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Mike Jucker – Ein Binnensurfer auf Maui

Wenn es jemanden von seinem Riversurfspot an die einschlägigen Surfspots dieser Welt verschlägt hat derjenige einiges zu lernen. Dies ist eine Geschichte von Integration, Wellen und Respekt.

Erzählt von Mike Jucker, Snowboarder, Skateboarder und Flusssurfer. Ein Exilzürcher und Gründer von Jucker Hawaii mit Wohnsitz auf Maui.

Als ich Zürich in Richtung Costa Rica verließ, war Surfen in der Schweiz eine Randsportart der Randsportarten. Gefunden habe ich den Sport dank meiner Liebe zu Brettsportarten, dem Windsurfboom, dem glücklichen Umstand Familie in Süd Afrika zu haben und einer Flusswelle 15 Autominuten von meinem Elternhaus entfernt.

Snowboarden war alles in den 90zigern
Snowboarden war alles in den 90zigern

Es war Herbst 1997 ich wurde gerade 23 Jahre alt und es gab für mich nur noch einen Weg:

Entweder gehe ich jetzt meinem Traum vom Surfleben hinterher oder ich versauere in der Schweiz.

Ich musste weg, ich musste meinem Traum mindestens auf die Hälfte entgegenkommen, denn in den Schoss fallen wird mir ein Leben mit Strand und Wellen in Zürich bestimmt nicht. Ich packte meine Sachen und verließ das Land in Richtung Costa Rica. Mehr wusste ich nicht, außer das ich ganz viele Wellen surfen werde und ich mir die Herausforderung gestellt habe, so lange wie es geht nicht mehr nach Hause zu kommen. Billig reisen, arbeiten… irgendwas… nur nicht auf hören zu surfen.

Indonesien 1998: Nach 9 Monaten das erste Gefühl einer Tube
Indonesien 1998: Nach 9 Monaten das erste Gefühl einer Tube

Ich driftete 2 Jahre durch die Welt via Costa Rica, Hawaii, Indonesien und den Philippinen.
Ich surfte, bekam viele Wellen auf den Deckel und wurde oft von den Locals belehrt.

In meiner Naivität surfte ich an Spots, an denen ich eigentlich nichts zu suchen hatte. Lernte aber sehr schnell, dass wenn man Respekt gibt, auch welchen zurück bekommt. Das war auch die große Lehre an der North Shore von Oahu. Ich verbrachte viel Zeit dort und schaute eigentlich die ersten 3-6 Wochen nur von der Shoulder aus zu.

Ich hatte zu viel Respekt vor den Locals…

Ich hatte zu viel Respekt vor den Locals und jenen die besser Surfen konnten als ich, somit also vor allen. Nur ja keinem rein droppen, nur ja eine gute Figur machen, wenn man mal eine Welle hat.

So verbrachte ich den Winter 1997/98 und 1998/99 dort, mit 6 Monaten Indonesien dazwischen. Dazu gehören irgendwo war außer Frage. Die Leute, die zusammen surfen, sind oft zusammen aufgewachsen, besuchen die gleichen Partys und bilden eine stark in sich geschlossene Gruppe.

Das war mir aber auch nicht so wichtig, denn ich hatte ja die Wellen und wenn man nix anderes zu tun hat gibt es genug Wellen. Ich lernte viel in dieser Zeit. Ich lernte nicht nur surfen und wie es ist wenn man fast ertrinkt, ich lernte auch viel über die Surfkultur. Da gibt es natürlich viele Parallelen zur Skate- und Snowboardkultur mit der ich bestens vertraut war/bin.

Nach 2 Jahren musste ich aus finanziellen Gründen wieder in die Schweiz, ging arbeiten, fand mich nicht wirklich zurecht und verbrachte das Millennium mit meinen Cousins in Durban. Da hatte ich Familie, da wollte ich mich niederlassen. Ich bereiste das Land und besuchte meine Freunde aus den Zeiten an der North Shore. J-Bay war immer ein großer Traum von mir, also setzte ich mich dort fest, wollte arbeiten gehen, wollte mich einleben und dazu gehören.

