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Travel

Island

Der sanfte Sinkflug durch die weissen, sich langsam auflockernden Wolken enthüllt Anfangs eine karge Insel, die erst auf den zweiten Blick ihre Vielfalt preisgibt. Dort, wo das Polarmeer auf die vulkanische Landmasse trifft, erheben sich schroffe Basaltklippen, hin und wieder unterbrochen von tiefgrauen Sandstränden. Daran anschliessend finden sich in Grüntönen leuchtende Ebenen, die am Horizont auslaufen vor steil aufragenden, schneebedeckten Bergen. Bis zu diesem Moment stellten wir uns ununterbrochen die Frage, ob es all die Anstrengungen wert war, diesen Trip durchzuziehen. Spätestens beim Blick aus dem Flugzeug waren wir über alle Zweifel erhaben.

Der schwarze Strand
Die Finger spielen überhaupt nicht mehr mit, die Krämpfe in den Waden schmerzen und der Kopf gleicht einem Eiswürfel. Nach zwei Stunden im 3 °C kalten Wasser mit eisigem Offshore und cleanen Vierfusswellen stehen Sonja Hönscheid, Melvin Lipke, Thomas Schmidt und Simon Scheffold wieder am Strand von Sandvik und bibbern. Alles, was sie wollen, ist raus aus dem Anzug, rein in die muckelige Daunenjacke und sich ans wärmende Feuer setzen. Ditten, unser Wasserfotograf, ist der Erste zurück an Land. Die Strömung ist enorm und das Wasser hat diese ganz bestimmten Schaumspuren, wenn die Wellen eine bestimmte Grösse erreichen. Die Inside war ein Chaos aus Weisswasser und der rettende Strand nur wenige Meter entfernt. Scheinbar der einfachste Fluchtweg, doch Ditten schafft es nicht über den mächtigen Shorebreak und kann erst am anderen Ende der Bucht sein Bad unbeschadet beenden. Jetzt hat er aus fauligem Treibholz, nassem Gras und schottischem Whisky ein wärmendes Feuer entfacht. Langsam kehren die Kräfte zurück. Keiner von uns war in seinem Leben schon so hoch im Norden und noch nie war uns nach dem Surfen so kalt. Dennoch umspielt unsere Gesichter ein zufriedenes Grinsen. Dass wir den schwarzen Strand mit seinen stolzen Offshore-Schönheiten überhaupt surfen konnten, verdanken wir nicht nur neuester Neoprentechnologie, sondern auch vor allem Dänen. Aber dazu später mehr.

Zwei Tage zuvor: Hinter Grindavik entdecken wir eine kleine, mit einer Left und Right gesegnete Bucht. Die Sonne scheint, es ist windstill und eine hüfthohe Right läuft unter strahlend blauem Himmel munter an den mit Kelb bewachsenen Steinen entlang. Während Thommy feuchte Augen bekommt, werfen Melvin und Sonni einen Blick auf die Outside. Schaut gut aus da draussen. Aber morgen ist es bestimmt noch besser, wenn der angekündigte Südwest-Swell eintrifft. Bis dahin wollen wir für ein paar Häkchen auf unserer Things-to-see-Liste sorgen. Erstes Ziel: der Strokkur-Geysir, etwas abseits im Landesinneren gelegen. Ihr könnt euch vorstellen, welche Wirkung ausgeht von folgendem Warnhinweis: “Es ist strengstens verboten, Gegenstände in den Geysir zu werfen!” In der kommenden Stunde unternehmen wir alles, um diese Worte bestmöglich zu ignorieren. Danach fahren wir weiter zum Gullfoss-Wasserfall. Hier stürzt ein Gletscherfluss von der Breite eines Fussballfelds ohrenbetäubend und imposant hinunter in eine dunkle Schlucht. Auf dem Rückweg halten wir an einer Tankstelle im tundraesken Nirgendwo. Eine Zapfsäule, dazu ein Verschlag mit Windspiel, worin das wettergegerbte Muttchen für einen Schokoriegel mit Sandwich und Kaffee umgerechnet mehr als zehn Euro verlangt. Uns führt der Einkauf vor Augen, dass wir ein Land bereisen, das hinter Japan auf Platz zwei der teuersten Nationen der Welt rangiert. Am späten Abend erreichen wir unser Hostel in Kevlavik, wo Thommy für uns Pasta kocht. Im Anschluss daran leeren wir die Flasche Rum, die Melvin in weiser Voraussicht aus Portugal mitgebracht hat, und gegen halb zwei fahren wir dann rein nach Reykjavik.

