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INTERVIEW: Johannes Laing und sein Weg zum „Adaptive Surfing“

Foto Header: Mel Chun

Hallo Johannes, danke erstmal, dass Du Kontakt mit uns aufgenommen hast. Es freut uns, dass die Geschichte von Johannes Grasser bei den ADH Anklang gefunden hat. Erzähl uns mal bitte kurz Deine Story und wie es zu Deiner Querschnittlähmung kam?

Hey, erstmal ein Dankeschön an Euch, dass Ihr Interesse am Thema habt und dieses Interview mit mir führt! In aller Kürze habe ich 29 Jahre lang ein relativ “normales” Leben geführt, Schule, Arbeit, Reisen, was man halt so macht. An einem schönen Maiabend vor fünf Jahren ist dann eine Blödelei unter Freunden schief gelaufen – wir haben so eine Art Playfight gemacht, und das ging daneben. Ich hab mir dabei den fünften und sechsten Halswirbel gebrochen und das Rückenmark verletzt – umgangssprachlich gesagt: ich habe mir das Genick gebrochen und bin jetzt querschnittgelähmt.

Das ist aber gar nicht so einfach wie sich’s anhört, Rückenmarksverletzungen sind nämlich ziemlich verrückt und kompliziert. Ich habe was man einen inkompletten Querschnitt nennt: das Rückenmark ist also nicht vollständig durchtrennt. Dadurch hatte ich die Chance mir Körperfunktionen teilweise wieder zurückzuholen. Wie gesagt, ziemlich irre das Ganze. Oder wusstest du dass man mit einem Querschnitt nur noch eingeschränkt schwitzt, und Hitze deswegen ziemlich gefährlich werden kann?

Foto: Yenz Brüggemann / yenziflow.de

Nein, das wussten wir tatsächlich nicht. Hat sich denn über die letzten Jahre eine Art „Normalität“ in Deinem Leben eingestellt, oder wie müssen wir uns Dein Leben momentan vorstellen?

Normalität ist ein ziemlich dehnbarer Begriff! Mein jetziges Leben ist für mich normal, aber ganz sicher ein gutes Stück entfernt von deiner Definition. Ich hatte jedenfalls ziemliches Glück, auf ganz vielen Ebenen.

Erstens ist da der Chirurg zu nennen, der mich operiert hat. Der hat so eine gute Arbeit geleistet dass ich Funktionen zurückgewonnen habe, die bei der Art von Verletzung eigentlich nicht drin sind. An der Stelle muss man natürlich auch die Physios nennen, die einen ständig antreiben, weiter zu trainieren!

Dann waren meine Familie und meine Freunde von Anfang an am Start und haben mich auf unterschiedlichste Weise durch die erste Zeit im Krankenhaus gebracht – ich war da immerhin ein halbes Jahr. Und auch danach hatte ich immer Unterstützung, Hilfe, offene Ohren – eben all das was man sich von Freunden und Familie wünscht.

Und außerdem hat mir mein damaliger Arbeitgeber sofort den Rücken frei gehalten und gesagt:

“ Mach dir keine Sorgen um die Arbeit, wir finden einen Weg.”

Das alles sind Dinge die es am Anfang leichter machen. Du musst verstehen dass von jetzt auf nachher dein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird. Ich bin morgens wie immer aus meiner Wohnung spaziert und ein halbes Jahr nicht wieder gekommen! Ich konnte mich die ersten Wochen fast überhaupt nicht bewegen, geschweige denn Zähneputzen, mich Waschen, oder Essen. Du bist zu hundert Prozent abhängig von den Menschen um dich herum. Wenn ich mich da auch noch darum hätte sorgen müssen, wie es mit der Arbeit weitergeht, wäre ich sicherlich wahnsinnig geworden.

Stattdessen konnte ich meine gesamte Energie und Aufmerksamkeit darauf richten, mich mit der Situation auseinander zu setzen, in der ich mich wiedergefunden habe. Sie zu analysieren und zu verstehen. Ich vergleiche mich da immer mit einem Säugling, der erst nach und nach lernt seine Welt zu verstehen und damit zu interagieren. Nur mit dem Unterschied dass ich halt einen funktionierenden Kopf und zu dem Zeitpunkt 29 Jahre Erfahrung hatte. Trotzdem musste ich banalste Dinge neu lernen. Beispielsweise wie man sich vom Bauch auf den Rücken dreht. Soviel zum Thema “Normalität”.

