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Nothing But Blue

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Tim Elter und Sebastian Bechtel über ihren Film: NOTHING BUT BLUE

„Du kannst bei jedem Scheiß sterben, also kannst du auch ein aufregendes Leben führen“

Mit NOTHING BUT BLUE haben Regisseur Sebastian Bechtel (aka Seabass) und Olympia-Surfer Tim Elter nach MMXXI und Clandestine Red einen Surf-Film geschaffen, der weit über ästhetische Bilder und perfekte Wellen hinausgeht. Der 16-minütige Kurzfilm begleitet den deutschen Surfer Tim Elter und beleuchtet seine kompromisslose Leidenschaft für das Tube-Riding, eine der ursprünglichsten, intensivsten und zugleich gefährlichsten Formen des Surfens.

Im Zentrum steht nicht nur die Faszination perfekter Barrels, sondern auch die Frage, warum manche Surfer:innen immer wieder genau dorthin zurückkehren, wo es unangenehm wird. Statt auf bloße Action setzt NOTHING BUT BLUE auf Nähe, Angst und Ehrlichkeit.

Nothing But Blue

Wir haben mit Sebastian Bechtel und Tim Elter über die Entstehung des Films gesprochen, und über spontane Trips nach Irland, verlorene Aufnahmen, Sponsoren-Frust und die Realität hinter einem Surf-Film.

Hey ihr Zwei! Wie ist die Idee zu NOTHING BUT BLUE überhaupt entstanden?

Seabass: Aus einem kleinen Tiefpunkt heraus. Tim und ich waren in Indonesien unterwegs und auf der Rückreise ein paar Tage in Padang gestrandet. Wir saßen in einem kleinen Zimmer ohne Fenster fest und hatten die Nase voll von Indo. Und genau da kam die Idee: Warum eigentlich immer ans andere Ende der Welt reisen? Europa hat auch unglaubliche Wellen. Lass uns doch hier etwas machen.

Gleichzeitig hat mich dieses Tube-Surfen schon immer extrem fasziniert. Das ist für mich die perfekte Form des Surfens. Und Tim ist einer der besten Tube-Surfer in Europa. Viele andere europäische Pro-Surfer gehen gar nicht so sehr aufs Risiko, aber er sucht genau das. Ich wollte verstehen, wo das herkommt, was ihn antreibt. Und daraus ist dann die Grundidee entstanden.

Tim: In dem Zusammenhang habe ich Seabass auch mehr über meine Geschichte erzählt, vor allem über meine Kopfverletzung aus dem Jahr 2020. Über die nächsten Monate hat Seabass die Idee immer weiterentwickelt, ein Konzept geschrieben und Sponsoren gesucht. So kam das Projekt schließlich ins Rollen.

Worum geht es im Film genau?

Seabass: Im Kern geht es um Tims Beziehung zum Tube-Surfen und zur Gefahr. Darum, was in seinem Kopf passiert, wenn er heftige Wellen surft, wie er mit Rückschlägen umgeht und warum er immer wieder diese extremen Situationen sucht.

Tim: Es geht um dieses paradoxe Verlangen, mich in Situationen zu begeben, in denen ich sehr viel Angst habe und sehr weit außerhalb meiner Komfortzone bin, mit der Hoffnung oder Erwartung, trotzdem heil wieder zurückzukommen. Es geht um diese Anziehungskraft, die heftige Wellen auf mich haben, und um das, was dabei innerlich passiert.

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Was ist für euch die zentrale Botschaft von NOTHING BUT BLUE?

Seabass: Dass man sein Leben wirklich leben sollte. Dass man auch Risiken eingehen darf, vielleicht sogar muss. Tim sagt ja selbst: Du kannst in vielen dummen Situationen sterben. Also kannst du auch ein intensives, aufregendes Leben führen. Für mich geht es darum, nicht immer nur auf Sicherheit zu spielen, sondern sich auch mal was zu trauen, und alle Energie da reinzustecken. Weil genau das einem am meisten zurückgibt.

Tim: Für mich persönlich ist eine der wichtigsten Botschaften, wie wichtig es ist, das Gehirn zu schützen. Gerade im Extremsport wird das oft unterschätzt. Ein Helm kann nicht alles verhindern, aber in vielen Situationen eben doch sehr viel. Wenn der Film auch nur ein bisschen dazu beiträgt, dass Leute bewusster mit dem Thema Kopfschutz umgehen, dann wäre das für mich schon viel wert. Und es geht natürlich auch um meine Liebe zum Surfen.