Die Kneipenstrasse
“Alex! Aaaleeex!” Keine Regung. Kurze Zeit später fliegt die hölzerne Kneipentür auf und der Gerufene erscheint vor der Kneipe. Dabei rammt er einem Girlie im Kelly-Osborne-Look die massive Holztür mit Schmackes gegen die Stirn. Alex ist Türsteher im “Circus” und seine Auswahl für den nächsten Schwung Gäste fällt ohne uns aus. Auch Kelly Osborne ist nicht dabei, denn die liegt ausser Gefecht zwischen uns auf dem Asphalt. Wir helfen ihr hoch, nur langsam kommt sie zu sich. Wenige Meter weiter hetzen pubertierende Kids einen Metaller laut brüllend die Strasse runter. Flaschen klirren, Schreie sind zu hören. Ob die von dem Metaller stammen oder von den Jungs, die sich gegenüber an der Hauswand kloppen, ist schwer zu sagen. Es ist Samstagmorgen fünf Uhr und im Laugavegur, Reykjaviks Kneipenstrasse, tobt der Bürgerkrieg. Irgendwann scheissen wir aufs “Circus” und entern eine Strasse weiter oben das “KaffiBarrinN”. Eine gute Stunde und ein paar Bier später ist hier Schluss und wir stehen wieder auf der Strasse. Vögel zwitschern, Fäuste fliegen, Nasen bluten – alles wie gehabt. Ein untersetzter Kerl, Typ Dauerstudent mit Alkoholproblem, kommt schnaubend und mit unkoordinierten Bewegungen auf uns zu: “Hey guys… ahm, you wanna fight?” Nein, sag uns lieber, warum sich hier jeder aufs Maul haut. Er erzählt, es sei in Island Usus, unter der Woche und am Wochenende sowieso. “We like… ahm, we like wrestling here!”, lallt er. “Sometimes we… ahm, we meet with dozens of guys on the acre and punch each other. You didn’t know that? Welcome to Iceland!”

Outside versus Inside
In Erwartung einer sauberen Dünung machen wir uns nach ein paar Stunden Schlaf auf die Socken gen Grindavik. Als wir ankommen, stellen wir fest, dass sich die Bedingungen nur verschlechtert haben. Alle sind leicht verschädelt und die Motivation ist dementsprechend, als Simon in Worte fasst, was jeden von uns seit gestern beschäftigt.

“Was, wenn das nun gute Bedingungen sind? Vielleicht waren das ja gestern sehr gute Wellen, vielleicht wird es hier nicht besser…” Ernüchterung macht sich breit und die kleine Inside von gestern scheint auf einmal ziemlich gut. “Scheiss drauf!”, sagt Thommy zu Simon, “ich geh’ raus.” – “Okay, Ich komm’ mit”, antwortete der. Sie springen aus dem Mietwagen in den kalten und windverblasenen Regen und ziehen sich um. 6/4er-Anzüge, Booties, Handschuhe und Haube sind angesagt. Als Tommy sein Single-Fin-Longboard fertig hat, klettern sie über die rutschigen Felsen runter zum Wasser und paddeln raus. Das erste “Set” ist ungefähr ein Fuss hoch und beide erwischen eine Welle. Unterdessen laufen Melvin und Sonni über den moosbewachsenen Point und paddeln hinaus in die grosse und chaotische Outside. Die Linke läuft unregelmässig, die Rechte gar nicht, weiter draussen ziehen zwei Wale vorbei. Nach einer Stunde herrscht in der Outside das totale Close-out-Chaos, so dass Melvin, Sonni und Thommy, der kurz vorher ebenfalls nach draussen kam, zurück in die ruhigere Inside paddeln. In der Zwischenzeit ist das Wasser gestiegen und die Wellen sind mittlerweile immerhin bei zwei, drei Fuss angelangt.

Der schwarze Strand und wie es dazu kam
Als wir am Morgen wieder an der kleinen Bucht aufkreuzen, läuft gar nichts. Doch die Frage nach dem “Und nun?” wird schnell beantwortet, als ein weiterer Mietwagen neben uns hält. Fahrer und Beifahrer steigen aus und checken die Bucht. Beide machen den Anschein, als ob sie schon im Wasser waren. Wir begrüssen uns und es stellt sich heraus, dass einer der Jungs Simon Mortensen ist, dänischer Shortboard-Schlitzer und Soulfiles-Teilnehmer. Simon bemerkt unsere Enttäuschung, schnappt sich seine Kamera und zeigt uns den kleinen Bildschirm. Darauf sehen wir Bilder einer barrelnden, kopfhohen Welle mit Offshore-Spray! Dazu die Uhrzeit: 6:50 Uhr. Jetzt ist es 9:30 Uhr… verdammt, wo ist das? Der Däne grinst und verrät, wo wir sie finden können. Kurz darauf verabschieden wir uns und fahren über die Geröllpiste an der Küste entlang nach Westen in Richtung Sandvik. Als wir ankommen, sind wir sprachlos: Barrelnde, bis zu doppelt kopfhohe Wellen laufen unter eisigem Offshore-Wind geordnet in die grosse Bucht! Der gewaltige Shorebreak lässt erahnen, dass hier mächtig Kraft im Spiel ist. Nach einer halben Stunde sind alle im Wasser, wenn auch noch lange nicht am Peak. Erst eine halbe Stunde später haben alle eine halbwegs passable Position im Line-up gefunden. Sich dort zu halten ist ein anderes Problem. Melvin schnappt sich als Erster eine Bombe und malträtiert sie mit schnellen Snaps. Sein Timing ist perfekt. Die anderen legen nach. Doch dazwischen werden sie aufgefressen von Close-out-Barrels und von dicken Lippen einfach zerdrückt. Alle sind mehr als einmal caught inside. Zur Belohnung platzieren wir unsere ausgekühlten Körper wenig später in einer heissen Thermalquelle.

