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Andy Wirtz Norden Surfboards

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Im Interview mit Andy Wirtz über die Entstehung und Entwicklung von NORDEN Surfboards

Fotos: Kirsten Frank und Peter Garzke

Wer sich mit Surfen in Deutschland beschäftigt, kommt an Andy Wirtz kaum vorbei. Der Gründer von Norden Surfboards gehört zu den Pionieren der europäischen Surfboardszene und hat die Entwicklung des Surfens an Nord- und Ostsee über Jahrzehnte begleitet. Lange bevor Midlengths, Eggs oder alternative Shapes wieder in Mode kamen, setzte Norden bereits auf genau diese Konzepte.

Dabei begann alles ganz anders. Wirtz kam ursprünglich vom Windsurfen, verbrachte prägende Jahre in Kalifornien und auf Maui, lernte Legenden wie Doug Haut, Marc Andreini oder Rich Novak kennen und entwickelte schließlich gemeinsam mit Angelo Schmitt Surfboard-Shapes, die speziell für europäische Bedingungen funktionieren sollten.

Im Gespräch erzählt Andy Wirtz von leeren Line-ups in Dänemark, den Anfängen von Norden Surfboards, dem Einfluss von Kalifornien auf seine Sichtweise des Surfens und erklärt, warum er glaubt, dass viele Surfer heute immer noch auf den falschen Boards unterwegs sind.

Andy Wirtz Norden Surfboards

Hey Andy, erstmal danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Du hast in den letzten drei Jahrzehnten praktisch jede Entwicklung im Surfen miterlebt. Vom Windsurfen über Wellenreiten bis hin zu SUP und Foil. Wenn du heute auf die Surfwelt blickst: Was hat sich zum Positiven verändert und was vermisst du manchmal von früher?

Positiv sind die Möglichkeiten, die wir heute haben, vom Equipment bis zu den Forecasts. Wir kommen viel häufiger aufs Wasser, auch wenn wir wenig Zeit haben. Gleichzeitig schraubt genau das unsere Erwartungen nach oben und sorgt manchmal für Enttäuschungen. Früher spielte das Material eine kleinere Rolle, der Wetterbericht kam aus dem Radio und wir sind einfach losgefahren. Vor allem aber waren die Spots leer. Wenn wir damals mit Freunden nach Klitmøller gefahren sind, waren wir in Bunkers meistens allein im Wasser. Das gibt es heute nicht mehr.

Norden Surfboards
Surfers Artikel 1996 – Als Dänemark noch leer war

Erinnerst du dich noch an den Moment, als du zum ersten Mal auf einem Surfboard gestanden hast?

Das erste Mal saß ich auf einem Shortboard und habe mich gefragt, wozu das gut sein soll. Beim Windsurfen war nonstop Action, beim Surfen saß man gefühlt 90 Prozent der Zeit nur herum und wartete. Richtig angefangen hat Surfen für mich erst mit einem Longboard. Da habe ich verstanden, worum es eigentlich geht.

Andy Wirtz
Das erste Mal auf einem Longboard, stoked … Kalifornien 1989

Du kommst ursprünglich aus dem Windsurfen. Was hat dich damals am Wellenreiten fasziniert?

Erst einmal die Tatsache, dass man nur ein Board und einen Anzug braucht. Beim Windsurfen schleppten wir immer Berge von Equipment mit uns herum. Je besser man wurde, desto mehr Material wurde es – und desto mehr hat es genervt. Auf dem Surfboard ist man noch näher an der Welle, man bekommt viel mehr von ihr mit. Das hat mich fasziniert.

Andy Witz Windsurfen
Windsurfen, Hanstholm, Dänemark
Andy Wirtz Norden Surfboards

Wie sehr hat deine Zeit auf Maui und in Kalifornien deinen Blick auf Surfkultur geprägt?

Sehr. Ich kam als Windsurfer dorthin und besonders in Kalifornien war Windsurfen damals jung und voll im Trend. In Santa Cruz lernte ich durchs Windsurfen schnell Leute kennen, ohne zu wissen, dass das Surfprofis, Hardcore-Locals und Shaper-Legenden waren.

Ich wohnte damals bei Doug Fletcher, dem Sander von Haut Surfboards, Marc Andreini, Ward Coffey und vielen anderen aus der Surfboard-Industrie. Ich kehrte dort die Werkstatt, ging mit Doug Hauts Neffen Matt Haut Windsurfen, surfte mit Ron Goat, einem der härtesten Locals überhaupt, und saß nach den Sessions oft mit Rich Novak, dem Gründer von Santa Cruz Skateboards und Surfboards, bei einem Bier zusammen.