Und dieser Prozess des Neulernens ist übrigens nicht abgeschlossen: jeder von uns entwickelt sich ja ständig weiter, testet neue Grenzen aus und macht neue Erfahrungen. Das ist bei mir nicht anders. Seit ich aufgehört habe, die ganze Geschichte persönlich zu nehmen, macht es mir sogar Spaß Dinge neu zu denken und “unnormale” Lösungswege für alltägliche Probleme zu finden. Das ist schon ziemlich spannend!

Man muss sich eben zu helfen wissen… selbstgebautes Boardrack für den Rolli

Am schwierigsten fällt mir dabei nach wie vor der Umgang in der Gesellschaft. Darauf hat man nur wenig Einfluss. Leider ist bei uns die Durchmischung von behinderten und nichtbehinderten Menschen im Alltag nicht so ausgeprägt wie anderswo. Dadurch fehlt es an eben jener “Normalität” mit Menschen jeglicher Couleur umzugehen. Ich glaube viele von uns haben Angst vor dem Unbekannten, und daraus resultieren dann dumme Sprüche oder gut gemeinte, aber schlecht gemachte Hilfeversuche, die wiederum falsch interpretiert werden.

Eine Welle von einem Wettkampf auf Hawaii. Foto: Tommy Pierucki/Pineapple Sunrise Photography

Was hat Dich angetrieben und motiviert wieder ins Wasser zu springen?

Ich liebe das Meer! Ich bin meine ersten sechs Lebensjahre in San Diego, Kalifornien aufgewachsen und war als Kind gefühlt ständig am Bodysurfen und Boogieboarden. Zurück in Deutschland fiel das dann weg, aber trotzdem war ich weiterhin immer gerne im Wasser. Erst als ich Anfang zwanzig war, habe ich bei einem Trip an den Atlantik dann das Surfen angefangen. Damals hatte ein Kumpel ein Board dabei und ich bin einfach mal drauf gesprungen.

Das hat sich von Anfang an richtig und gut angefühlt, und war mir überhaupt nicht fremd. So wurde das Wellenreiten immer mehr meine Leidenschaft, und meine Art die Akkus unterm Jahr wieder voll zu machen. Ich habe dann auch angefangen meine eigenen Bretter zu shapen und mich intensiv mit den verschiedenen Formen der Surfkultur auseinanderzusetzen.
Aber letztendlich war es die Ruhe im Wasser, der Spaß, der Triumph, die Niederlage… ach was red ich, du weißt was ich meine! Jedenfalls wollte ich das wieder haben!

Geoff Brown beim Drop-In bei einem Wettkampf in Huntington Beach.
Foto: Brian Bott/ Fake Leg Photography

Es gibt viele unterschiedliche Arten des „Adaptive Surfing“. Wie schaffst Du es mit Deiner Querschnittlähmung zu surfen?

Richtig, je nach Behinderung oder Körperfunktion gibt es ganz unterschiedliche Wege zu surfen. Ich selbst surfe im Liegen und habe dabei eine Haltung die an einen Bodysurfer erinnert.

Das ist übrigens eine der tollen Seiten am adaptive Surfen: es bringt einen zurück zu den Wurzeln. Man kann eben nicht mehr so surfen wie es früher mal “normal” war, oder wie man dachte dass es sein soll. Man fängt ganz vorne wieder an und kann sein Surfen dabei neu erfinden. Dabei muss man sich frei machen von allem, was man darüber zu wissen glaubt.

Eine Welle bei der Weltmeisterschaft 2018 in La Jolla, Kalifornien Foto: Chris Grant/ ISA

Der Zulauf an gehandicapten Surfern ist groß und es gibt mittlerweile viele internationale Wettkämpfe. Wo kann man das Surfen mit körperlicher Einschränkung lernen und wie hast Du es geschafft?

