore verwöhnt. Während wir also Zelte abbauten, Kühlschränke putzten und uns an den Alkoholvorräten der Campleiter labten, surften Kelly und Andy eine Gravière-Barrel nach der anderen. Nachdem das Surf Camp in Kisten verstaut und eingelagert war, ging es daran, unseren Stuff im Auto zu verstauen: drei Jungs, zehn Boards und eine Gitarre ohne Saiten…


»Jemand, der noch nie in Supertubes gesurft ist, muss sich das etwa so vorstellen: Es stinkt bestialisch nach Fisch, währe
»Jemand, der noch nie in Supertubes gesurft ist, muss sich das etwa so vorstellen: Es stinkt bestialisch nach Fisch, währe

Da Micko und ich uns bei einem befreundeten Shaper noch neue Boards für den Trip bestellt hatten, ging es die ersten Tage erst mal in ein Mobile-Home nach Lafitenia. Jeder, der schon mal ein Brett bestellt hat, weiss, dass Shaper ein anderes Zeitgefühl haben. “Ist morgen fertig!” heisst: “Ist an irgendeinem Morgen in den nächsten 14 Tagen fertig!” Wir mussten uns also noch ein wenig gedulden und nutzten die Zeit zum Entspannen und Surfen. Lafitenia vor der Womo-Türe war eine willkommene Abwechslung: Morgens surften wir je nach Gezeitenstand und Swellgrösse den Point oder die Inside und machten uns nachmittags auf, um in der Umgebung Surfbares mit ein wenig mehr Wumms zu finden.

Ausserdem trafen wir Tim Yilmaz, einen guten Freund und begabten Fotografen aus München. Dieser verbrachte ebenfalls seine letzten Tage am Meer, bevor das Studium ihn wieder einholen sollte. Wir verabredeten uns für den nächsten Mittag in einer stillgelegten Fabrik, um Porträts zu schiessen und danach vielleicht noch irgendwo ins Wasser zu springen. Als wir nach dem Photoshooting auf den Parkplatz in Seignosse fuhren, trauten wir unseren Augen nicht: Zuwider allen Meteorologen war der Wind offshore und es rollten saubere Vier- bis Sechsfuss-Sets an den Strand. Und: Niemand Geringerer als Kelly Slater persönlich zerlegte sie. Dieser hatte seinen Heat in Mundaka aufgrund der “Onshore, zwei Fuss”-Vorhersage verpasst und hämmerte nun literweise Wasser in den französischen statt des spanischen Himmels. Zwar konnte keiner von uns Tim dazu bewegen, mit seiner Kamera in den Line-up zu paddeln, aber wir wollten es uns nicht nehmen lassen, mit einem achtfachen Weltmeister ins gleiche Wasser zu pinkeln. So konnten wir nach einer zweistündigen Surf-Session einen wichtigen Punkt auf unserer To-do-Liste abhaken: “Mit Kelly surfen” war erledigt…

Just als dieser das Wasser verliess, drehte der Wind auf onshore und wir beschlossen, dass Frankreich nicht viel besser werden könnte. Bei sterbendem Swell brachen wir ins Land der Stierkämpfer und Seat-Fahrer auf, vorbei an San Sebastian und Zarautz Richtung Santander. Wir konnten Micko nur mit Pornoheften und Schokoriegeln davon überzeugen, dass die Woche des Mundaka Pro nicht der beste Zeitpunkt wäre, um eine der bekanntesten Linkswellen der Welt zu surfen. Wir mussten ihm aber versprechen, wenigstens einen Spot in Spanien in Angriff zu nehmen. Wäre es nach Cory und mir gegangen, hätten wir auch sofort nach Portugal durchfahren können. Umso angespannter war die Stimmung, als nach fünf Stunden Fahrt der erste spanische Strand flat war. Micko standen die Schweissperlen auf der Stirn, als wir Richtung Noja fuhren. Doch wir sollten schon wenig später belohnt werden. Falls der Begriff “A-frame” irgendwann mal in einem Lexikon stehen sollte, muss ein Foto von Playa del Ris daneben: eine kurze Linke mit Barrel Section und eine Rechte, die lang genug ist, ihr fünf Turns in die Schulter zu hacken! Wir erwischten den Spot mit überkopfhohen Sets und hatten bestes Entertainment, bis es dunkel wurde. Wir entschieden uns zu bleiben, bis der Swell kleiner wurde, was leider schon am nächsten Tag der Fall war. Bei Sturm und Regen machten wir uns wieder auf den Weg.