Andy Wirtz Kalifornien
Doug Fletcher & ich – meine erste Begegnung mit der Surf Industry

Erst später wurde mir klar, welche Rolle diese Leute in der Surfwelt gespielt haben. Viele dieser Erinnerungen haben mich nachhaltig geprägt.

Auf Maui lernte ich dagegen die Schattenseiten des Surfens kennen: Localism, Regeln und Dinge, die mir damals völlig fremd waren. Vieles davon habe ich erst verstanden, als ich selbst mehr und mehr Surfer wurde.

Andy Wirtz Norden Surfboards

Kam damals auch bereits der Wunsch auf, eine eigene Surfboard Brand zu starten, oder wie entstand die Idee, NORDEN Surfboards zu gründen?

Die Idee entstand lange vor der Gründung der Marke im Jahr 2002. Mitte der 90er traf ich in Santa Catalina, Panama, auf Angelo Schmitt. Wir unterhielten uns über Surfboards und darüber, dass es für die Bedingungen an Nord- und Ostsee eigentlich keine passenden Boards gab. Wir fuhren beide Boards von Glen D’Arcy, der später auch unser Shaper wurde. Bevor wir dem Kind mit „Norden Surfboards“ einen Namen gaben, verkauften wir zunächst Aquaman Surfboards und später Glen D’Arcy Surfboards.

Norden Surfboards
Andy & Glen 2002 und die die ersten Surfboards

Hattet ihr damals überhaupt einen Businessplan bei NORDEN Surfboards oder war das eher eine Leidenschaft, die aus dem Surfleben heraus entstanden ist?

Es gab keinen Businessplan. Man stand auf und legte los, trotz aller Widersacher.

Norden Surfboards
Kein Businessplan – Angelo Schmitt & Andy Wirtz

Vor über 20 Jahren war der Surfmarkt in Deutschland beziehungsweise Europa ganz anders als heute. Welche Lücke habt ihr damals im Markt gesehen?

Für Anfänger gab es damals praktisch nur das BIC-PE-Board oder die Boards der Profis, die sich die Leute von ihren Reisen mitbrachten. Das eine war performance-technisch Schrott, die anderen funktionierten weder in unseren Bedingungen noch auf dem Niveau der meisten Surfer.

Wir wollten bei NORDEN Surfboards hochwertige Boards bauen, auf denen die Leute bei uns wirklich Spaß haben. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit der richtigen Idee und es hat funktioniert. Ganz ohne Businessplan.


Norden Surfboards

Was war in den Anfangsjahren die größte Herausforderung?

Geld war immer knapp. Wir bauten die ersten sechs Boards, dann kauften wir 20, dann 40, dann 100 und so weiter. Ich steckte jeden Cent, den ich hatte, in die Marke. Damals arbeitete ich hauptsächlich in der Windsurf-Industrie.

Gab es einen Moment, an dem ihr dachtet: „Jetzt wird aus dem Projekt wirklich eine Marke“?

Für uns war es von Anfang an eine Marke. Die Frage war nur, wann die anderen das endlich merken.

Im Ernst: Wir waren damals so überzeugt von unserer Idee, dass wir eigentlich keine Zweifel hatten. Heute wäre das wahrscheinlich anders.

Norden Surfboards
Norden Surfboards – eine Marke / Foto: Kirsten Frank

Viele Marken orientieren sich stark am Wettkampfsurfen. Warum habt ihr euch bewusst dagegen entschieden?

Joel Tudor hat es einmal perfekt auf den Punkt gebracht:

„It’s not a fucking sport, it’s a lifestyle.“

Surfen ist dazu da, Spaß zu haben und eine gute Zeit zu erleben. Es bedeutet uns mehr, Menschen mit einem Grinsen im Gesicht vom Wasser kommen zu sehen als mit erhobenen Fäusten. Besonders schön ist das bei Ein- und Aufsteigern zu beobachten. Deshalb gilt ihnen auch unsere größte Aufmerksamkeit.

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Würdest du sagen, dass viele Surfer heute immer noch auf den falschen Boards unterwegs sind?

Ja. Leider geht der Trend mittlerweile wieder in diese Richtung. Dank Internet und Social Media kann heute jeder alles, zumindest theoretisch, bevor er überhaupt das Wasser betreten hat.

