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German Open 2024

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Gilles Noah Rese über seinen doppelten Sieg in Frankreich

Erst die German Open 2024, dann die adh-Open im Wellenreiten. Gilles Noah Rese im Interview über seine ersten Siege nach 9 Jahren.

Seit 9 Jahren hat Gilles Noah Rese keinen Contest mehr gewonnen. Jetzt hat er in Frankreich direkt 2 x hintereinander den 1. Platz gemacht, erst bei der German Open und eine Woche später bei den adh-Open im Wellenreiten.

Gilles Noah Rese ist in Halle (Westfalen) geboren und auf Fuerteventura aufgewachsen. Er ist 25 Jahre alt, arbeitet als Surfcoach an der Surfschule seines Dads auf Fuerte und studiert nebenbei Sportmanagement in Teilzeit.

Wir haben Gilles Noah Rese bei der Surfersweek in Seignosse getroffen und mit ihm bei einer Probefahrt im NIO ET5 Touring gequatscht, über seine Zeit in der U-18 Nationalmannschaft, Localism auf Fuerte, seinen doppelten Sieg in Frankreich, darüber, was er von den beiden Surf-Contests hält und über seine Pläne für die Zukunft.

Den ganzen Podcast findet ihr hier. 

Gilles Noah Rese
Foto: Alessandra Merlo

Moin Gilles Noah Rese. Herzlichen Glückwunsch zu deinem doppelten Sieg in Frankreich. Lass uns mit der German Open auf der Surfersweek anfangen. Das war dein erster Sieg nach 9 Jahren. Hol uns mal ab: Wie lief der Contest für dich?

Vielen Dank. Es war mein dritter Start bei den German Open, ich war von Anfang an dabei. Der Contest wurde genau wie letztes Jahr am Sonntag an einem Tag durchgezogen. Meinen ersten Heat bin ich in super Conditions gesurft, das war einfach purer Spaß. Typisch für Frankreich, wenn es gut ist: clean und eine schöne Sandbank mit einer schönen Linken. Laut Vorhersage sollten sich die Bedingungen leider verschlechtern. Am Ende war es dann doch nicht so schlimm, wie erwartet. Aber im Semifinale und Finale wurde es doch deutlich schwieriger, die Wellen waren choppy und hatten weniger Kraft. Mit dem Sieg auf der German Open am Ende bin ich mehr als zufrieden. Besser konnte es nicht laufen. Ich bin superglücklich damit.

Die German Open hast du mit einem Buzzer Beater gewonnen. Was hast du in den letzten Minuten des Finals gedacht?

Bei der German Open gab es einige Situationen, bei denen ich mir gerade so in letzter Minute noch eine gute Welle schnappen konnte. Das Finale war ein Hin und Her, ein mentaler Struggle. Die ersten zehn Minuten hatte ich noch keine Welle auf dem Papier. Dann dachte ich mir: „Hey, nicht zu viel Stress”. Positive Selbstgespräche sind sehr wichtig. Vom Scoring her wusste ich, dass die anderen zwar ihre zwei Wellen hatten, aber niemand bisher richtig was raushauen konnte. Also war alles noch offen für mich. Aber dann wurde es hintenrum richtig, richtig knapp. Es war nur noch eine Minute Zeit, aber genau da fand ich meine beste Welle. Ich wusste, dass ich 200 Prozent geben musste. Mal schauen, wie die Judges das finden würden.

Alle dachten zuerst, Finn Springborn hätte gewonnen. Ich wusste nicht, was Finn auf seiner letzten Welle gemacht hatte, ob er nochmal sein Scoring verbessert hatte, und vor allem, wie meine Welle bewertet würde. Dann hörte ich, wie der Kommentator meinte, die ganze Situation habe sich geändert. Im Endeffekt hat es gereicht. Das war mein Buzzerbeater im letzten Moment.

Dieser Sieg bedeutet mir sehr viel, weil es mein erster Sieg nach 9 Jahren ist. Das letzte Mal habe ich auf der DM 2015 gewonnen. Es fühlt sich gut an, mal wieder gewonnen zu haben.

German Open 2024
Foto: Antonia Bittmann

Jetzt hast du auch noch die adh-Open im Wellenreiten gewonnen, gleich beim ersten Versuch. Wie war das?