Wie immer war es der Zufall. Ich war vor vier Jahren drei Wochen auf Hawaii und wohnte dort auf einem Segelboot im Ala Wai Harbor in Honolulu. Direkt neben der Hafeneinfahrt bricht Bowls, daneben Rockpiles. Ich saß da zwei Wochen auf dem Boot und hab diese schönen warmen Wellen brechen sehen und mir das Hirn zermartert, wie ich es schaffen könnte wieder zu surfen. Wie kommt man durchs Weißwasser wenn man seine Beine nicht zum ducken verwenden kann? Was passiert nach einem Wipeout? Kannst ich mit den Strömungen umgehen? Ich hatte aber niemanden der im Wasser geübt genug gewesen wäre mich rauszuholen wenn es hätte sein müssen – also blieb es beim „mindsurfen“.

Eines Morgens – ich glaube ich wollte gerade einkaufen gehen – hab ich dann unter der Dusche vor Rockpiles einen Typen im Rolli gesehen und es war offensichtlich, dass er gerade aus dem Wasser vom Surfen kam. Ich bin sofort zu ihm hin und hab ihn mit den ganzen Fragen zugeknallt, die ich mir die ganze Zeit gestellt habe. Seine Antwort war nur:

“Weißt du, ich könnte dir jetzt viel erzählen. Aber wie du selbst weißt ist jede Behinderung einzigartig – du musst es selbst machen und rausfinden wie es geht.”

Und er erzählte mir von Accessurf, einer Non-Profit-Organisation auf Hawaii, die seit fünfzehn Jahren Menschen mit Behinderung dabei hilft, regelmäßig ins Meer zu kommen um zu surfen, oder zu schwimmen. Ein paar Tage später hatte ich mich mit einem 9 Fuß Softtop bewaffnet und bin bei Accessurf aufgekreuzt. Eine Stunde später bin ich in meine erste Welle seit zwei Jahren geschoben worden. Die Zweite hab ich dann schon alleine gepaddelt. Ich habe aufgrund des Querschnitts nur einen sehr schwachen Triceps und eine schlechte Handfunktion und paddle somit also quasi mit einer Faust und kann die Arme nicht ganz durchziehen. Aber dann war der Knoten geplatzt. Danach bin ich dann für die verbleibende Woche jeden Tag mit dem ersten Licht und meinen neuen Freunden bei Rockpiles rausgepaddelt.

Ein guter Freund aus der Community auf einem Waveski in der sitzenden Klasse, Geoff Brown aus Irland
Foto: Gabriel Tom/ Accessurf

In Europa selbst sind solche Angebote noch begrenzt, aber Frankreich, Portugal und England sind ziemlich weit vorne was Adaptive Surfing angeht. Es gibt dort ein paar Schulen, die auf Surfer mit Behinderung eingestellt sind. Ansonsten sind erfahrungsgemäß viele Surfschulen offen, wenn man etwas Einsatz und Durchhaltevermögen mitbringt. Da wird dann halt viel improvisiert, aber es funktioniert meistens irgendwie. Wichtig ist, dass man jemanden findet dem man im Wasser vertraut.

Ich und eine gute Freundin, die Fritzi, arbeiten derzeit übrigens daran auch in Deutschland ein entsprechendes Angebot zu realisieren. Wir bilden zusammen den Ausschuss Adaptive Surfing beim DWV und organisieren einen inklusiven Surftrip im Oktober. Wir fahren mit zehn Teilnehmern nach Portugal und wohnen dort in einem der High Performance Surf Zentren. Dort werden wir voll verpflegt und geben den Teilnehmern Surfkurse – Material und Freizeitangebote inklusive! Und damit wir was zur Inklusion beitragen wird die Teilnehmergruppe halbiert sein: 5 mit und 5 ohne Behinderung. Es gibt schon zu viel Trennung, wir wollen Durchmischung!

Foto: Tommy Pierucki/Pineapple Sunrise Photography

Du hast mittlerweile schon bei vielen Wettkämpfen teilgenommen. Was war Dein größter Erfolg bis jetzt und welches Ziel hast Du Dir für dieses Jahr gesteckt?

Das hört sich jetzt abgedroschen an, aber der größte Erfolg ist immer wieder aufs Neue dabei zu sein und Teil dieser großartigen, weltweiten Bewegung sein zu dürfen.