Wir verliessen Kantabrien Richtung Salamanca mit dem Ziel, morgens in Peniche zu surfen. Cory und Michael genossen die Fahrt durch die langweiligste Landschaft Europas, während ich zehn Stunden lang damit kämpfte, nicht einzuschlafen. 180 Kilometer vor Peniche konnte ich nicht mehr. Ich hatte die letzten 20 Minuten damit verbracht, mir in den Arm zu kneifen und ins Gesicht zu schlagen, um bis zum nächsten Rastplatz durchzuhalten. Michael und Cory machten es sich auf einem Kinderspielplatz bequem und ich versuchte mein Glück im voll bepackten Auto. Gegen fünf Uhr morgens waren wir wieder top-fit und entschlossen uns zum Weiterfahren.


»Wir konnten Micko nur mit Pornoheften und Schokoriegeln davon überzeugen, dass die Woche des Mundaka Pro nicht der beste
»Wir konnten Micko nur mit Pornoheften und Schokoriegeln davon überzeugen, dass die Woche des Mundaka Pro nicht der beste

Nach insgesamt 900 Kilometern Fahrt standen wir schliesslich am Strand von Supertubos und der erste Heat irgendeiner Bodyboard-Competition wurde gerade gestartet. An dieser Stelle ein paar wichtige Fakten zu Portugal: Portugal, Fussballweltmeister der Herzen – zumindest für alle Portugiesen. Der Portugiese an sich ist freundlich, hat schwarze Haare und trägt ein Karohemd. Anders der typisch portugiesische Strandbewohner: Der trägt Flossen und die Leash am Oberarm.

Er liebt das Auftreten in Gruppen und vor allem am Wochenende sind sämtliche Spots mit surfbaren Wellen hoffnungslos überfüllt mit strampelnden Gummi-Kens. Da jeder Ken natürlich auch einen Kleinwagen hat, kann die Parkplatzsuche schon mal etwas länger ausfallen. Montags bis freitags ist Portugal phänomenal: Es gibt eine Spot-Vielfalt, die ihresgleichen sucht, die Wellen sind die vermutlich besten in Europa und die Parkplätze sind auch wieder leer. Hier und da schauen ein paar Locals vorbei, die im Wasser wenig sprechen und gut surfen, an Land aber herzlich und hilfsbereit sind. Das Wasser ist durch das Jahr arschkalt und beschränkt sich auf Maximalwerte um 20 °C im Hochsommer. Abseits der Contest-Zone hatten sich ein paar Peaks gebildet, die nach Spass aussahen. Jemand, der noch nie in Supertubes gesurft ist, muss sich das etwa so vorstellen: Es stinkt bestialisch nach Fisch, während Sandbank und Wellen abwechselnd probieren, dich oder dein Board in der Mitte durchzubrechen. Aber dafür bekommt man tiefe Tunnelblicke und Sand in alle Körperöffnungen gratis! Wir waren nicht zu halten, schlugen uns zweieinhalb Stunden die Bretter um die Ohren und wurden sogar mit Barrels belohnt – was für ein Start! Nach der Session ging es zur Völkerverständigung in die nächste Bar. Wenn man einen ganzen Sommer fades Bier aus winzigen Flaschen saugen muss, freut man sich ungemein über den köstlichen Geschmack eines gut gekühlten Super Bock. Wir waren erstaunlich effizient, Cory schickte Michael alle fünf Minuten Richtung Bar, um für Nachschub für den Altglas-Container zu sorgen.

In den folgenden Tagen wurde es stündlich kleiner und wir suchten die Strände im Norden nach Wellen ab. Surften wir dort anfangs noch für uns allein, so wurde es auch hier eng, nachdem alle anderen Spots auf Knöchelhöhe geschrumpft waren. Die ganze Woche über erhielten wir Nachrichten von “Sleepy” Marc, einem englischen Aussteiger, den wir im Sommer kennengelernt hatten, dass die Algarve-Küste feuerte. Wir wollten Peniche aber nicht ohne einen wirklich überzeugenden Surf verlassen. Umso glücklicher waren wir, als wir bei unserem Spot-Check eine Sandbank entdeckten, die mit ablaufendem Wasser zu einem spiegelverkehrten Kirra mutierte. Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks schälten sich drei, vier Fuss hohe Linke eine Sandbank entlang, die erst nach 150 Metern endeten. Endlich hatten Michael und ich einen Spot gefunden, an dem wir unsere neuen Boards testen konnten! Mit derselben Präzision, mit der es begonnen hatte, stoppte dieses Uhrwerk zum Feierabend-Surf der Portugiesen und wir zogen los, um Sagres in Flaschen zu vernichten.