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Wie ist die Story des Films entstanden?

Seabass: Das war ein Prozess. Ich habe mit Tim super viel gesprochen, nicht nur für den Film, sondern generell. Daraus sind dann in Zusammenarbeit mit Co-Writerin Paulina Keller viele Interviews entstanden. Auf dieser Basis haben wir gebrainstormt, erste Ideen gesammelt und irgendwann ein grobes Skript entwickelt.

Aber bei einer Doku ist das Skript nie in Stein gemeißelt. Du musst flexibel bleiben. Unser Dreh in Portugal zum Beispiel war ein kompletter Reinfall, weil es keinen guten Swell gab. Aber im Nachhinein hat genau das der Story sogar gutgetan. Man muss einfach adaptieren und das nutzen, was passiert.

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Tim, die Story von NOTHING BUT BLUE hat auch mit einer Verletzung zu tun, die du 2020 erlitten hast. Was ist passiert?

Tim: Ich hatte damals eine schwere Kopfverletzung beziehungsweise eine Gehirnerschütterung dritten Grades. Danach war erstmal viel Unsicherheit da. Ich hatte Angst vor größeren Wellen und musste mein Selbstbewusstsein Stück für Stück wieder aufbauen.

Das ist natürlich nicht etwas, das man von heute auf morgen abhakt. Gerade wenn das Vertrauen in den eigenen Kopf und Körper betroffen ist, hat das eine ganz andere Tiefe. Der Film erzählt deshalb auch ein Stück weit von diesem Weg zurück, zurück ins Wasser, zurück in kritische Situationen, aber auch zurück in ein Gefühl von Vertrauen.

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Wie ist es eigentlich für euch, zusammen zu arbeiten?

Seabass: (Lacht). Das hängt bei Tim stark von den Wellen ab. Wenn die Wellen gut sind, ist er super lustig drauf. Wenn die Wellen schlecht sind, hält man lieber ein bisschen Abstand. ;) Aber grundsätzlich kann man mit Tim unglaublich viel Spaß haben, er hat ständig neue Ideen im Kopf. Gleichzeitig ist er sehr reflektiert geworden. Man kann mit ihm auch tiefgründig über Dinge sprechen. Und genau das war für den Film natürlich wichtig.

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Tim: Für mich ist die Zusammenarbeit oft intensiv (lacht). Wir haben beide ziemlich genaue Vorstellungen, und wenn man an so einem persönlichen Projekt arbeitet, geht es natürlich auch schnell mal tiefer. Seabass hat oft sehr genau nachgehakt und wollte wirklich an den Kern von dem, was ich denke oder fühle. Das kann anstrengend sein, aber es ist natürlich auch genau das, was es am Ende besser macht. Ich glaube, wir wissen beide, dass wir gemeinsam etwas Gutes auf die Beine stellen können.

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Warum habt ihr euch für diese Drehorte entschieden: Kanaren, Portugal und Irland?

Seabass: Die Kanaren waren klar, das ist Tims Heimat und dort ist auch der Unfall passiert, den wir im Film erzählen. Dann wollte Tim gerne nach Portugal, weil er dort mit seinem Idol Marlon Lipke surfen wollte. Und nach Irland wollte Tim, weil er schon lange den Traum hatte, genau diese eine Welle dort zu surfen.

Ihr seid recht spontan nach Irland aufgebrochen. Wie war der Trip?

Seabass: Ein absolutes Abenteuer. Es war Januar, arschkalt, und ich hatte beim Filmen sechs Jacken übereinander und noch einen Dryrobe drüber. Aber es war wunderschön. Die Landschaft ist unglaublich und die Leute extrem freundlich.

Und das Ganze kam super spontan. Kurz nach Neujahr rief Tim an: „In drei, vier Tagen kommt ein guter Swell, wir müssen nach Irland.“ Ich war eigentlich noch Ski fahren. Also haben wir in kürzester Zeit Flüge, Autos, Team und den ganzen Rest organisiert. Komplettes Chaos, aber irgendwie hat alles funktioniert. Und dann noch der Trip an sich nach Irland, mit dem E-Auto, das war spannend.

Tim: Irland hat einfach eine unglaubliche Energie. Diese Klippen, die Kälte, das Licht, der Wind, das hat alles etwas sehr Rohes und sehr Echtes. Es ist ein Ort, der einen sofort in seinen Bann zieht.