Die adh-Open im Wellenreiten begannen für mich in Runde zwei. Das bedeutete, dass ich an diesem Tag dreimal surfen musste. Es war mein erster Start bei der adh-Open, und ich wusste nicht genau, was mich erwartet. In den ersten Runden und meinem Viertelfinale dauerten die Heats 15 Minuten. Das war physisch sehr anstrengend, insbesondere wegen meiner Rückenverletzung. Ich konnte mich Runde für Runde solide auf dem ersten Platz durchsurfen. Am Finals Day bin ich morgens mit starkten Rückenschmerzen aufgewacht. Trotzdem stand in meinem Kopf fest: Heute ist mein Tag.

Mein Halbfinale war um 9 Uhr morgens, und es lief gut. Bis zum Finale hatte ich 3 Stunden Pause, in der ich neue Energie tanken und meinem Rücken eine Pause geben konnte. Das Finale lief fantastisch für mich. Ich konnte eine Acht-Punkte-Welle auf meiner Backhand holen und mir somit meinen zweiten Sieg in dieser Woche sichern. Die Stimmung am Strand war großartig. Es war so cool zu sehen, wie viel Passion alle für den Surfsport mitgebracht hatten.

Also 2 Siege in 2 Wochen direkt hintereinander nach 9 Jahren ohne Sieg. Wie fühlt sich das an?

Die zwei Siege machen mich sehr happy. Ich fühle mich erfüllt und befreit. Die ganze Vorbereitung, Einstellungen und Anpassungen meines Trainings haben sich ausgezahlt. Die German Open als ersten Contest nach 9 Jahren zu gewinnen und gleich danach die adh-Open im Wellenreiten beim ersten Versuch mitzunehmen – da bin ich natürlich sehr stoked.

German Open 2024
Foto: Florian Schötterl

Was macht dein Kopf in einem Heat? Was denkst du dann?

Als ich noch jünger war, hat mein Kopf sehr viel Verrücktes gemacht, ich habe an nichts Effektives gedacht, sondern hatte Gedankengänge, die nicht wichtig sind. “Was passiert, wenn ich verliere?”, etc…

Mit Erfahrung lernt man, das Ganze so simpel wie möglich zu sehen. Man konzentriert sich auf die wichtigsten Dinge und genießt den Prozess. Im Endeffekt ist es nur wichtig, auf der besten Welle des Heats zu sein. Du brauchst erstmal ein gutes Backup, um dann mehr Risiko einzugehen und dich zu verbessern. Der Fokus liegt auf der eigenen Leistung, nicht auf den anderen. Es ist ein Wettkampf gegen sich selbst, um die beste Leistung zu erzielen.

Du hast dich letztes Jahr am Rücken verletzt. Was ist passiert? Beeinträchtigt dich die Verletzung noch?

Im November letzten Jahres habe ich mir den Rücken verletzt, als ich bei mir zu Hause im Süden von Fuerteventura einen Slap gesurft bin. Eine Welle ist mir direkt auf den Rücken gebrochen und hat mich so stark komprimiert, dass mein Hüftgelenk (ISG) ausgerenkt ist und drei Wirbel verschoben wurden. Das machte es mir schwer, normal zu laufen oder zu stehen. Glücklicherweise konnten mir mein Physiotherapeut und Chiropraktiker des Vertrauens effektiv helfen, so dass ich nach drei Wochen wieder surfen konnte.

Sowohl bei der Surfersweek als auch bei den adh-Open habe ich meinen Rücken gemerkt. Aber es hat sich ausbezahlt, würde ich sagen.

Gilles Noah Rese

Was hältst du von der German Open als Surfcontest?

Im Vergleich zur Deutschen Meisterschaft kann man sich mit der German Open nicht fürs deutsche Kader oder die Nationalmannschaft qualifizieren. Es ist also ein eigenständiger Contest und ich finde, je mehr Contests, desto besser. Teilgenommen haben 40 Leute. Aber wenn du so Großkaliber dabei hast, wie Tim Elter, Finn Springborn oder Arne Bergwinkel, ist es nie leicht zu gewinnen. Es ist ein sehr schöner Titel, den man mitnehmen kann, mit dem man sich schmücken kann.

Was hältst du von den adh-Open im Wellenreiten?

