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Open Ocean

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„Open Ocean”: Filmemacher Philippe Opigez und Rico Stein im Interview

„Das Meer ist offen für jeden.” - Ein Film über die Kraft von Inklusion im Ozean

Was passiert, wenn Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam ins Wasser gehen? Wenn das Line-up zum Ort wird, an dem Unterschiede an Bedeutung verlieren und Gemeinschaft zählt? Genau das zeigt der Dokumentarfilm Open Ocean von Philippe Opigez und Rico Stein.

„Das Meer ist offen für jeden. Ob du das im Stehen oder im Liegen machst, mit Brett oder ohne Brett. Es spielt keine Rolle. Es geht nur darum, dass du deine Erfüllung darin findest.“

Die 46-minütige Doku begleitet fünf Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten beim inklusiven Surfen im Norden Portugals. Im Meer finden Hannes, Fritzi, Adriani, Pia und Malin Freiheit, Kraft und Gemeinschaft. Ob querschnittgelähmt, blind oder im Rollstuhl, sie alle verbindet die gleiche Leidenschaft für den Ozean. Open Ocean ist dabei weit mehr als ein Surffilm: Er erzählt von Mut, Zusammenhalt und davon, wie Barrieren fallen, wenn Inklusion selbstverständlich gelebt wird.

Wir haben mit den beiden Filmemachern Philippe Opigez und Rico Stein darüber gesprochen, wie es war, dieses besondere Projekt umzusetzen, welchen Herausforderungen sie begegnet sind, und wie sich ihr eigener Blick auf Sport, Gesellschaft und Normalität durch das Projekt verändert hat.

HIER könnt ihr Open Ocean in der ARD Mediathek schauen.

Wir haben euren Film vor einer Weile im Kino gesehen und waren total berührt. Stellt euch doch mal kurz vor. Wer seid ihr und wie seid ihr zum Filmemachen gekommen?

Rico: Danke für die Einladung und das schöne Feedback. Ich bin Rico Stein, Filmemacher und lebe aktuell wieder in Berlin. Ich habe Medienwissenschaft mit Schwerpunkt Film studiert und bin danach in den Werbefilm eingestiegen. Vier Jahre lang habe ich in einer Produktion in Karlsruhe gearbeitet, von Projektmanagement über Kamera bis Schnitt, und mich anschließend selbstständig gemacht.

Sport und Film waren für mich immer ein wichtiger Teil meines Lebens: Ich surfe, skate und habe schon als Teenager angefangen, kleine Urlaubsvideos zu drehen. Daraus hat sich über die Jahre der Wunsch entwickelt, neben Werbeprojekten auch eigene Dokumentarfilme zu realisieren, vor allem rund ums Meer, Surfen oder Naturschutz. So sind dann auch Projekte wie Fifth Tide und schließlich Open Ocean entstanden.

Philippe: Ich bin Philippe Opigez und lebe in Köln. Nach dem Abi habe ich mich fürs Sportstudium entschieden und gegen Film, weil ich nichts „Brotloses“ machen wollte. Das Studium habe ich bis zum Master durchgezogen, parallel aber immer mit der Kamera gearbeitet.

Nach dem Abschluss habe ich mich dann doch als Filmemacher selbstständig gemacht, viel im Fußballbereich gearbeitet und nebenbei eigene Projekte umgesetzt. Mich reizt besonders die Idee, Sport als Plattform zu nutzen, um gesellschaftliche Themen sichtbar zu machen. Sport schafft emotionale Verbindungen und eröffnet die Möglichkeit, Menschen weit über den eigentlichen Wettbewerb hinaus zu erreichen.

Open Ocean

Foto: Nicole Hoppe

Wie ist die Zusammenarbeit und Idee für Open Ocean entstanden?

Rico: Als ich mich selbstständig gemacht habe, war ich auf der Suche nach Leuten, die Lust auf freie Doku-Projekte haben. Über LinkedIn bin ich auf Philippe gestoßen, habe mir seine Arbeiten angeschaut und ihn einfach angeschrieben. Philipp war direkt offen dafür. Er hatte über Fritzi und den Open-Ocean-Verein bereits ein Projekt in Aussicht. Gemeinsam haben wir dann Drehbuch, Konzept und Planung ausgearbeitet. Das ist inzwischen drei oder vier Jahre her.

