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China cat sunflower

Die Sonnenblume, “xiang ri kui”, wird in China als Symbol für ein langes Leben angesehen. Sie wächst und gedeiht selbst an den trockensten Plätzen dieser Erde und dreht ihren Kopf immer fleißig Richtung Sonne, egal wie hart die Zeiten auch sein mögen. Auf der chinesischen Insel Hainan wird jetzt unser geliebter Sport mit der Blume in Verbindung gebracht und man hofft, Surfen könne eine neue kulturelle Stärke in die Region rund um die Küstenstadt Wanning bringen. Surfen als Aufschwungplan für die Region? Die Chinesen haben aber auch auf alles eine Antwort parat….

Chong lang – die Grundlage für eine ungewöhnlicher Reise
Während der Sommermonate ist Wanning ein eher ruhiges Plätzchen und der Ozean vor der Haustür ist meist glatt wie chinesisches Porzellan. Wenn aber zwischen Oktober und April die nordöstlichen Monsunwinde kräftig toben, ändert sich die Szenerie schlagartig und das Südchinesische Meer erwacht zum Leben. Dann zeigt der Ozean seine Klauen und verwandelt sich von einer zahmen Hauskatze zum wilden Tiger mit gewaltigen Wellen im Gepäck. Eine Hand voll Locals haben dieses Potenzial seit einigen Jahren er- kannt und sind dabei, diesen Tiger zu zähmen. „Chong lang“, was so viel bedeutet wie „das Eintreten in die Wellen und mit ihnen eins werden“, ist immer noch eine kleine Randsportart im bevölkerungsreichsten Land der Welt. Doch ein stetig ansteigender Strom an ausländischen Surfern, die das Potenzial vor dem Ort Riyue Wan ebenfalls erkannt haben, bringt Schwung in die lokale Wirtschaft. Inzwischen gilt der Ort zumindest unter chinesischen Politikern als eine der aufstrebenden Surf-Szenen Asiens. Und da die Chinesen nicht schlafen, wie wir alle wissen, riefen sie neulich zum ersten Wanning International Surf Festival. Die ASP und bekannte professionelle Surfer waren begeistert. Aber beginnen wir am Anfang.

hainan ist das neue hawaii in china

Wie es zum Surf-Trip ins Reich der Mitte kam
Opportunistisch präsentierte Zhou Ping, der freundliche und offene Minister für touristische Entwicklung, seinen ambitionierten Plan. Ihm zufolge wäre es eine gute Möglichkeit, „um die lokale Surf-Kultur berühmter zu machen und durch das Surfen die Bekanntheit von Hainan als ein touristisches Ziel zu erhöhen“. Der Event soll den Slogan „Passion Coast Surf Wanning“ verbreiten, was laut dem stellvertretenden Bürgermeister Wu Mingyang zu einem Markennamen für die Region werden kann und damit Wanning in der ganzen Welt zu Bekanntheit verhelfen soll. Um zu erörtern, wie sich dieser Plan in die Realität umsetzen ließe, versuchte Zhou Ping eifrig, eine Debatte in Gang zu bringen. Dafür lud er Vertreter des Sports ein, die sich in der Welt des Surfens auskennen, um mögliche Potenziale zu diskutieren und um deren Fähigkeiten während der Hainan Open of Surfing demonstrieren zu können. Er heuerte die renommierte Sportagentur U1st Sports Shanghai an, um zusammen mit Hainan Unistone Cultural Communications das Projekt anzukurbeln. Der Geschäftsführer von U1st Sports Shanghai Rafael Pérez Navazo kontaktierte die international bekannte und in Kalifornien beheimatete Surferin, Autorin und Kulturbotschafterin Holly Beck. Diese wiederum schlug vor, das Surf Explore Team einzuladen. Das Team besteht aus den Fotografen John Callahan, Emi Cataldi und Erwan Simon sowie den kalifornischen Surfern Kim Mayor, dem aus „Endless Summer II“ bekannten Wingnut Weaver und meiner Wenigkeit Sam Bleakley, britischer Longboard-Pro und Schreiberling. Wir bauten dabei auf den italienischen Surf-Mag-Besitzer Nik Zanella, der chinesische Kultur und Sprache studiert hat und sich neben Mandarin ebenfalls sehr gut mit chinesischer Ästhetik und ethischer Etikette auskennt. Offiziell wurden wir als „internationales Kontrollteam“ eingeladen, um die Küste von Wanning zu erforschen und zu dokumentieren. Anschließend sollten wir am Surf Festi- val teilnehmen und eine Fotoreportage von den Pressekonferenzen bis hin zum Haupt-Event produzieren.

die shimei-bucht zeigt sich von ihrer besten seite

Die Umsetzung
Wir folgten natürlich alle höchst gespannt der freundlichen Einladung von Herrn Ping. Als wir in Wanning ankamen, wurden wir mit hohen Erwartungen und von zwei Übersetzern, Steven und Sheng, empfangen. Der erste Tag war direkt durchgeplant mit dutzenden formalen Pressekonferenzen und auch das Abendessen begann mit einigen Reden und Toasts, um diesen einzigartigen kulturellen Austausch gebührend zu würdigen. „Gam bei!“ – das chinesische Prost erklang nach jedem Gang. Holly Beck ist von Anbeginn der Star der Show und wurde zur „World Surfing Beauty“ der öffentlichen Events ernannt. Wenn es einen Modelltyp für Eleganz und graziöses Surfen gibt, der mit Hilfe des Sports versucht, kulturelle Unterschiede zu vermitteln, dann ist es mit Sicherheit Holly.

