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Rätselhafte Ölpest an Brasiliens Nordküste

Brasiliens Nordküste wird seit zwei Monaten von einer unerklärlichen Ölpest heimgesucht. Die freiwilligen Helfer der „Guardioes do Litoral“ sind bei der Säuberung auf sich alleine gestellt. Ein Interview über Tatenlosigkeit, Aktivismus, aber auch Zusammenhalt bei der Rettung eines der größten Meeresökosysteme Brasiliens.

Es fehlt an Aufmerksamkeit: Seit zwei Monaten kämpfen die Einwohner des brasilianischen Küstenstaates Bahia gegen die unerklärlichen Ölmassen an ihren Stränden an. Über 2000 Kilometer Küstenabschnitt sind davon betroffen. Die Anwohner fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen, denn die Quelle ist noch immer unbekannt. Die freiwillige Gruppe „Guardioes do Litoral“ setzt sich seit Beginn der Ölkrise für die Erhaltung und den Schutz der Strände ein. Im Interview sprechen sie über Verzweiflung, Tatendrang und die Liebe zum Meer.

Der im Norden gelegene Bundesstaat Bahia gehört zu den beliebtesten Urlaubsdestinationen Brasiliens. Bekannt für seine Surfspots und Strände zieht er jährlich tausende Besucher aus aller Welt an. Seit dem 30. September 2019 hat sich die Situation jedoch verändert. Schwarze, zähe Ölflecken werden an die Traumstrände geschwemmt. Woher das toxische Öl stammt, wurde auch nach drei Monaten noch nicht geklärt. Im Verdacht steht ein griechischer Tanker. Knapp 2000 Kilometer Küstenabschnitt sind mit dem Öl bereits bedeckt. Größere Ströme an Ölflecken, von bis zu einem Meter, werden dabei bis in den Süden des Bundesstaates Bahia gespült.

Da die Einheimischen sich von Beginn an von der Regierung im Stich gelassen fühlten, formieren sich aus Umweltschützern, Küstenbewohnern und Surfern freiwillige Gruppen, welche die Strandabschnitte säubern. Eine dieser Vereinigungen stellt die „Guardioes do Litoral“ (auf dt. Küstenwache) dar. Eine von Surfern und Naturliebhabern gegründete Gruppierung, welche sich selbst als die „Wächter der Strände“ bezeichnet. Seit dem ersten Tag gehen sie aktiv gegen die Ölverschmutzung vor. Im Interview mit den Gründern Miguel und Arthur reden wir über Hilflosigkeit, Aktivismus, aber auch Zusammenhalt bei der Rettung eines Ökosystems, dessen Zerstörung letztendlich jeden einzelnen von uns betrifft.

Surfers: Miguel und Arthur, ihr habt die Gruppe „Guardioes do Litoral“ im Norden Brasiliens in der Region Bahia vor nun zwei Monaten gegründet. Könntet ihr uns die momentane Situation in eurer Küstenregion einmal schildern?

Miguel: Die aktuelle Situation im Nordosten Brasiliens ist eine der schlimmsten Umweltkatastrophen in der Geschichte unseres Landes.
Wir haben es hier mit einer Katastrophe zu tun, welche die Umwelt, aber auch uns Menschen betrifft. Viele Leute leben hier vom Fischfang oder vom Tourismus. Das Ökosystem, in dem wir leben, wird durch das Öl krank und mit ihm auch wir.

Arthur: Der Bundesstaat Bahia hat mit circa 1.100 Kilometern die längste Küste Brasiliens. Vom Norden bis zum Süden Bahias wird bis heute noch eine beträchtliche Menge Öl angeschwemmt. Manchmal als fragmentierte Stücke –etwa in Münzgröße – oder als größere Flecken, welche bis zu einem Meter messen.

Credit: Mateus Morbeck

Surfers: Gerade schlüpfen viele Schildkröten in eurer Region und auch große Korallenriffe sind bei euch angesiedelt.
Arthur, du bist Umwelttechnologe, Surfer und Speerfischer. Welche Auswirkungen hat die Ölpest auf das Ökosystem?

Arthur: Das Ökosystem stellt eine etablierte Kette dar, in der ein kontaminierter Teil alle anderen kontaminiert. Ein ganzes System kommt durch die Verunreinigung aus dem Gleichgewicht. Wir Menschen sind nur das letzte Glied davon. Wie gravierend die Folgen sind, kann ich nicht abschätzen.

Surfers: Der Norden Brasiliens ist eine der beliebtesten Touristenregionen des ganzen Landes. Wurden die Strände aufgrund des Öls nun gesperrt?

Miguel: Nein. Aber es steht in unserer Gesetzgebung, dass allein schon bei dem Geruch von Öl die Strände für die Bevölkerung geschlossen werden müssten. Bei solch einem Aufkommen, wie wir es hier haben, müssten alle Strände längst gesperrt sein. Die Regierung schließt die Strände aber aufgrund des Tourismus nicht. In meinen Augen ist das komplett unverantwortlich.

Surfers: Auf Instagram hat eure Gruppe bereits 35.000 Follower. Dort ruft ihr unter anderem zu Säuberungsarbeiten und Demonstrationen auf. Wie und wann kam es zur Gründung eurer Gruppe?