Rein sportlich gesehen… ach, das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich bin ein paar Mal bis ins Halbfinale gesurft, und bei der Weltmeisterschaft 2018 hab ich den 10. Platz gemacht – von 16.
Das ist irgendwie alles gleich geil.

Aber ja, trotzdem bin ich Sportler und ich will unbedingt aufs Treppchen! Mein Ziel ist einfach stetig besser zu werden und immer mein Bestes zu geben – wenn’s für eine Platzierung auf dem Podium reicht, umso besser! Bei den Europameisterschaften in Portugal habe ich das Finale ziemlich knapp verpasst. Ich werde jedenfalls alles dafür tun um bei den Weltmeisterschaften 2019 ein Sprung aufs Podium zu schaffen!

Die erste Welle nach dem Unfall.
Foto: Jason Rose/Accessurf

Du bist Teil des DWV Adaptive Nationalteam. Wie schaut es mit dem Surfen bei den Paralympics aus?

Ja genau und erfreulicherweise wächst unser Team! In den Europameisterschaften konnten wir Eva Lischka neu an den Start bringen und ich hoffe, dass sich auch in Zukunft motivierte Surferinnen und Surfer bei uns melden!

Bis nach Olympia ist es ja noch etwas hin – frühestens Paris 2024. Und es ist noch nicht einmal ganz sicher, ob Surfen auch paralympisch wird, auch wenn es im Moment sehr gut aussieht. Aber klar, wenn das der Fall ist, werde ich alles geben mich zu qualifizieren – wer würde das nicht tun?

Woher bekommst Du Dein Equipment und was genau wurde an Deinem Board modifiziert?

Meine Bretter bespreche und entwerfe ich zusammen mit meinem guten Freund und Shaper Zach von Zachsticks. Er liefert einfach immer hervorragende Qualität ab, weiß unheimlich viel über Boardbau und hat vor allem keine Schranken im Kopf was Boarddesign angeht. Das ist wichtig, da die Bretter doch ziemlich anders sind als gewöhnliche Surfboards und hohe Anforderungen an den Shaper stellen.

Die wichtigste Veränderung an meinem Hauptboard ist die Finnenposition. Die haben wir ein ganzes Stück Richtung Nose verschoben um die Manövrierfähigkeit zu erhalten, da ich ja keinen hinteren Fuß einsetzen kann um Druck auf die Finnen zu geben. Da meine Hüfte ungefähr der Punkt ist wo mein Körper mit dem Board anschließt, haben wir die Finne ungefähr dorthin verschoben.
Dann ist das Deck konkav geformt, also wie ein Löffel. So liege ich stabiler und rutsch nicht so schnell vom Brett. Außerdem ist das Foil sehr durchdacht und auf die Gewichtsverteilung in einer liegenden Position ausgerichtet. Dann noch ein paar Griffe und ein doppeltes Leashplug, und fertig ist ein High Performance Prone Board!

Wir entwickeln die Designs aber stetig weiter, es gibt viel auszuprobieren! Leider gibt’s nur mehr Ideen als Geld – Sponsoring ist wie du dir wahrscheinlich denkst im adaptive surfing eher selten.

Ein Waveski in voller Schönheit

Welchen Tipp würdest Du anderen körperlich eingeschränkten Leuten geben, die gerne surfen lernen wollen?

Lass dir nichts erzählen! Ich habe Menschen mit Beatmungsgeräten surfen sehen. Ich kenne und surfe mit blinden Surfern. Schnapp dir ein paar Freunde denen du vertraust und probiere es einfach. Ganz vorsichtig erst im Schwimmbad, dann im See und schließlich im Meer. Oder kontaktiere mich und ich helf dir dabei! Lass niemand dir im Weg stehen, und vor allem: steh dir nicht selbst im Weg!

Dein Lebensmotto?

Das hab ich mich noch nie gefragt. Alles zu seiner Zeit passt ganz gut.

Gerne könnt ihr auch mit Johannes in Kontakt treten, falls Ihr Fragen zum Thema „Adaptive Surfing“ habt. Hier seine Email: adaptive.surfing@wellenreitverband.de

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