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Travel

Patagonien

Geröll und Wind, Schiffswracks und Einsamkeit, 15 Millionen Schafe auf gerade mal zwei Millionen Einwohner. Solllte man schon mal von Patagonien, dieser abgelegenen Region am südlichen Zipfel Südamerikas, gehört haben, ging es wahrscheinlich um Wolle und Einsamkeit. Von Wellen und Surfern war sicherlich nie die Rede. Der richtige Ort für die Neugier von Peter Sterling. Nach mehr als 30 Jahren vor Hawaii sucht der Fotograf seit einiger Zeit nach neuen Surfhorizonten. Die überraschende E-Mail eines alten Bekannten, den es für ein paar Monate nach Patagonien verschlagen hatte, brachte ihn auf die Spur: “Peter, du glaubst es nicht: Surfer gibt es hier auch!”

Nach einigen Surfstunden im Worldwide Web hatte ich ein paar Kontakte geknüpft und Infos eingeholt und so stand ich eines schönen Nachmittags in Buenos Aires im Shaperoom von Lucas Romanellie, dem Chef von Atlantic South Surfboards. “Du bist also der verrückte Hawaiianer, der nach Patagonien will! Ob ich mich da auskenne? Na klar! Und damit du dich nicht verläufst, komm ich am besten ein paar Tage mit in den Süden!” Zwei Tage, ein paar Mails und Telefonate mit Freunden von Lucas später sass ich wieder im Flugzeug.

Teatime in Playa Union

In Trelew, gerade mal 25 Kilometer von den kalten Atlantik-Fluten entfernt, sollte mich erst einmal Oscar “El Negro” Chan, ein Freund von Lucas, aufnehmen, da er selbst erst zwei Tage später nachkommen konnte. Was für ein Gegensatz! Vor ein paar Stunden noch die hektische Betriebsamkeit von Buenos Aires um mich herum, empfing mich nun Patagonien mit klarem Himmel und einer geradezu körperlich spürbaren Ruhe. Doch spätestens als Oscar mir auf der Fahrt ans Meer offenbarte: “Heute Morgen war es ziemlich gut!”, wich meine Ruhe der guten alten Mischung aus Vorfreude und Neugierde, die jeder reisende Surfer zur Genüge kennt. Wir fuhren durch Rawson, der Hauptstadt der Provinz Chubut, nach Playa Union, einem in Argentinien recht bekannten Strand, an dem vor langer Zeit die ersten Boote der Waliser anlegten. In Playa Union werden dadurch noch viele walisische Traditionen gepflegt, etwa die Teatime mit Kuchenessen. Und so sassen wir kurz vor der Dämmerung in einem echten walisischen Teehaus und malten uns mit süssem Zuckerzeug im Mund und dampfendem Tee auf dem Tisch aus, was die Wellen uns morgen wohl bieten würden. Dabei erzählte mir Oscar von den ersten Surfern vor Ort: “Irgendwann in den 80ern surften zwei Locals mit ihren alten Windsurfboards hier ein paar Wellen ab. Das war der Anfang.”

Früh am nächsten Morgen machten wir uns auf dem Weg runter zum Strand. Der Gezeitenunterschied ist hier wie an der gesamten patagonischen Küste recht beträchtlich. Rund ums Niedrigwasser gibt es an den meisten Spots die besten Bedingungen. Es war windig und der Swell erreichte gerade mal einen guten Meter. Doch sobald die Ebbe einsetzte, rollten ein paar bessere Wellen und so auch immer mehr Autos mit Surfern an den Strand. Schnell war eine kleine, eingeschworene, aber äusserst gastfreundliche Crowd im Wasser.

Beim Surf Check am nächsten Morgen war allen Beteiligten schnell klar, dass hier nichts mehr zu holen war: Klein und windverblasen lief der Swell ans Ufer. Lucas, der inzwischen angekommen war, und Oscar tauschten kurz ein paar Blicke aus: “Auf nach Puntas Nintas!”, so ihre einhellige Entscheidung. Wir nahmen die Route 1. Es war eine einsame Fahrt, nur selten tauchte mal der eine oder andere tierische Beobachter auf. Auf der einen Seite die Berge, nur ab und zu unterbrochen vom stahlblauen Himmel, auf der anderen die schier endlose Weite der Steppe. In dieser windigen und wasserarmen Region ist Anpassung überlebenswichtig – kein Wunder, dass die meisten Pflanzen tiefgründige Wurzeln und anstatt Blättern heftige Stacheln hervorgebracht haben. Stacheln, die wir noch oft am eigenen Leib spüren sollten, sobald wir einen Fuss aus dem Auto setzten.