Die adh-Open im Wellenreiten sind ein Surfcontest unter deutschen Studierenden. Auch hier kann man sich danach für nichts weiteres qualifizieren, aber man ist dann deutscher Hochschulmeister. Die Stimmung am Strand, unter den Studierenden, Moderatoren, dem Team und den Helfern war einfach grandios. 180 Teilnehmende haben mitgesurft, dass ist sau viel und spiegelt das Interesse der Studis am Surfen wieder.

Ich fand auch sehr erstaunlich, dass so viele Leute beim Contest zugeschaut haben. Die Studis haben sich untereinander krass angefeuert und haben so viel Passion mitgebracht.

Wie unterscheiden sich beide Surf-Events für dich?

Bei den adh-Open im Wellenreiten waren mehr Contest-Teilnehmende und mehr Leute, die sich den Contest angeschaut haben. Die Studis haben am Strand richtig für Stimmung gesorgt.

Ich würde aber sagen, dass das Surf-Niveau bei der German Open in den fortgeschritteneren Runden höher war. Trotzdem waren auch bei der adh-Open ab dem Halbfinale einige sehr starke Surfer am Start.

Gilles Noah Rese

Dann lass uns mal zu dir kommen. Viele Leute wissen nicht, wie sie deinen Namen aussprechen sollen. Woher kommt er?

Der Name kommt aus Frankreich. Mein Vater war Rugby-Fan und ich glaube, dass er mich nach einem französischen Rugby- oder Fußballspieler benannt hat, aber bin mir nicht ganz sicher. Es passiert mir öfter, dass Leute nicht wissen, wie sie meinen Namen aussprechen sollen. Aber für die Spanier ist es am allerschlimmsten. In der Schule habe ich alle deshalb immer einfach Noah genannt.

Du bist in Halle (Westfalen) geboren, aber auf Fuerteventura aufgewachsen. Wie kam es dazu?

Als ich noch nicht einmal ein Jahr alt war, zogen meine Eltern 1999 nach Fuerteventura. Hier bin ich aufgewachsen, bin zur Grundschule gegangen und habe mein Abitur gemacht. Ursprünglich kam mein Vater zum Windsurfen nach Fuerteventura. Aber er ist dann Stück für Stück immer mehr zum Surfer geworden.

Wie bist du zum Surfen gekommen?

Zum Surfen bin ich durch meinen Dad gekommen. Als ich 7 oder 8 Jahre alt war, hat er es mir zum allerersten Mal gezeigt. Zuerst habe ich auch mit dem Windsurfen angefangen, aber das hat mir nicht so viel Spaß gemacht, wie das Wellenreiten.

Was hat dich am Wellenreiten mehr gecatched als am Windsurfen?

Ich denke, der große Unterschied ist, dass Windsurfen für mich zu statisch war. Beim Wellenreiten ist der Anfang einfach cooler, mit mehr Action. Dafür ist es wahrscheinlich viel schwieriger, auf ein hohes Niveau im Wellenreiten zu kommen, da die Entwicklung viel länger dauert. Als mir mein Vater das Wellenreiten zum ersten Mal gezeigt hat, bin ich dabei geblieben. Ich habe auch ein bisschen Fußball gespielt, aber Mannschaftssport war nicht so mein Ding. Beim Wellenreiten hat es Klick gemacht, das hat einfach harmoniert.

Gilles Noah Rese
Foto: Mario Andrade

Wann hast du mit dem Contest-Surfen angefangen?

Mein erster Wettkampf war ein lokaler Contest von der Kanarischen Tour bei uns auf Fuerteventura. Die Bedingungen waren anspruchsvoll: zwei bis zweieinhalb Meter hohe Wellen. Ich war 13 Jahre alt, super dünn und wog ca. 50 Kilo. Ich war den ganzen Tag so nervös, dass ich nichts essen und nur 500 Milliliter Wasser trinken konnte. Dieser Contest lief nicht gut für mich, ich glaube, ich bin in der ersten Runde ausgeschieden. Dagegen lief es bei meiner ersten Deutschen Meisterschaft 2013 besser. Ich hab es bis ins Viertelfinale in der U16-Klasse geschafft.

War es früher dein Traum, richtiger Profi-Surfer zu werden, im deutschen Team zu sein und sich theoretisch auch für Olympia zu qualifizieren?