Integration in der Surfwelt

Genau wie auf Oahu, hatte ich auch in J-Bay nie Probleme, denn ich wusste von meiner Zeit auf Hawaii wie der Hase läuft. Als schweizer Surfer bekommt man rein schon von der Sachlage her Respekt von den Locals. Wie niedlich, aus der Schweiz, hübscher Akzent, kennst du Rick Cane vom Film North Shore? Du bist einer wie der. Alle immer nett, man weiss ja, du wirst bald mal wieder gehen.

Kleine Wellen und schlechtes Wetter: J-Bay 2000
Kleine Wellen und schlechtes Wetter: J-Bay 2000

J-Bay im März empfing mich nicht unbedingt mit offenen Armen. Das Wetter war miserabel und die Wellen klein. Ich biss mich durch und heuerte bei einem Shaper an. Lebte in Hostels und machte Kleinarbeiten für wenig Geld.

Als Newcommer in einem kleinen Nest wie dem war es aber nicht einfach Anschluss zu finden.

Die Leute im Hostel waren nett, aber da war ein ständiges kommen und gehen. Dazu kommt, dass die Locals im Wasser auch ganz schön besitzergreifend sein konnten. J-Bay war nicht die Lösung. Viele Spots sind so: Die Locals tauschen sich gerne mit den Neulingen aus, aber dann hat es sich.

Ich zog weiter. Surfte im eisigen Wasser von Kapstadt, feierte Partys mit meinen Freunden aus der Hawaii-Zeit. Alle waren cool, aber ein Platz zum bleiben war es nicht. Shit – schon wieder in die Schweiz.

Es war ein hin und her, nun um zum Kern der Geschichte zu kommen: Nach knapp 5 Jahren hin und her traf ich mich mit meiner Freundin, die ich noch aus Hawaii kannte, wieder in Honolulu und wir wollten zusammen etwas erleben.

Wir verbrachten Zeit an der North Shore, wie damals und nach 3 Monaten heirateten wir spontan, denn alles fühlte sich richtig an. Wir zogen nach Maui, genauer nach West Maui, 3 Autominuten von Honolua Bay. In den letzten 16 Jahren haben wir die Nachbarschaft 3-mal gewechselt. Ich musste mich nun hier an den Spots zurecht finden, ich lebte und arbeitete jetzt hier.

honolua-bay
Neue Heimat und Akzeptanz gefunden: Honolua Bay keine 3 Minuten von zu Hause

 

Integration auf Maui

Ich machte alles genauso wie ich auf meinen Reisen gelernt habe: Ich paddelte an allen Spots raus und schaute erst mal zu. Bei einer meiner ersten Wellen in Honolua Bay wurde ich gleich gedroppt, wir beide landeten im Wasser. Der Local meinte in einem Piddgin das ich kaum verstand: „I PAU u au“. Keinen blassen was das heißen sollte, er war aber nicht sehr glücklich mit mir. Ich lachte freundlich und sagte, ich wäre ja schon auf der Welle gewesen. Das half aber auch nichts. Zum Glück gab es aber kein „PAU“, die Wellen waren auch echt klein.

Der Local Typ meinte in einem Piddgin das ich kaum verstand: „I PAU u au“

Im  2. Winter hatte ich dann plus minus herausgefunden wer die bösen Buben sind und was für Autos sie fahren. Ich mied diese Szene konsequent, wenn der Spot am laufen war und alle da waren, ging ich halt wo anders hin.

Was leider halt auch hieß, dass ich meist nicht die 1. Klasse Welle hatte, sondern nur die 2. oder 3. Klasse. Das war aber weiter nicht schlimm, denn an den 2. Klasse Spots verhalten sich die Leute meist erstklassig. Man teilt sich die Wellen und spricht miteinander, bevor man die Welle nimmt.

Gerade der Typ, der mich als erstes im Wasser anfauchte, entpuppte sich als der Schlägertyp an Mauis West Side. Der war echt krass und hatte natürlich auch eine Gefolgschaft von ein paar halbstarken Jungs.