Der erste Surf
Am nächsten Morgen nach der Begrüßung brachen wir mit leichtem Kopf- schmerz von unserem Hotel in Shimei Bay auf, um unserer auferlegten Mission nachzukommen. Auf der Fahrt kamen wir an den heißen Quellen und den Kaffeehäusern von Xing Long vorbei und passierten die großen Granitfelsen und den heiligen Budda von Dongshan Ridge. Es ging kreuz und quer durch Wanning. Hochhäuser tauchten vermehrt an den verschlafenen Straßen auf und es roch dabei nach einen Mix aus Seafood und Abgasen. Am Hafen von Hongan entwirrten Frauen die grünen Fischernetze, die von den Fischern nach ihrer Rückkehr entladen wurden. Als wir schließlich am nördlichen Strand von Xiangbei ankamen, waren wir un- geduldig, die grüne, porzellangleiche Oberfläche zu zerbrechen. Wir tauchten unter den kleinen Wellen hindurch und warteten die meiste Zeit auf die noch zahme Wildkatze. Wir waren aber entspannt, da für den kommen- den Tag bereits ein frischer Swell angekündigt war.

warmes wasser, entspannte barrels - was will man mehr

Der erste richtige Surf
Als sich der Tiger schließlich rührte, verwandelte sich der Point Break in Riyue Wan zu einem traumhaft langen Ride. Die Wellen waren jedoch nicht perfekt, denn die Periode zwischen den Set-Wellen wechselte ihren Rhythmus, wie sie wollte. Unweigerlich kam mir durch den schnellen Rhythmuswechsel der Song „China Cat Sunflower“ von The Grateful Dead in den Sinn. The Grateful Dead waren eine amerikanische Rockband, die sich 1965 in San Francisco gründete und die chinesische Kultur zu schätzen wusste. Die Band schrieb Songs mit kräftigen und wieder erkennbaren Gitarren-Riffs und subtilen Feinheiten, wodurch sie sich von den eher stumpfen Stadion-Rockbands aus Amerika und Europa zu unterscheiden wusste. Wie dem auch sei, ich genoss die Wellen an der Küste von Wanning in vollen Zügen. Die Krallen des Tigers wurden im Laufe des Tages immer größer und wir alle surften, bis uns die Arme abfielen. Wir waren zufrieden und glücklich mit unserer ersten Vorstellung und können das großartige Potenzial, das unsere chinesischen Freunde angekündigt hatten, nur bestätigen. Auch unsere Gastgeber schienen zufrieden zu sein und luden uns erneut zu einem prunkvollen Abendessen ein. „Gam bei!“

holly beck verzaubert die chinesischen surf-bürokraten

Echtes Potenzial
Am nächsten Morgen das gleiche Bild, nur an einem anderen Strand. Wir checkten die Shimei-Bucht aus und wurden von herrlichen Wellen begrüßt. Wir paddelten hinaus und hatten in Vorbereitung auf den für den nächsten Tag angesetzten Contest eine wirklich gute Session. Für unseren auferlegten Recherchejob hatten wir schon jetzt genügend Material, um behaupten zu können, dass China echtes Potenzial hat.

Die Hainan Open
Die überdurchschnittlich guten Wellen hiel- ten bis zu den Hainan Open in Riyue Wan an. Um den Leuten die Anfahrt zu erleichtern, setzten die Veranstalter einen
kostenlosen Shuttle aus Wanning und Umgebung ein. Am späten Morgen hatten bereits 4.000 Menschen den Weg zum Event gefunden und waren begeistert, als die ersten internationalen Surfer ihre smoothen Turns in die Wellen zauberten. Der Besitzer des Shops „Surfing Hainan“ Brendan Sheridan moderierte grandios das ganze Wochenende über auf Englisch und Mandarin. Den Sieg im Shortboard-Contest der Pros konnte der Australier Mark Mathews davontragen. Im Longboard-Wettbewerb zeigte Rob Bain die beste Performance und sicherte sich den Tagessieg. Holly Beck stand im Finale der Surferinnen, was einiges über ihre Qualität verrät. Weitere Sieger waren der Lokalmatador Dahai Zhang als bester Local Surfer und Drittplatzierter im Longboard-Contest sowie Baybay Niu aus Taiwan, die den Sieg bei den Frauen errang. Nach dem Event schloss ASP- Tourmanager Dane Jordan mit den Organisatoren eine Vereinbarung, im kommenden Jahr den ersten ASP-Event in China zu veranstalten.

taifune treiben solche wellen an die küste

Auf Wiedersehen, Hainan
Es brach der letzte Abend an und wir saßen da, guckten in den Sonnenuntergang und konnten noch immer nicht so recht glauben, was die Chinesen in so kurzer Zeit hier aufgezogen hatten. Ich bin tief inspiriert, mehr über die chinesische Kultur zu lernen, und werde auf jeden Fall ein zweites Mal nach China kommen! Dann werde ich auch die spektakuläre Landschaft im Landesinneren erkunden und ganz sicher abermals mit dem Tigerin Wanning in den Ring steigen.

text: sam bleakley/surfEXPLORE
photos: jon s callahan/tropicalpic

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