Ja. Als ich klein war und zum ersten Mal die deutsche Meisterschaft mitgesurft bin und meine Idole gesehen habe, wie Leon Glatzer, habe ich natürlich geträumt, so zu sein wie sie. Ich wollte gegen die Besten surfen und in der Nationalmannschaft sein.

Du hast es dann tatsächlich in die deutschen U-18 Nationalmannschaft geschafft. Wie war die Zeit für dich?

Das war eine komplette Erfüllung, als ich 2014 in die U-18 Nationalmannschaft aufgenommen wurde. Mein Sieg bei der Deutschen Meisterschaft 2015 hat mir nochmal geholfen, meinen Platz im Team zu festigen. Ich habe mit dem Team zusammen an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen. Meine erste WM war 2014 in Equador, die letzte war 2017 auf den Azoren. Außerdem war ich bei zwei Europameisterschaften dabei. Die erste war auch auf den Azoren und meine letzte war 2018 in Marokko. Aber man wächst und man möchte immer mehr. Man bleibt nicht stehen.


Gilles Noah Rese

Warum wurdest du damals nicht in die Nationalmannschaft übernommen?

Bei meiner letzten Europameisterschaft war ich sehr krank. Daher war meine Performance nicht gut, ich habe komplett versagt. Ich denke, deshalb wurde ich nachdem ich 18 Jahre alt wurde nicht in die Nationalmannschaft übernommen. Ich war sehr enttäuscht, mein Coach, Tim Surtmann, hatte viel in mich gesetzt, und ich selbst auch. Natürlich will man performen, aber das klappt nicht immer so, wie man will.

Im Sport lernt man, dass es Höhen und Tiefen gibt. Man verliert mehr, als man gewinnt. Deshalb lernt man auch, mit Niederlagen umzugehen. Entweder gibt man auf oder man macht weiter. Aufgeben ist keine Option. Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf, wenn man dafür arbeitet. So ist es im ganzen Leben.

Trotzdem habe ich weitergemacht und habe auf der QS-Tour in Europa mitgesucht. Ich habe z.B. an den QS-Events in Anglet, Lacanau und Caparica in Portugal teilgenommen.

Machen dir QS-Events Spaß gemacht?

Ja, die Bedingungen auf den QS-Events sind oft nicht optimal. Es ist eine große Motivation nötig, um durchzuhalten. Es kommt auch drauf an, was für ein Typ du bist. Im Endeffekt surfen wir Contest-Surfer aus Spaß und Liebe zum Sport. Wir nehmen an Wettkämpfen teil, weil wir es mögen, unter Druck performen zu müssen. Wenn man dann ein gutes Ergebnis erzielt, zum Beispiel in der QS gegen starke Gegner wie Tiago Pires oder seine Idole surft, ist das ein riesiger Erfolg. Oder wenn du auf einmal die Deutsche Meisterschaft gewinnst, ist das eine große Belohnung.

Man braucht die Motivation, auch in schlechten Wellen zu trainieren, immer Vollgas zu geben und nie aufzuhören. Wenn du dann unter in einem Wettkampf gewinnst, hast du mehr Stress, aber die Belohnung ist umso größer. Es macht Spaß, wenn man sieht, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat.

Ist es immer noch dein Traum, Pro-Surfer zu werden und vom Surfen zu leben?

Ich glaube, mit 25 Jahren wird das sehr schwierig, das internationale Niveau ist sehr hoch. Es ist auch schwierig, mit Surfen Geld zu verdienen. Die Elite wird immer kleiner. Allerdings hat sich Camilla Kemp jetzt auch im Alter von 28 Jahren für Olympia qualifiziert.

Ich konzentriere mich nicht mehr komplett auf das professionelle Surfen. Aber ich bin sehr glücklich, wie es jetzt gerade läuft. Ich arbeite, studiere, habe viel Zeit zum Surfen, trainiere und kann auch noch an Wettkämpfen teilnehmen.

Wirst du an weiteren Contests teilnehmen?

Ich glaube, ich werde mich auf die Deutsche Meisterschaft vorbereiten. Außerdem denke ich über eine Teilnahme an der Kanarischen Tour nach, wenn die Stops nicht im Sommer stattfinden.

Gilles Noah Rese
Foto: Iris Esteve Sanchez

Wie oft kommst du so zum Surfen?