Dazu kommt, dass die Menschen dort sehr herzlich sind, wenn man respektvoll auftritt. Diese Mischung aus rauer Natur und Offenheit hat mir extrem gefallen. Irland ist ein sehr magischer Ort.

Aber die Hinfahrt war für mich mit ziemlich viel Adrenalin, Respekt und sogar Angst verbunden. Ich wusste schon zu Hause: Jetzt wird’s ernst. Und gleichzeitig war ich überhaupt nicht richtig vorbereitet. Ich musste noch Equipment organisieren, mir ein Brett von einem Kumpel besorgen, meine Sticker draufkleben, Sachen zusammensuchen, es war alles sehr kurzfristig.

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Was macht das Surfen in Irland so besonders, und so hart?

Tim: Es ist extrem. Man kann sich körperlich und mental noch so gut vorbereiten, es wird sich trotzdem nicht wirklich komfortabel anfühlen. Allein der Weg an den Spot ist anstrengend. Dann hast du kaltes Wasser, kalte Luft, große Wellen und das permanente Gefühl, der Natur komplett ausgesetzt zu sein.

Man ist eingeschüchtert, man friert, man ist angespannt, und genau darin liegt auch etwas Wertvolles. Das sind oft die Momente, in denen man wächst. Nicht nur als Surfer, sondern auch als Mensch. Es erdet einen total. Und wenn dann eine richtig gute Welle dabei rumkommt, bleibt so ein Moment für immer hängen. Das war in Irland auf jeden Fall so.

Tim, gab es eine Session oder eine Welle, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Tim: Ja, definitiv. Eine der Wellen aus Irland gehört sicher zu den besten meines Lebens. Nicht nur wegen der Welle selbst, sondern auch wegen der Überwindung, die es mich gekostet hat, sie an diesem Tag zu nehmen. Da war Druck da, von außen, aber vor allem auch von innen. Ich wusste, was diese Chance bedeutet. Und genau deshalb bleibt so ein Moment extrem stark im Gedächtnis.

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Seabass, was war dein krassester Moment beim Dreh?

Seabass: Auf jeden Fall diese eine Welle in Irland. Ich stand oben auf der Klippe, habe gefilmt. Tim war schon Stunden im Wasser, und hatte noch kaum Chancen zum Surfen bekommen. Und dann kam die eine Welle, und er hat sie einfach bekommen und abgeliefert.

Ich hab oben gejubelt wie beim WM-Finale.

Man darf nicht unterschätzen, wie viel Arbeit in so einem Shot steckt. Da müssen Swell, Wind, Tide, Timing, alles passen. Und dann muss der Surfer abliefern, und die Kamera muss es auch noch einfangen. Für 10 Sekunden Film arbeitest du teilweise Monate. In dem Moment wusste ich: Dieser Shot ist unser Finale.

Und dann habt ihr die Aufnahme verloren, oder?

Seabass: Ja. Das war der absolute Tiefpunkt. Unser Wasserfilmer Manu Miguelez hatte die beste Welle des Films nicht aufgenommen. Er hatte nach Stunden im eiskalten Wasser mit eingefrorenen Fingern den Record-Button nicht richtig erwischt. Wir waren komplett am Boden.

Tim, was ging in dir vor, als du verstanden hast, dass die Welle weg ist?

Tim: Natürlich war das erstmal bitter. Ich glaube, Seabass war in dem Moment deutlich näher am Ausrasten als ich, was auch verständlich ist, wenn man so viel Arbeit, Energie und Geld in ein Projekt steckt und dann genau die Aufnahme fehlt, auf die alles hinausläuft. Ich selbst wusste immerhin: Ich hatte meinen Teil gemacht. Aber traurig war ich natürlich trotzdem, weil ich diese Welle selbst auch gern nochmal gesehen hätte.

Wie habt ihr den Shot wiederbekommen?

Tim: Es stellte sich heraus, dass ein Australier im Wasser genau diese Welle gefilmt hatte, plus noch eine weitere gute. Also haben wir Kontakt aufgenommen. Dann saßen wir im Pub und nach ein paar Guinness und ein bisschen Verhandlung konnten wir ihm den Shot abkaufen. War teuer, aber es hat uns den Film gerettet.

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Wie schwierig war es, Sponsoren für den Film zu finden?