Der Typ und seine Jungs scheuchten Surfer aus dem Wasser und prügelten auch gerne auf dem Parkplatz auf Leute ein. Bei Honolua Bay eine gute Welle zu erwischen, auf der man nicht gleich von einem Local abgesägt wurde, war fast unmöglich. Ich saß zum Teil eine gute Stunde im Wasser für eine Welle. Manchmal zog ich auch unverrichteter Dinge wieder ab. Mit solchen Leuten will ich mich gar nicht abgeben, aber leider saß auch ich einmal zur falschen Zeit am falschen Ort und bekam von einem Local Hater eins auf die Nase und wurde an Land geschickt. Am liebsten hätte ich auf dem Parkplatz auf den Typen gewartet. Der Typ kam nun auch auf meine Liste.

Was mir aber in dem Moment bewusst wurde ist, dass viele von solchen Hater-Typen aus Schichten kommen, in denen man schon zu Hause mit Gewalt aufwächst.

Die kennen als Problemlösung nur eins: Drauf hauen.

Eigentlich sind das ganz arme Menschen, die kennen Gewalt schon aus dem Elternhaus. Außerhalb des Wassers haben sie wirklich nicht viel bis gar nichts. Kaum einen Job, keine Ausbildung, kaum Aussichten aus dem Kreis von Gewalt und Drogen zu entfliehen. Der Moment, wenn sie im Wasser sind ist ihr glorreicher Moment, sie werden bejubelt und respektiert. Eins muss man ihnen lassen: Surfen können die Jungs, so wie ich es nie können werde. Es sind oft solche Leute, die sich an Surfspots zu Brüderschaften zusammen tun, Beispiele kennt man ja genug.

Ab und zu hat man Glück und trifft einen Fotographen im Wasser.
Ab und zu hat man Glück und trifft einen Fotographen im Wasser.

Ich erlebte viele gute Winter, hatte auch ein paar Surfbuddies, die sind in der Zwischenzeit aber alle wieder weggezogen. Ich beobachtete, wie Clay Marzo, Dusty Payne und Granger Larsen zu Pros wurden.

Jungs wie diese sieht man aber selten am Spot, denn sie sind viel unterwegs. Es sind meist die B Surfer, die es eben nicht ganz geschafft haben, die am Spot zurück bleiben. Ich beobachtete das alles für Jahre aus sicherer Distanz und lernte nicht nur wo zu surfen, sondern auch wann. Ich verpasste so gut wie keinen Swell in den letzten 15 Jahren. Ich fand viele Spots fernab von Honolua Bay und wenn ich zur Bay ging, dann nur, wenn ich sehr sehr viel Zeit hatte.

Die ersten 6 Jahre habe ich damit zu gebracht, mein eigenes Ding zu machen. Ich hielt mich von der sogenannten Szene fern und wenn ich da war, dann nur ganz still am Rande. Dazu muss ich auch erwähnen, dass ich mit meiner Frau nach Maui zog und von dem her auch nicht in den einschlägigen Bars von Lahaina abhing, wo die ganzen Surfcrowds feierten. Das war nicht mehr meine Welt, davon hatte ich genug in Zürich als Skateratte.

Die Dinge beginnen sich zu ändern

Nach 7 Wintern und Sommern war es das erste Mal, dass ich das Gefühl bekam, die Locals würden mich wahrnehmen. Sprich ich wurde nun gegrüßt am Spot. In einer kleinen Gemeinde wie hier sieht man die Leute ja auch beim Einkaufen, oder sonst einem Anlass.

Einige der Surferkids die 12 Jahre alt waren als ich ankam, waren jetzt 19 Jahre alt und für die war ich ja irgendwie schon immer dort. Die Dinge begannen sich zu fügen, denn ich fiel nie negativ auf und das wirkte sich positiv auf mein Surfleben aus.

Ich war der Typ am Rande, der irgendwie schon immer da war, aber den niemand so richtig kannte. Dies begann sich nun zu ändern. Ich bin selber nicht nur Surfer, sondern auch begeisterter SUP Downwind Paddler und begann schon in den frühen Jahren des SUPs an Veranstaltungen teil zu nehmen. Dabei kam es immer wieder zu Überschneidungen mit Leuten, die eben nicht nur surften, sondern auch prinzipiell Spaß im Wasser hatten und auch andere Sportarten machten.

sup

Es ist unglaublich wie viel in Hawaii und im Surfen mit Respekt zu tun hat. Respekt holt man sich indem man die Locals respektiert und nicht negativ, sondern positiv auffällt innerhalb und außerhalb des Wassers.