Die Wedge
Wir entdecken sie am vorletzten Tag, gleich hinter der Mole von Grindavik. Die Sonne scheint, das Meer ist spiegelglatt und etwa 50 Meter von der Mole entfernt sehen wir sie: Zwischen sich sanft in der Sonne wiegenden Kelbfeldern läuft eine perfekt barrelnde A-Frame-Schönheit. Aber irgendwie stehen wir uns schon den ganzen Tag selbst im Weg. Zu verblasen hier, zu klein dort – alle Spots, die wir besuchen, passen uns nicht. Und jetzt das hier, ein Geschenk des Himmels. Doch wir suchen nur wieder nach Bedenken: “Sieht zwar geil aus, aber das Riff könnte zu flach sein, so wie die Lippe schmeisst.” Sie lockt uns mehr als eine halbe Stunde, und je länger sie es tut, desto weniger sind wir von ihr angetan. Bis heute bereuen alle, dass wir sie nicht gesurft haben, denn sie war perfekt. Verzeih uns, es lag nicht an dir, sondern an uns! An diesem Tag surfen wir also keine einzige Welle, auch an den letzten beiden Tagen nicht.

Der letzte Tag
Zu guter Letzt statten wir dem Gletschersee Jökulsarlon einen Besuch ab. Der Tag ist geprägt von Eisbergen, Seen, Robben – und diesen beiden Burschen hier: “You guys are lucky now”, sagt der Gute zu mir. Dabei mustert er mich grinsend durch den Rückspiegel. “Warum?”, frage ich ihn von der Rückbank ihres Polizei-SUV, während sein älterer Kollege, der anscheinend den Bösen gibt, Simons Kreditkarte emotionslos durch das Kartenlesegerät zieht und diese mit 300 Euro belastet. “You know, in Iceland we charge you only once a day, so now you can drive as fast as you can.” So übermüdet, wie er ausschaut, spricht der Wahnsinn aus ihm, das kann er nicht ernst meinen. Ich steige mit der Karte aus und gehe zurück zu unserem Mietwagen. Ohne ein Wort des Danks – immerhin war ich es, der uns das eingebrockt hat – gebe ich Simon die Karte zurück und wir verlassen den Ort des einzigen Geschehens im Umkreis von wahrscheinlich hundert Quadratkilometern isländischer Tundra. Schade, dass unser Abschiedsgruss von Island in dieser kalten Abfuhr enden musste! Insgesamt ist Island nämlich ein heisser Tipp für alle Abenteurer, die gerne mal abseits der ausgetretenen Pfade auf Entdeckungsreise gehen.

Unser Dank geht an:
Arthur Bollason von Icelandair für die grosszügige Unterstützung.
Axe, dank deren “Best of Summer Bodylotion” Melvin das Image vom braun gebrannten, Frauen anziehenden Surf-Dude in Ansätzen ausleben konnte… Gut, er war auch vorher schon braun, aber nach Island war er es richtig.

Trip-Tipps:

Beste Reisezeit:
Zwischen November und Mai ist Island nicht nur kalt (um 0 °C), sondern auch gesegnet mit perfekten Wellen. 5/3er-Neo mit Haube, Booties und Handschuhen sind ein Muss! Ansonsten gilt: je dicker, desto wärmer.

Hinkommen:
Ab 350 Euro (inkl. Steuern) fliegt Icelandair mehrmals die Woche von verschiedenen deutschen Städten nach Island.
www.icelandair.de

Rumkommen:
Mietwagen sind teuer auf Island. Für einen Kleinbus mit Allrad zahlt ihr circa 1.000 Euro pro Woche. Vergleichen lohnt sich!
www.hertz.de

Unterkommen:
Am preiswertesten sind Hostels. Mehrbettzimmer gibt es ab 25 Euro. Mit internationalem Jugendherbergsausweis gibt’s Rabatt.
www.hihostels.com

Sattwerden:
Pasta-Essen ist auch in Island die preiswerteste Art, satt zu werden. Das gesparte Geld solltet ihr anschliessend in den Bars von Reykjavik in Alkohol anlegen, denn der ist teuer auf Island. Zwischen 8 und 10 Euro kostet beispielsweise das Pint Bier.

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