Endlich lag unser Ziel vor uns: ein riesiges Kliff, das weit in die See hinausragte. Unten am Strand sahen wir ein paar Seeelefanten faul in der Sonne liegen. Doch viel wichtiger, es liefen ein paar kleine saubere Wellen über das Riff. Kaum waren Oscar und Lucas im Wasser, hatten sie auch schon Gesellschaft. Zwei Seelöwen tauchten auf und zeigten ihnen, wer hier wirklich das Sagen hat. Mit der Zeit wurden es immer mehr und es sah langsam so aus, als wären nun mindestens zwei Surfer zu viel im Wasser. “Am Anfang hat es ja noch Spass mit den Jungs gemacht, doch am Ende, als es immer mehr Seelöwen wurden, war es dann doch ein komisches Gefühl”, so Oscar nach der Session. Auf dem Weg zurück zum Auto kamen wir an ein paar toten Möwen vorbei. Sie erinnerten uns daran, dass das Überleben in Patagonien alles andere als ein einfaches Geschäft ist, sondern immer wieder einen harten Kampf erfordert. Kurz bevor die Dunkelheit hereinbrach, machten wir uns auf den holprigen Rückweg.

Die nächsten Tage machte uns das patagonische Wetter einen dicken Strich durch die Wellenrechnung. Nieselregen, Wind und nur kleine Wellen, nicht gerade unser Wunschtraum vom grossen Surf-Abenteuer. Doch der Wetterbericht im Internet hellte unsere Stimmung wieder auf. Ein ordentlicher Swell war auf dem Weg an die Küste von Chubut. Bis es so weit war, machten wir einen kleinen Segeltörn und hielten dabei nach “toninas overas” Ausschau, einer kleinen Delfinart, die nur in diesen Gewässern vorkommt.

Nach 20 Minuten unter vollen Segeln tauchte der kleine schwarz-weisse Delfin neben unserem Boot auf. Wir nahmen es als gutes Omen für die nächsten Tage. Da wir uns vorgenommen hatten, sobald die Bedingungen stimmten, einen selbst für hiesige Verhältnisse einsamen und entlegenen Spot zu checken, besorgten wir uns ein Zelt und was man sonst noch so braucht für ein paar Campingtage. Langsam wurde der Nordwestwind immer stürmischer und blies endlich die dicken Regenwolken davon. Gleichzeitig begannen die Wellen vor Playa Union, immer besser zu werden. “Peter, wenn wir jetzt noch ein bisschen Glück mit den Gezeiten haben, bist du nicht umsonst zu Besuch gekommen!”, erklärte mir Oscar mit feierlicher Miene.

Black Widow Point

Am nächsten Morgen um halb acht Uhr machte sich unsere acht Mann starke Surf-Reisegruppe auf den Weg in den Süden.120 Kilometer auf einer aufgrund des heftigen Regens vor kurzem noch gesperrten Strasse lagen vor uns. Vorsichtig ausgedrückt herrschte wenig Verkehr. Nach 100 Kilometern bogen wir von der Route 1 in das Punta-Tomba-Reservat ab, ein Naturschutzgebiet mit vielen Pinguinen und Kormoranen, die angesichts unserer Dachlast nur noch den Kopf schüttelten. Nach einer scharfen Kurve änderte sich schlagartig die karge Umgebung. Die Vegetation wurde immer dichter und satter und wir fuhren in ein fruchtbares Tal hinein. Plötzlich tauchte am Horizont parallel zur Strasse der Ozean wieder auf. Um Punkt zehn sahen wir dann den ersten Wegweiser mit der Aufschrift “La Baliza”. Das ganze Auto war in heller Aufregung, denn obwohl der starke Wind eventuell die Rights zerblasen könnte, waren die ersten Wellen, die wir sahen, absolut erstklassig.