Philippe: Rico hatte den Surf-Background und war direkt begeistert. Allerdings war klar: Das wird ein Passion-Project ohne großes Budget, finanziert über Crowdfunding. Unsere Arbeit war im Grunde ehrenamtlich, Flüge und Unterkunft wurden gedeckt.

Rico: Und das Verrückte: Wir haben uns tatsächlich erst in Portugal persönlich kennengelernt,  direkt beim Dreh. Vorher lief alles über Video-Calls: die Erstellung des Konzepts, die Planung, das Drehbuch.

Philippe: Wir waren ein kleines Team und haben auch den Verein erst vor Ort richtig kennengelernt. Das war schon ein Sprung ins kalte Wasser, aber zum Glück hat es menschlich und kreativ sofort funktioniert.

Open Ocean

Könnt ihr kurz zusammenfassen, worum es in Open Ocean geht, ohne zu viel zu verraten?

Philippe: Open Ocean zeigt, wie Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam ins Wasser gehen, und dort auf ihre eigene Weise Freude und Freiheit erleben. Im Mittelpunkt steht nicht das Leistungsdenken, sondern das gemeinsame Erleben.

Rico: Wir begleiten mehrere Protagonist:innen und erzählen ihre persönlichen Geschichten, die im Wasser zusammenfinden. Die Essenz des Films ist: Das Meer ist für alle da. Ob mit Brett oder ohne, liegend oder stehend, scheißegal. Es geht darum, Teil davon zu sein und Spaß zu haben.

Wie habt ihr entschieden, welche Protagonist:innen im Fokus stehen?

Philippe: Die beiden Gründer:innen Fritzi und Hannes standen relativ früh fest, weil ich beide schon kannte. Uns war wichtig, unterschiedliche Voraussetzungen abzubilden. Ich war zwei Tage vor Drehstart in Portugal und habe erst einmal beobachtet und angefühlt: Wer hat das Potenzial, eine Geschichte zu tragen und wer funktioniert auch authentisch vor der Kamera? Denn manche Menschen verändern sich stark, sobald gefilmt wird. Relativ schnell war klar, dass neben Hannes und Fritzi auch Adriani, Pia und Marlin zentrale Rollen einnehmen würden.

Rico: Der Verein organisiert regelmäßig inklusive Surf-Trips, bei denen immer neue Teilnehmer:innen dabei sind. Natürlich wollten wir die Gruppe als Ganzes zeigen, aber in einer Woche Drehzeit kannst du nicht 15 Menschen gleichwertig porträtieren. Also brauchten wir diese Fokusfiguren, um das „Große Ganze“ durch einzelne Perspektiven greifbar zu machen.

Open Ocean
Open Ocean

Gab es eine Geschichte, die euch besonders berührt hat, oder lässt sich das gar nicht vergleichen?

Philippe: In meinem Leben hatte ich bisher kaum Berührungspunkte mit Menschen mit Einschränkungen. Aber sie haben es uns unglaublich leicht gemacht, weil wir ganz selbstverständlich miteinander sprechen konnten. Besonders beeindruckt hat mich, wie offen sie über ihre Schicksalsschläge gesprochen haben, und mit welcher Haltung. Statt sich über das Verlorene zu definieren, war da oft dieser Blick nach vorn, dieses „das Glas ist halb voll“, Stärke und Zuversicht. Es war kein Gefühl von Mitleid, sondern eher Bewunderung: Wie kraftvoll und positiv sie nach vorne schauen.

Rico: Mich hat vor allem beeindruckt, wie nah uns die Protas herangelassen haben. Wir wollten sehr sensibel vorgehen und nicht zu aufdringlich sein, gerade was ihre Einschränkungen betrifft. Am Ende waren sie oft offener als wir. Sie haben uns ermutigt, alles ganz normal zu sehen, haben Witze gemacht und uns jede Unsicherheit genommen.

Besonders Adriani ist sehr humorvoll mit seiner Blindheit umgegangen, das hat unglaublich viel Druck rausgenommen. Er hat uns quasi an die Hand genommen, obwohl wir seine Hand genommen haben, wenn wir zum Strand gelaufen sind.

Open Ocean Adriani

Wie lange habt ihr insgesamt an dem Projekt gearbeitet?

