Share

greg noll, da bull, makaha, hawaii

Top Stories

Der Mythos um die ‘größte Welle aller Zeiten’

Der Legende nach surfte Greg Noll im Dezember 1969 die 'größte Welle aller Zeiten' vor Makaha (O'ahu). Doch Filmaufnahmen, die das belegen könnten, bleiben verschollen.

Keine Surfdisziplin ist professioneller als Big-Wave-Surfen. Jetskis auf dem Wasser, Helikopter in der Luft und Rettungssanitäter an Land sorgen dafür, dass niemand den Monsterwellen zum Opfer fällt. Ohne einen solchen Safety-Apparat hätte die Surfwelt wohl deutlich mehr Verluste zu beklagen – Alex Botelho oder Maya Gabeira zum Beispiel, die beide in Nazaré fast ertranken und nur dank schneller Rettungsmaßnahmen überlebten.

Am 4. Dezember 1969 gab es keine solche Sicherheitsvorkehrungen, als Greg Noll in Makaha, an der Westküste O’ahus, rauspaddelte. Statt eines Neoprenanzugs mit aufblasbarer Airlift-Weste trug er lediglich eine gestreifte Badehose. Sein Markenzeichen. Das Board, eine 11’4”-Gun mit einem Stringer so dick wie Nolls Nacken, hatte keine Leash. Andere Big-Wave-Surfer entschieden sich, lieber vom Strand aus zuzuschauen, während Greg Noll, der aufgrund seiner massigen Statur und seines breiten Stands “Da Bull” genannt wurde, hinter Wellen saß, wo die Chance zu überleben nur minimal größer war als die zu sterben, wie er später sagte.

Drei massive Sturmtiefs im Golf von Alaska sorgten für den “Jahrhundert-Swell” vor Hawaii. Medien berichteten von bis zu 50-Fuß-Wellen! Und obwohl heute manche Surfer sagen, dass die Wellen im Nachhinein größer gemacht wurden, als sie wirklich waren, belegen Satellitenbilder und Daten von Messgeräten, dass nie zuvor größere vor der Küste Hawaiis aufgezeichnet wurden. Alleine auf O’ahu fielen 60 Häuser den Fluten zum Opfer. Andere Bilder zeigen, wie Boote an der North Shore auf die Straßen gespült wurden.

Im Film “Riding Giants” erzählt Greg Noll gut 30 Jahre später, wie er damals zweifelte, ob er “seine Familie für eine doofe Welle riskieren” sollte. “Die Wellen waren schrecklich, sie gaben mir ein mulmiges Gefühl.” 2016 sagte er in einem Interview: “Man konnte die Wellen vom Strand aus nicht brechen sehen, weil das Weißwasser so hoch war. Sie brachen nicht auf dem ersten Riff oder auf dem zweiten, sondern weit draußen, wo ich niemals ein Riff vermutet hatte”. Doch noch während er auf seinem Board saß, wurde ihm klar, dass er es sich niemals verzeihen könnte, wenn er es nicht wenigstens probieren würde, eine der Wellen zu surfen. Was dann geschah, ist bis heute unklar.

Am Strand von Makaha standen eine Handvoll Surfer, als Greg Noll die Welle anpaddelte, die später als die größte aller Zeiten beschrieben wurde. Manche sagen, sie war mindestens 35 Fuß hoch, andere schätzen sie noch größer. “In den letzten 34 Jahren wuchs die Welle um mindestens sechs Fuß”, sagte der ehemalige Surf-Weltmeister Shaun Tomson Anfang 2000. Er war der einzige, der Nolls Ritt mit einer Super-8-Kamera filmte. Er selber sagt, dass er die Filmaufnahme verloren hat, andere meinen, dass er sich weigerte, sie zu veröffentlichen. “Ich denke, es ist besser, wenn Mythen voller Geheimnisse und Ungewissheit bleiben”, sagte er mal der Los Angeles Times. “Darum geht es doch bei Mythen.”

Der ehemalige Surfer und Politiker Fred Hemmings paddelte an dem Tag auch in Makaha raus. Ohne eine Welle zu surfen, kam er wieder an Land. Er ist bis heute fest davon überzeugt, dass die Welle, die Noll damals surfte, größer war als alle anderen, die jemals angepaddelt wurden.

Auch wenn es bei der Größe der Welle verschiedene Angaben gibt, sind sich alle Zeitzeugen über den Ablauf einig: Als ein großes Set anrollte, legte sich “Da Bull” auf sein Board und paddelte zur Impact Zone, schaute über die Schulter zur Welle. Gemalte Bilder zeichnen die Szene nach, wie sich die Leute am Strand ungläubig an die Stirn fassen bei Nolls Take-off  und in seinem ikonischen Stand, breitbeinig und tief in den Knien, den gigantischen Wasserberg hinunterschoss, während die Welle direkt über ihm zusammenbrach. Wie ein Stein, den man auf der Wasseroberfläche eines See flitscht, knallte Noll ein paar Mal auf, bevor er begraben wurde. Mit Trommelfellen, die “sich anfühlten, als würden sie platzen und einer brennenden Lunge” kam “Da Bull” wieder an die Oberfläche, bevor weitere Wellen auf ihn krachten. Fast hätte ihn die Strömung in die Steine getrieben, doch mit letzter Kraft schaffte es Noll an den kleinen Sandstrand vor den Felsen.