Miguel: Die Gruppe war eine Initiative meines Bruders Arthur. Unser Freund Daniel Cady, welcher direkt am Strand wohnt, schickte am 30. September 2019 Bilder von Korallen voller Öl. Wir wollten einen schnellen Weg finden, um die Strände von den Ölmassen zu befreien. Arthur kreierte eine WhatsApp-Gruppe. Schnell hatten wir viele Menschen zusammen, die die Strände überwachten und sie säuberten. Danach folgte Instagram, um mehr Menschen zu erreichen.
Wir lieben das Meer und müssen für den Erhalt dieses Ökosystems gemeinsam kämpfen. Deshalb wollten wir Menschen mit der gleichen Liebe zusammenbringen.

Surfers: Ein Mitglied eurer Gruppierung ist unter anderem der ProSurfer Bino Lopes. Wurde die Gruppe denn auch von Surfern gegründet?

Miguel: Ja, viele von uns surfen, aber wir haben auch Taucher, Segler, Natur-  und Meerliebhaber in der Gruppe. Hauptsächlich sind wir alles Personen, die sich als Teil des Meeres – der Natur – verstehen.

Surfers: Die starke Verbundenheit zur Natur spiegelt sich in den Sportarten wieder, denen ihr nachgeht. Eure Region ist bekannt für viele berühmte Surfspots wie beispielsweise Itacaré. Ist es denn momentan überhaupt möglich in der Region zu surfen beziehungsweise ins Wasser zu gehen?

Miguel: Wir surfen seit mehr als 50 Tagen nicht mehr. Wir kennen die Risiken, die mit einer Kontamination verbunden sind, und wissen, was für giftige Substanzen das Öl freisetzt. Auf lange Zeit muss man nach einer Kontamination mit ernsthaften gesundheitlichen Folgen rechnen. Aber es gibt dennoch genügend Surfer, die ins Meer gehen, die Tatsachen ignorieren und somit ihre Gesundheit auf’s Spiel setzen.

 

Credit: Mateus Morbeck

Surfers: Auf unterschiedliche Weise möchtet ihr Aufmerksamkeit erzeugen. Dazu gehören Instagram-Aufrufe, aber auch Demos und Performance Art.
Während der Vorstellung marschierten mehrere mit Öl bedeckte Menschen am Strand entlang. Was möchtet ihr mit euren Aktionen bezwecken?

Miguel:  Wir möchten die Überwachung, die Säuberungsmaßnahmen und die Informationsbeschaffung verbessern. Aber vor allem ist es unser Ziel, dass die Menschen endlich verstehen, wie groß das Problem hier tatsächlich ist.
Was die mit Öl bedeckten Menschen betrifft: Das war eine Performance von ein paar lokalen Künstlern, welche wir mit unserer Plattform Raum geben wollten. Selbstverständlich war das kein Öl, sondern eine Mischung aus Kaffee und ein paar anderen Dingen, damit es echt wirkt.

Arthur: Mit der Demo wollten wir Aufmerksamkeit erregen. Wir haben das Gefühl, dass die Transparenz von unserer Regierung fehlt und wünschen uns mehr Unterstützung.

 

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Surfers: Das klingt frustrierend.  Welche Unterstützung wünscht ihr euch von eurer Regierung oder anderen, größeren Umweltorganisationen?

Arthur: Das Entfernen des Öls von den Stränden ist eben nur der erste Schritt. Danach müssen die Rückstände ordnungsgemäß entsorgt werden. Brasilien erwies sich als unvorbereitet, um mit solchen Ölkatastrophen fertig zu werden. Gerade in den kleinen Städten, die am stärksten betroffen sind, kam die Hilfe viel zu spät an.
Zudem brauchen wir sofortige Maßnahmen, um zu verhindern, dass mehr Öl an die Strände, die Mangroven und die Korallenriffe gelangt. Bis heute ist die Quelle noch nicht bestätigt worden. Doch wir brauchen dennoch eine Strategie, wie wir das Öl schon auf dem offenen Meer auffangen können. Dazu fehlen uns als freiwillige Gruppe einfach die nötigen Mittel.

Surfers: Gibt es denn eine Prognose, wie lange es voraussichtlich dauern wird, bis die Strände wieder sauber sind?

Miguel: Die Auswirkungen von der Ölpest werden wohl noch jahrelang anhalten. Einige Umweltschützer sprechen von zehn Jahren oder mehr. Da das Ausmaß so groß ist, werden wir hier aber wahrscheinlich noch länger damit zu kämpfen haben.

Credit: Mateus Morbeck

Surfers: Ihr geht aktiv vor Ort gegen die Ölverschmutzung vor. Besteht auch eine Möglichkeit euch weltweit zu unterstützen? 

Miguel: So einfach es klingt, aber der beste Weg weltweit zu helfen, ist es, den eigenen Konsum zu hinterfragen. Die Botschaft, die wir aus der Ölkatastrophe ziehen, ist dass unsere Beziehung zur Natur nicht passt. Wir alle sollten unseren eigenen Konsum kritischer betrachten und schauen, wo wir ihn verbessern können. So können wir Rohstoffe schon von Beginn an meiden, die solch eine Zerstörung überhaupt verursachen.

Surfers: Vielen Dank für das Gespräch.

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