Ich surfe täglich, wenn möglich. Im Sommer kann es auf Fuerte echt schwierig sein, wegen des Windes. Da ist es das Beste, abzuhauen. Als ich so 15 Jahre alt war, bin ich zum ersten Mal im Sommer nach Frankreich gekommen, um zu trainieren. Aber seit ich so 19 Jahre alt bin, verbringe ich den Sommer wieder öfter auf Fuerte. Die Bedingungen sind nicht ideal, aber wenn man trainieren will, muss man durchhalten. Ich versuche so oft ins Wasser zu kommen, wie es geht, neben der Arbeit.

Was sagst du zur Local-Thematik auf Fuerteventura? Ich mein, du bist ja auch einer, oder?

Ja, ich bin irgendwie schon ein Local, musste mich aber auch erst richtig anstellen. Die Local-Situation ist kompliziert, aber wenn du hinter die Kulissen schaust und dich in die Situation der Locals versetzt, ist es auch verständlich. Die Insel lebt vom Tourismus, insbesondere vom Surftourismus. Viele Surfer kommen hierher, vor allem während der Winterzeit, wenn die Wellen besonders gut sind. Mit einer Flugzeit von nur vier Stunden ist die Insel einfach ein beliebtes Ziel für Europäer, die warmes Wetter und gute Surfbedingungen suchen. In den letzten Jahren hat sich die Situation rapide verändert. Die Zahl der Surfer, die zu bestimmten Spots kommen, hat sich dramatisch erhöht, vor allem nach Corona.

Vor so 10, 15 Jahren war es noch anders. Die Geschichten erzählen von leeren Spots, wo die Locals alleine oder mit wenigen Freunden surfen konnten. Das geht heute nicht mehr. Ich finde es verständlich, dass sich einige Locals manchmal altmodisch geben. Ich sehe das Ganze so: Fuerte ist ihr Zuhause, ein Ort, den man mit Respekt behandeln sollte, ähnlich wie bei einem Besuch bei Freunden. Wenn du bei jemandem zu Gast bist und die Wohnung sehr sauber ist, würdest du auch höflich fragen, ob du die Schuhe ausziehen sollst. Es geht darum, Respekt zu zeigen.

Ich denke, das machen auch etwa 80 bis 90 Prozent der Surf-Touristen. Es gibt jedoch Ausnahmen, wie überall im Leben. Wenn die Locals über 20 Jahre hinweg immer an Leute geraten, die die Surfetikette nicht achten, kann die Hemmschwelle schonmal sinken. Das kann ich auch nachvollziehen. Wenn man als Neuer aber Zeit und Mühe investiert, dann ändert sich die Situation. Die Locals sehen dein Engagement und erkennen, dass du es dir verdient hast. Dann stehst du auf derselben Stufe wie sie und hast die gleichen Chancen.

Was kann denn passieren, wenn ein respektloser German Kook auf einen Oldschool Local aus Fuerte trifft?

Lokalismus hat sich verändert und ist moderner geworden. Heute bleibt es meist bei verbalen Konflikten, bei einem Hinweis. Je nachdem, wie derjenige reagiert, kann es auch etwas aggressiver werden. Das kommt auch drauf an, auf welchen Typ Local man trifft.

Früher war es schwieriger. Ich habe Geschichten gehört, dass Autos angezündet wurden oder Schlägereien stattfanden. Aber das ist längst vorbei. Vor einigen Jahren gab es noch einen Vorfall in Lobos, aber das war eine Ausnahme.

Wie sollte man sich als Nicht-Local auf Fuerte verhalten?

Am besten hältst du dich an die typische Etikette. Du solltest von Anfang an Abstand zu den Locals halten, nicht direkt in den Peak hineinpaddeln, sondern unten sitzen bleiben und zuerst beobachten. Die Locals werden versuchen, dein Gesicht zu erkennen, dann solltest du einfach freundlich grüßen. Die Welle, auf die die Locals gehen wollen, solltest du durchlaufen lassen und erstmal Wellen am Rand nehmen, für die sich keiner interessiert. Wenn man so anfängt, sind die Locals meistens zufrieden und lassen dir dann auch ein paar Wellen.

Du bietest Surf-Coaching auf Fuerte an. Damit trägst du ja auch dazu bei, dass immer mehr Touris kommen, oder?