Philippe: Gedreht haben wir im September 2021. Eigentlich wollten wir schon 2020 loslegen, doch wegen Corona mussten wir das verschieben. Nach dem Dreh begann aber erst die eigentliche Arbeit: 2022, 2023 und bis Anfang 2024 haben wir immer weiter geschnitten, gekürzt, geschärft. Die Grundgeschichte stand zwar, aber wir haben immer wieder Szenen rausgenommen, neu gewichtet, den Fokus klarer gesetzt. Diese Zeit war wichtig. Nicht nur, weil wir nebenbei andere Projekte hatten, sondern weil der Film dadurch gereift ist.

Rico: Die Dramaturgie ist tatsächlich erst im Schnitt entstanden. Wir haben die Interviews thematisch geordnet und daraus entwickelte sich dann der Erzählfaden. Außerdem wollten wir mehr zeigen als nur die Woche in Portugal. Deshalb haben wir später in Deutschland weitergedreht, im Alltag und in den Heimatorten der Protagonist:innen. So ist der Film über die reine Surf-Geschichte hinausgewachsen.


Open Ocean

Gab es besondere Herausforderungen bei diesem Projekt?

Philippe: Das Thema selbst war die größte Hürde. Als Nicht-Betroffene mussten wir ständig dazulernen und uns fragen: Was können wir zeigen? Was sollten wir zeigen? Wie viel Kontext braucht es, ohne künstlich Drama zu erzeugen? Es war eine echte Gratwanderung. Wir wollten keine Heldengeschichte inszenieren, nur weil das Publikum sie erwartet, sondern ehrlich erzählen. Deshalb waren wir permanent im Austausch mit den Protagonist:innen, um sensibel und respektvoll zu bleiben.

Rico: Wir haben viel diskutiert. ​​Uns war wichtig, niemanden falsch darzustellen oder zu übergehen. Jede Person sollte ihren Raum bekommen, ohne reduziert oder vereinfacht zu werden. Gleichzeitig sollte der Film nicht nur Menschen mit Behinderung beim Surfen zeigen, sondern das Miteinander in den Fokus stellen.

Open Ocean

Ihr habt es schon angedeutet, aber vielleicht nochmal konkret: Wie hat euch das Projekt verändert?

Philippe: Ich gehe seitdem deutlich bewusster durch die Welt. Ich achte auf Rampen, Leitstreifen, Barrierefreiheit, Dinge, die mir früher kaum aufgefallen sind. Und ich merke auch, dass andere Länder in Sachen Inklusion oft viel weiter sind als Deutschland.

Dadurch, dass Adriani in Köln lebt, haben wir uns nach dem Dreh immer wieder getroffen, und ich habe über ihn weitere Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen kennengelernt. Das empfinde ich als echte Bereicherung, weil ich dadurch Menschen begegne, die ich sonst vermutlich nie kennengelernt hätte.

Vor allem hat sich meine Perspektive verändert: Ich habe gesehen, wie positiv und erfüllend ein Leben trotz, oder mit Einschränkungen sein kann.

Ich habe Menschen kennengelernt, die trotz großer Einschnitte mit Zuversicht und Lebensfreude nach vorne schauen. Diese Perspektive, dass ein gutes, lebenswertes Leben nicht an einer bestimmten körperlichen Voraussetzung hängt,  habe ich durch die Arbeit an Open Ocean gewonnen.

Open Ocean

Rico: In Deutschland spürt man ja oft so eine  „Mecker-Kultur“. Bei den Menschen, mit denen wir gedreht haben, und die wir heute Freunde nennen dürfen, habe ich eine Grundfreundlichkeit und Lebensfreude erlebt, die mich wirklich beeindruckt hat.

Sie berühren einen nicht wegen ihrer Einschränkung, sondern durch ihre Haltung, ihre Offenheit, ihre Art, Mensch zu sein. Das war unglaublich bereichernd. Und ich glaube, es verändert einen, wenn man einen Menschen mit einer solchen Lebensrealität im eigenen Umfeld hat. Man wird sensibler für Dinge, über die man früher nie nachgedacht hat.

Diese Perspektive entsteht erst, wenn man wirklich miteinander lebt und nicht nur nebeneinander.

Open Ocean

Ihr habt eure Premiere damals selbst in Köln organisiert, wie war das?