Seabass: Extrem schwer. Ich habe ein halbes Jahr lang hunderte E-Mails geschrieben und kaum Antworten bekommen.

Ich war kurz davor, aufzugeben.

Dann habe ich als letzte Aktion Blue Banana angeschrieben. Und die hatten Bock, sind direkt als Main-Sponsor eingestiegen und wollten gleichzeitig Tim als Athleten sponsern. Das hat erst alles möglich gemacht.

Das Voice-Over im Film klingt mega authentisch. Wie habt ihr das hinbekommen?

Seabass: Meiner Meinung nach wirken geskriptete Voice-Over oft unauthentisch. Wenn jemand einen geschriebenen Text vorliest, hört man das sofort. Deshalb haben wir mit echten Interviews gearbeitet, wo Tim frei und ungefiltert spricht. Das ist viel aufwendiger im Schnitt, aber es fühlt sich für mich echter an.

Wie lange habt ihr für NOTHING BUT BLUE gebraucht?

Seabass: Über zwei Jahre. Surfen ist einfach der schwierigste Sport, den du filmen kannst. Du bist komplett vom Wetter abhängig. Du brauchst Glück. Und gleichzeitig musst du alles planen, organisieren, finanzieren, oft nebenbei. Am Ende stecken tausende Stunden Arbeit in diesem Film.

Wie groß war euer Team?

Seabass: Meistens fünf bis sechs Leute. In Irland waren wir am größten: Tim, ich, unser Cinematographer Nikita Lünnemann, unser Wasserfilmer Manu Miguelez, Assistenz und Behind-the-Scenes von Paulina Keller, Janina Scholz und Frederik Callies dann in Portugal. Und dann kommt ja später noch die ganze Postproduktion dazu: Sound-Design von Stefan Kraatz und Color Grading von Janina Grulich. Wir waren ein richtig tolles Team. Alle haben einen super Job gemacht und viel investiert, auch von ihrer freien Zeit. Dafür bin ich sehr dankbar!

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Wie fühlt es sich an, dass der Film jetzt fertig ist?

Tim: Sehr gut! Ich hatte immer das Gefühl, dass in der Geschichte Potenzial steckt, aber Seabass hat sie auf eine Weise umgesetzt, die die Leute wirklich mitnimmt. Das merkt man jetzt auch am Feedback. Vor allem freut es mich, dass die Leute sich von dieser Geschichte berühren lassen. Dass sie sich darauf einlassen. Dann merkt man, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat. Ich bin sehr zufrieden und dankbar, dass das Projekt so geworden ist, wie es geworden ist.

Was habt ihr aus dem Projekt gelernt?

Seabass: Nicht zu starr am Plan festzuhalten. Es ist eine Doku. Dinge gehen schief. Dinge laufen anders als gedacht. Aber genau daraus entstehen oft die besten Momente. Man muss flexibel bleiben und das nutzen, was passiert.

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Wie ist das Feedback zu NOTHING BUT BLUE bisher?

Seabass: Oft hören wir: „Der Film war viel zu kurz.“ Und das ist eigentlich das beste Feedback, das man bekommen kann. Gleichzeitig bin ich aber auch für kritische Rückmeldungen total dankbar. Daran wächst man als Filmemacher am meisten.

Wo kann man NOTHING BUT BLUE aktuell sehen?

Tim: Aktuell läuft der Film auf der Surffilmnacht in Deutschland und bei weiteren Stops in Europa. Alle Termine und Updates gibt’s online über den Instagram-Account von NOTHING BUT BLUE. 

Seabass: Später wird der Film natürlich auch online zu sehen sein, wahrscheinlich nach der Festivalphase auf YouTube.

 

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What’s next?

Seabass: Erstmal eine Pause von Surf-Dokus (lacht). Aber langsam kribbelt es wieder. Ich halte die Augen offen nach neuen Storys. Wenn jemand eine gute Idee hat, schreibt mir gern auf Instagram.

Möchtet ihr zum Schluss noch etwas loswerden?

Seabass: Ein riesiges Danke an Tim für seine Offenheit und sein Vertrauen. Und natürlich an alle, die uns unterstützt haben: das ganze Team, die Sponsoren und alle, die Zeit und Energie in das Projekt gesteckt haben.

Tim: Danke an alle, die sich den Film anschauen und ehrliches Feedback geben. So ein Projekt entsteht nie allein. Da hängen viele Menschen, viel Vertrauen und viel Herzblut drin.

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