Der Swell war da und die Gegend einmalig. Die allgegenwärtige patagonische Pampa endete hier in von Steinen gesäumten Stränden. Stille und Einsamkeit umgab uns, nur unterbrochen vom Rauschen der Wellen. Doch wie schon befürchtet, waren die Rights vom Wind zerblasen. So machten wir uns auf den Weg zum anderen Ende der Bucht und fanden endlich, was wir suchten: eine perfekte Left, die lang und sauber hereinrollte.

Es dauerte nicht lange, bis alle draussen waren. Die Sets hatten locker über zwei Meter und unter Wasser warteten ein paar harte Argumente auf eventuelle Fehler unserer Surfhelden. Wipe-outs, gebrochene Boards, aber auch unvergessliche Ritte – die nächsten zwei Stunden hielten alles parat, was einen echten Surftag für immer unvergesslich macht. Ich spazierte nach der Session noch eine Weile in der Gegend herum, lief über Strände, die vielleicht noch nie ein Mensch betreten hatte. Als ich zurückkehrte, waren die Zelte schon aufgebaut. Dem Spot hatte übrigens das Auftauchen einer Schwarzen Witwe, einer ziemlich giftigen Spinnenart, in der Nähe unseres Camps seinen Namen verpasst: Black Widow Point.

Nachdem die Jungs noch mal draussen waren, wurde es höchste Zeit für ein anständiges Abendessen. Eine riesige Pfanne wurde gefüllt und, während sich die ersten Sterne am klaren Nachthimmel zeigten, in unglaublich kurzer Zeit auch wieder geleert. Früh am nächsten Morgen weckten mich Freudenschreie aus meinem wohlverdienten Schlaf: “Peter, komm raus, der Wind ist weg! Schau dir die Wellen an!” Tatsächlich, perfekte Lefts und Rights brachen glassy über den Point. Vielleicht war das ein kleines Geschenk für die langen Tage des Wartens. Die Jungs waren schon wieder, wie es sich für solch einen feierlichen Anlass gehört, ganz in Schwarz auf dem Weg zum nächsten Wellenfest. Ich suchte mir einen Platz für meine Kamera und genoss die unglaubliche Stille und Präsenz dieses entlegenen Ortes und meinen vorletzten Tag am vielleicht schönsten Ende der Welt.

Natürlich gibt es weitaus einfachere Wege, seinen Surfhunger zu stillen. Aber für jeden reisenden Surfer sind die Landschaft Patagoniens und die Herzlichkeit der Locals eine Erfahrung, die er nicht so schnell vergessen wird. Abenteuer findet man nun mal nicht immer gleich um die Ecke. Viel Spass beim Suchen..!

Infos Patagonien:

Patagonien liegt im Süden des südamerikanischen Kontinents und ist seit 1902 zwischen Chile und Argentinien aufgeteilt. Eine genaue Definition der Region gibt es nicht, aber im Allgemeinen bezeichnet “Patagonien” den Teil südlich des Rio Biobío in Chile und des Rio Colorado in Argentinien sowie nördlich der Magellanstrasse. Für die Anreise nach Patagonien gibt es viele Möglichkeiten, zum Beispiel mit dem Flugzeug in den chilenischen Teil über Santiago de Chile nach Puerto Montt oder Punta Arenas bzw. in den argentinischen Teil über Buenos Aires nach Bariloche, El Calafate oder ganz in den Süden nach Ushuaia auf Feuerland. Der Gabelflug Berlin – Madrid – Santiago – Puerto Montt und zurück Buenos Aires – Madrid – Berlin kostet etwa 880 Euro. Mietwagen sind leider ziemlich teuer. Busse verkehren fast regelmässig zwischen allen grösseren Orten. Die Busse sind meist auch komfortabel und ermöglichen ein angenehmes Reisen. Leider sind die Strassen oft nur Schotterpisten. Für längere Entfernungen kann es sich lohnen, aufs Flugzeug umzusteigen. Da es kaum Informationen über Surf-Spots in Patagonien gibt, macht es Sinn, seinen Trip in Puerto Plata zu starten und sich dort bei den Locals Infos zu besorgen.

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