Rico: Als wir beschlossen haben, dass der Moment gekommen ist, den Film zu veröffentlichen, haben wir in Köln ein kleines Indie-Kino angefragt, und die Premiere war innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. 95 Plätze, viel Family und Friends. Den Film zum ersten Mal auf großer Leinwand zu sehen, war natürlich super aufregend. Nach der Vorführung sind wir noch lange im Foyer geblieben, obwohl im Saal schon der nächste Film lief. Alle wollten noch sprechen, Eindrücke teilen, gemeinsam anstoßen.

Philippe: Wenn man zweieinhalb Jahre an einem Film arbeitet und ihn dann endlich zeigt, ist das ein großer Moment. Natürlich fragt man sich: Was hätten wir noch besser machen können? Was fehlt vielleicht noch? Aber irgendwann muss man eben mal fertig sein. Dann zu hören, dass der Film berührt und zum Nachdenken bringt, das war das größte Kompliment, und hat die ganze Arbeit gerechtfertigt. Denn wie Emotionen ankommen, hat man nie in der Hand.

Besonders schön war, dass nach der Premiere Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten miteinander ins Gespräch kamen. Genau darum geht es bei Open Ocean: Parallelwelten verbinden.

Dass das an diesem Abend ganz selbstverständlich passiert ist, hat uns sehr berührt. Uns war außerdem wichtig, die Premiere barrierefrei zu gestalten: mit Audiodeskription über die Greta-App, erweiterten Untertiteln und Gebärdensprachdolmetscher. Auch wenn es vielleicht nur wenige konkret nutzen, Inklusion darf keine Frage der Zahl sein.

Rico: Das knüpft vielleicht auch an die Frage nach den Herausforderungen an: Für uns war es eine völlig neue Erfahrung, eine Premiere nicht nur zu organisieren, sondern sie wirklich inklusiv zu denken. Dabei haben wir gemerkt, wie viel mehr dazugehört als eine Rampe.

Open Ocean

Gibt es noch etwas, das ihr zum Film sagen möchtet?

Philippe: Vielleicht das: Mit Open Ocean wollten wir in beide Richtungen Brücken bauen. Einerseits möchten wir Menschen ohne Behinderung Einblicke geben und Berührungsängste abbauen. Andererseits wollen wir Menschen mit Einschränkungen zeigen, dass es möglich ist, ins Wasser zu gehen, Neues auszuprobieren, und dass es Initiativen wie Open Ocean gibt, bei denen sie selbstverständlich willkommen sind.

Unser Ziel war es, Mut zu machen: aufeinander zuzugehen, gemeinsam Erfahrungen zu sammeln und Vielfalt nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv zu leben. In Portugal haben wir erlebt, wie sich der Begriff von „Normalität“ erweitert, wenn alle gemeinsam im Wasser sind.

Und vielleicht geht es genau darum: Räume zu schaffen, in denen Menschen so sein dürfen, wie sie sind, mit sichtbaren oder unsichtbaren Herausforderungen.

Wenn der Film dazu beiträgt, diesen Gedanken weiterzutragen und Open Ocean als Beispiel dafür zeigt, was möglich ist, dann haben wir viel erreicht.

Open Ocean

Foto: Nicole Hoppe

Credits

Ein Film von Philippe Opigez und Rico Stein mit Johannes Laing, Friederike Schulz, Adriani Botez, Pia Pourmoussavi und Malin Hüllemann.

  • Regie Philippe Opigez
  • Co-Regie Rico Stein
  • Director of Photography Rico Stein und Philippe Opigez
  • Timelapse, Drohne, Kamera Ole Windgaßen
  • Editoren Philippe Opigez und Rico Stein
  • Sound Design/Mix Valentin Heber
  • Color Grading Marcel Giese
  • Graphic Design Michel Lörz
  • Produziert von opigez Filmproduktion und ricostein Filmproduktion
  • In Kollaboration mit Open Ocean e.V.
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Foto: Nicole Hoppe

Über den Open Ocean e.V.

Open Ocean e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für inklusiven Wassersport einsetzt. Der Verein ermöglicht es Menschen mit und ohne Behinderung, gemeinsam die Freiheit und Freude des Surfens zu erleben, Inklusion und Diversität zu feiern, und Barrieren zu überwinden. Mehr Infos unter www.open-ocean.info oder auf Instagram @openoceanverein.

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Foto: Nicole Hoppe
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