»Die einzige gesurfte Welle, die ich von Cory sehen konnte, war ein Monster, das er mit einem Freefall Take-off startete und da

Wir trafen zeitgleich mit einem ausgedehnten Tief in Sagres ein und bezogen ein kleines und bis unter die Decke gekacheltes Apartment. Der Grund der Kacheln wurde mir erst nach mehreren Tagen Dauerregen bewusst, als ich nachts auf dem Weg zum Klo durch die Küche tappte und alles unter Wasser stand. Ich wollte den Grad der Überschwemmung feststellen und betätigte den Lichtschalter, als meine Füsse zu kribbeln begannen – plötzlich machten die Holzschuhe der Vermieterin Sinn… Um uns die nächsten vier verregneten Tage bei Stimmung zu halten, wurde jede Surf-Session mit Sixpacks und Barbesuch belohnt. Schliesslich hatte Cory die grandiose Idee, “Sleepy” Marc anzurufen. Dieser verbrachte bereits seinen zweiten Winter an der Algarve und wusste mit Sicherheit einen guten Spot. Und so war es dann auch. Marc hatte die letzten drei Tage an einem windgeschützten Point Break verbracht und erzählte uns ausgiebig von seinen endlosen Rides. Wir machten uns auf den Weg, ihn zu finden.

Marcs Spot war traumhaft! Eingefasst in hohe, schroffe Klippen lag eine grosse Bucht mit einem schmalen Streifen Sandstrand. Kein Haus oder Schild hatte auf diesen Platz hingewiesen. Ich hatte nicht mit so etwas Schönem gerechnet, auch wenn die Surf-Bedingungen alles andere als perfekt waren. Der Swell hatte über Nacht zugenommen, es liefen satte Acht- bis Zehnfuss-Sets in die Bucht und ein starker Offshore riss den Wellen eine lange weisse Sprayfahne von der Lippe. Der Himmel war einfarbig grau und gab der Szenerie etwas Surreales. Trotz der grösser werdenden Wellen entschieden wir, dass hier gesurft werden musste, schon allein wegen der einzigartigen Stimmung, die an diesem Spot herrschte. Jeder hielt beim Aufwärmen den Blick aufs Wasser gerichtet und versuchte, sich seinen Take-off Spot und Orientierungshilfen einzuprägen. Dann war jeder für sich den Wellen ausgesetzt. In der Mitte der Bucht zog ein starker Channel aus der Bucht und trennte die beiden surfbaren Peaks, einen Lefthand Point, für den Marc und ich uns entschieden hatten, und eine Rechte, die aus einem Drop und einer Schulter bestand, die im Channel auslief. Eine gefundene Herausforderung für die australischen Natural-Footer.

Während ich und Marc lange Ritte bis zum Strand hatten, machten Cory und Micko einen Flugschein der anderen Art. Die Wellen kamen mit hoher Geschwindigkeit aus tiefem Wasser und saugten sich hinter den beiden auf fast dreimal kopfhoch. Bei ihren ersten Take-offs waren die beiden Aussies noch etwas zu langsam und hatten Zeit genug, um in der Luft und danach am Meeresboden über Verbesserungen zu grübeln.

Die einzige gesurfte Welle, die ich von Cory sehen konnte, war ein Monster, das er mit einem Freefall Take-off startete und danach aussah, als würde er ein Treppenhaus hinunterjagen. Cory hatte sein Pensum nach drei solcher Bomben geschafft und durfte als Erster zurück zum Strand. Micko hatte weniger Glück und bekam ausnahmslos auf die Fresse! Nachdem alle wieder unversehrt zurück waren, verabschiedeten wir uns von Marc und machten uns auf den Weg nach Ericeira.

Der letzte Tag unserer Reise sollte noch einen weiteren Haken auf der Wunschliste bringen. Wir checkten ein paar Spots, die aber alle ein wenig langweilig aussahen. Zu guter Letzt fuhren wir nach Coxos, der wohl berühmtesten Welle dieser Gegend. Sie ist normalerweise gerammelt voll mit Locals und Wannabes, nur an diesem Tag nicht. Wir konnten unser Glück kaum fassen: Nicht nur dass es mit kopf- bis schulterhohen Wellen noch grösser als an allen anderen Spots war, es war zu allem Überfluss auch noch leer. Damit meine ich nicht fünf oder zehn Leute im Line-up, sondern kein Schwein, niemand!

Wir waren natürlich nicht zu halten. Es war, als sähe man Schulkinder, die das erste Mal ohne Eltern zu Hause sind. Die Boards flogen durch die Gegend und Wasser in alle Himmelsrichtungen – die mit Abstand beste Session des gesamten Trips! Diese letzten Eindrücke machten uns den Abschied leichter. Alle sassen erschöpft, aber glücklich im Auto. Nach 20 Minuten Fahrt hörte ich leises Schnarchen von der Rückbank und ich fing an, mir wieder ins Gesicht zu schlagen.

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