Was auch hilft ist wenn man in den Augen anderer Leute tolle Sachen macht. Da ich aber kein super Surfer bin, war das etwas schwieriger und brauchte auch etwas länger. Die meisten jungen Surfer schauen nur darauf, wie gut einer ist. Egal ob der ein Arschloch ist oder nicht.

Respekt holt man sich indem man die Locals respektiert und nicht negativ sondern positiv auffällt in- und außerhalb des Wassers.

Meine Ambitionen im SUP Sport führten mich 2- mal über den Pailolo Channel von Maui nach Molokai und irgendwie scheinen das ein paar der Surferdudes mitbekommen zu haben. Ich konnte es kaum fassen, als ich einmal per Zufall mit dem Schlägertypen von meinem ersten Erlebnis im Wasser saß (der war mittlerweile auch etwas älter geworden) und er mir seinen Respekt für Stand Up Paddeln von Insel zu Insel aussprach. Ich konnte es kaum glauben, der Typ hatte nicht nur Notiz von mir genommen, er zollte auch Respekt. Das war definitiv das Letzte was ich erwartet hätte, besonders von einem Typen wie dem. Das gab Auftrieb und ich wusste nun, dass ich vor dem schon mal in Sicherheit war (hoffentlich).

Jucker Hawaii Carving Skatesurfer - meine neue Firma

So fügten sich ein Ereignis nach dem anderen und diese halfen mir, meine Wurzeln tiefer in den Grund der Surfwelt zu schlagen. Ich nahm immer aktiver am SUP und Surfleben teil. Mittlerweile kann ich rauspaddeln wann und wo ich will, es ist immer ein Kollege im Wasser, mit dem man quatschen kann und ich bekomme auch immer ein paar Wellen ab.

Vormachen brauch ich mir aber trotzdem nichts. Die meisten 14-jährigen hier surfen besser als ich. Wenn es bei Honolua Bay doppelüberkopf am feuern ist, muss man auf der Gästeliste stehen, um eine Welle zu bekommen. Wer nicht dazu gehört hat es schwer. Auch nach knapp 16 Wintern spiele ich nicht in dieser Liga. Dazu kommt, dass das Niveau dermaßen hoch ist bei den Locals, dass ein Schweizer, der nicht in den Wellen aufgewachsen ist, wenig Chancen hat, sich eine Welle zu klauen.

Surf Onkel

Nun beginnt sich das Rad für mich von vorne zu drehen. Ich habe 2 surf-verrückte Kids und wir sind an vielen Surfcontests und gehen nach der Schule immer in die Wellen. Es wächst gerade eine neue, vielversprechende Generation heran hier auf Maui. Die 16-jährige Summer Macedo aus Lahaina hat die Amerikanischen Junioren Surf Meisterschaften gewonnen und Eli Hanemann eroberte die Surfwelt schon vor 2 Jahren mit seinem unglaublichen Talent.

Dad ich will Surfen gehen. Honolua Bay mit 6 Jahren.
Dad ich will Surfen gehen. Honolua Bay mit 6 Jahren.

Nun sitze ich mit meinen Kids zwischen all denen nach Schulschluss und wir haben Spaß in den Wellen. Meine Kinder sind erst 9 und 6 Jahre und haben natürlich enorm Respekt vor diesen Teenager Surfpros. Sie finden es das geilste, dass sie mit ihnen im Wasser sitzen, auch wenn sie jetzt keine Welle mehr bekommen. Wer weiss, vielleicht werden meine Kids ja auch mal so gut

Hauptsache, dass ich dann noch surfen kann und meine Kids sagen: „Hey Dad, hier kommt eine gute Welle, ich mach klar das dir keiner rein droppt.“

Natürlich endet die Geschichte hier noch lange nicht, die Zukunft ist noch offen, die Kinder noch jung und die Firma immer noch im Aufbau.

Ich bin jetzt schon gespannt in ein paar Jahren eine Fortsetzung zu schreiben.

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