Was macht für dich ein gutes Surfboard wirklich aus?

Es sollte zu dir, deinem Können und deinen Bedingungen passen. Den Rest macht der Surfer.

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Welche Rolle spielte Glen D’Arcy für die Entwicklung von NORDEN Surfboards?

Glen D’Arcy war und ist der Schlüssel zu unserem Erfolg. Er wurde mein Mentor und ein enger Freund. Alles, was ich über Surfboards weiß, habe ich von ihm gelernt. 2020 hat er sich weitgehend vom Shapen verabschiedet und nimmt heute nur noch selten den Hobel in die Hand.

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Das Vermächtnis

Wie hat sich dein Blick auf Surfboards verändert, seit du selbst stärker in die Designentwicklung eingestiegen bist?

Heute habe ich das Glück, mit Shape-Programmen zu arbeiten. Das macht die Weiterentwicklung von Boards deutlich einfacher. Ich konnte Glens Vermächtnis digitalisieren und Schritt für Schritt weiterentwickeln.

Früher hat Glen alle Boards von Hand geshaped und man konnte jederzeit in den Prozess eingreifen und etwas verändern. Beim Design am Computer sieht man das fertige Board erst, wenn es aus der Maschine kommt. Da kann man nicht einfach auf Stopp drücken und neu anfangen. Kleine Änderungen sind einfach, aber wenn man ein komplett neues Board entwickelt, kann das ziemlich anspruchsvoll sein.

Norden Surfboards
Digital Shaping

Wenn du heute ein Board für den durchschnittlichen Nordsee- oder Frankreich-Surfer designen würdest, wie sähe das aus?

Grundsätzlich kommt es immer auf den Surfer an: sein Können, seinen Spot, seine Körpergröße und darauf, wie er gerne surfen möchte. Ich neige dazu, Boards eher etwas dicker, länger und schmaler zu machen. So erhöht man den Wave Count, ohne die Performance zu stark einzuschränken.

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Welcher Shape aus der NORDEN Surfboards-Geschichte war für dich ein echter Gamechanger?

„Gamechanger“ ist fast so schlimm wie „Midlength“;) Ich würde sagen das EGG. Es funktioniert praktisch überall und kann fast alles. Mehr kann man von einem Board eigentlich nicht erwarten.

Welche Entwicklungen findest du aktuell wirklich spannend?

Wenn wir unsere ganze Nostalgie einmal beiseitelassen, dann finde ich die Zukunft schon spannend. Es wird wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, bis eine KI ein Surfboard designt und ein 3D-Drucker es ausspuckt. Aufhalten werden wir diese Entwicklung ohnehin nicht. Ob wir selbst daran teilnehmen werden, weiß ich nicht. Genauso wenig sehe ich mich in Zukunft regelmäßig in künstlichen Wellenpools surfen. Aber spannend wird es auf jeden Fall.

Welches Board aus deiner eigenen Range würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Entweder das EGG oder mein SUP Pintail Longboard 9’6„. Beide funktionieren in praktisch allen Bedingungen, von kniehoch bis Double Overhead. Wobei ich mit dem SUP bei glattem Wasser wahrscheinlich noch einen Vorteil hätte.

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Das Norden EGG in Action
Andy Wirtz Norden Surfboards

Zum Abschluss noch kurz zurück zu dir;) Was bedeutet Surfen heute für dich. Sport, Beruf oder immer noch eine Art Flucht aus dem Alltag?

Ein bisschen von allem, aber vor allem ist es meine größte Leidenschaft.

Andy Wirtz Norden Surfboards
Foto: Kirsten Frank

Wie oft schaffst du es heute noch, einfach nur zum Spaß ins Wasser zu gehen?

Eigentlich immer. Denn nur wenn ich Spaß auf dem Wasser habe, entstehen neue Ideen für Norden Surfboards.

Bist du eher der Typ, der ständig neues Material testet, oder hast du ein paar Boards, zu denen du immer wieder zurückkehrst?

Ich habe definitiv meine Lieblingsboards, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Manche davon sind inzwischen fast 20 Jahre alt. Trotzdem probiere ich natürlich ständig Neues aus und genau das macht die Sache bis heute spannend.

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Was war die größte Fehleinschätzung, die du als Surfer jemals beim Boardkauf getroffen hast?

Mir als Anfänger ein Shortboard zu kaufen.

Same Same, aber immerhin haben wir es irgendwann kapiert;)

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