Jahre später bekam Noll mit, dass es Aufnahmen von seinem Ritt geben sollte. Er rief Tomson an und bat ihn, die Aufnahmen verschwinden zu lassen

Beachtet man alle Zeitzeugenaussagen, Bilder von den weißen Spots, von denen hin und wieder neue auftauchen sowie die Wetterdaten ist es sehr wahrscheinlich, dass bis zum 4. Dezember 1969 niemand eine größere Welle anpaddelte als Greg Noll. Der Mythos um ihn und diesen Tag entsteht aber erst im Vergleich mit der Zukunft. Lässt man Tow-in-Surfing oder sämtliches Big-Wave-Surfing, wo Jetskis zum Einsatz kommen, außen vor, gibt es immer noch Stimmen, die sagen, dass sich bis heute niemand in eine größere Welle wagte.

Tomson sieht das anders. Er meint, dass schon fünf Jahre später Reno Abellira in Waimea Bay eine Welle ritt, die mit Nolls mithalten konnte – oder diese gar überbot. Andere sprechen von legendären Tagen in den 90ern, die größer gewesen sein sollen. Ganz zu schweigen von den größten Nazaré- oder Jaws-Wellen der letzten Jahre, die immer wieder neue XXL-Big-Wave-Rekorde hervorbrachten.

Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass nie wieder eine Welle angepaddelt wurde, die größer war als Greg Nolls, wird sich die Frage nie eindeutig klären lassen, solange das Filmmaterial weiter verschollen bleibt.

Jahre später bekam Noll mit, dass es Aufnahmen von seinem Ritt geben sollte. Er rief Tomson an und bat ihn, die Aufnahmen verschwinden zu lassen, wie er später zugab. Tomson sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen.

Filmemacher Alby Falzon soll ebenfalls in Makaha gewesen sein, als Greg Noll auf dem Wasser war. Gegenüber The Inertia sagte er, dass er an dem Tag Videos und Fotos gemacht hatte. Zwar habe er von Nolls berühmter Wellte nur eine Bildersequenz von drei Fotos, doch würden diese eine ganz andere Geschichte erzählen. “Es gibt keinen Grund, respektlos dem Bull gegenüber zu sein”, meint er. “Aber es ist falsch, wenn Leute Unwahrheiten verbreiten. Ich stand da den ganzen Tag, filmte und fotografierte.” Er versichert, dass die Bilder, die er machte, von der berühmten Welle seien. Andere behaupten, das könne nicht sein, die Welle auf den Fotos sei viel zu klein. “Ich sprach mit Stacy Peralta (Regisseur von Riding Giants, Anm. d. Red.). Er unterstellte mir, ich hätte die falsche Welle fotografiert. Leute verschleiern die Wahrheit.”

Unabhängig davon, ob Greg Noll der Rekordhalter ist oder nicht: Auch Falzon gibt zu, dass Mythen den Sport ausmachen. Ständig werden Sessions im Nachhinein besser gemacht als sie wirklich waren und Spots glorifiziert, die eigentlich nur Mittelmaß sind. “Das macht Surfen interessanter.”

Einig sind sich alle Zeitzeugen, dass Greg Noll für seine Welle – wie hoch sie auch gewesen sein mag – Respekt verdient hat. Er surfte auf einer alten Planke, die viele von uns heute nicht mal mehr tragen könnten, so schwer und sperrig war sie, es gab keine Jet-Skis, keine Sanitäter, kein Safety-Equipment, und das Meer war so chaotisch, die Strömung so gefährlich, wie es nur alle paar Jahrzehnte vorkommt. Er war der einzige Surfer, der an diesem Tag eine Welle anpaddelte und ritt – alleine das macht ihn zur Legende.

Mit dem nun seit mehr als einem halben Jahrhundert andauernden Rätselraten um die Höhe seiner Welle hat Noll auch den Weg für modernes Big-Wave-Surfen und die Rekordjagd auf die größten Wellen der Welt geebnet.

Doch selbst wenn heute jemand eine Welle anpaddeln würde, die zehn vielleicht sogar 15 Fuß größer wäre als Nolls, würde dieser Ritt nach wenigen Jahren oder Monaten verblassen. Die Filmaufnahmen einer solchen Welle sorgen zuerst für staunen, aber je öfter man sie sich anschaut, desto stärker werden sie entzaubert. Greg Nolls Ritt in Makaha bleibt hingegen unsterblich.

Newsletter Terms & Conditions

Please enter your email so we can keep you updated with news, features and the latest offers. If you are not interested you can unsubscribe at any time. We will never sell your data and you'll only get messages from us and our partners whose products and services we think you'll enjoy.

Read our full Privacy Policy as well as Terms & Conditions.

production