Ja, ich arbeite als Surfcoach in der Surfschule „Rapa Nui“ meines Vaters im Süden von Fuerte. Neben meinem Teilzeitstudium unterstütze ich dort bei den Gruppenkursen und Privatkursen. Seit letztem Jahr gebe ich auch Surf-Retreats in Frankreich in der Atlantic Surf Lodge in Vieux-Boucau.

Das Surf-Coaching hat wie alles Vor- und Nachteile. Auf der Insel leben wir vom Tourismus, wir haben keine andere Einnahmequelle. Ich bin ja selbst nicht auf Fuerteventura geboren, sondern kam aus Deutschland und hatte ursprünglich nichts mit Surfen zu tun. Wir alle kommen aus dem Anfängerbereich und können uns kontinuierlich verbessern.

Mein Fokus beim Coaching liegt neben der Verbesserung der Surffähigkeiten auf der Vermittlung der Surf-Etikette. Es ist mir wichtig, dass sich die Schüler respektvoll im Surfsport verhalten und sicher handeln. So kommt es auch zu weniger Konflikten mit den Locals.

Willst du in Zukunft weiter als Surf-Coach arbeiten? Oder hast du noch andere Pläne?

Ich werde mein Studium abschließen und dann schauen, was kommt. Fuerteventura ist mein zu Hause. Mein Vater hat die Surfschule aufgebaut. Sie läuft zu gut, um sie jetzt zu verkaufen oder aufzugeben. Also, warum nicht auf Fuerte bleiben und weiterführen, was mein Dad aufgebaut hat? Aber wir werden sehen.

Gilles Noah Rese

Was denkst du über den neuen Wavepool Surftown Muc in München als Chance für deutsche Surfer:innen?

Ich glaube, es ist eine großartige Chance für landlocked Surfer, auch  für den Nachwuchs.  Der Wavepool bietet einfach optimale Trainingsbedingungen. Natürlich kann ein Wavepool nicht mit dem Ozean verglichen werden. Aber er bietet die Möglichkeit, bestimmte Manöver zu trainieren, ohne von den Bedingungen des Ozeans abhängig zu sein.

Im Ozean muss man lernen, die Wellen zu lesen. Im Wavepool hingegen kann man ein Manöver wieder und wieder trainieren, ohne auf die richtigen Wellenbedingungen warten zu müssen. So kann man seine Technik viel schneller verbessern. Bestimmt  gibt es in Zukunft einfach drei Disziplinen: Pool-Surfing, River-Surfing und Ocean-Surfing.

Aber ein möglicher Nachteil für Surfer, die im Wavepool anfangen, ist, dass sie Schwierigkeiten haben, auf den Ozean umzusteigen. Sie können grundlegende Manöver schneller erlernen, doch das Lesen und Verstehen echter Wellen bleibt eine Herausforderung. River-Surfer zum Beispiel haben keine Probleme mit komplexen Manövern wie einem Air-Reverse, da sie die Gewichtsverteilung und die richtige Position ihrer Füße gut beherrschen. Im Ozean ändern sich die Bedingungen jedoch: Die Welle und die Section sind vorgegeben, und die Möglichkeiten sind begrenzt. Wenn die Wellen größer werden, beginnt die Herausforderung bereits mit dem Anpaddeln der Welle und dem Rauspaddeln.

Was für Wellen surfst du am liebsten?

Barrels. Die Vision, in einer Barrel zu stehen, ist atemberaubend. Die Oberhand der Natur ist beeindruckend. Die Schwierigkeit einer Barrel ist phänomenal.

Gilles Noah Rese

Was bedeutet Surfen dir?

Surfen bedeutet für mich, im Einklang mit der Natur zu sein. Wenn man sich überlegt, wie Wellen entstehen, wird klar, dass jede Welle einzigartig ist. Surfen ist für mich purer Spaß, ein Moment des Einklangs mit der Welle. Man denkt nur an diesen einen Moment und genießt ihn. Das ist wichtig im Leben, genauso wie die Erkenntnis, dass man nicht weiß, was als nächstes kommt.

Surfen ist ein ständiger Progress. Man kann eine supergute Welle finden, und die nächste kann noch besser werden. Man lernt so viele Leute kennen und schafft Erinnerungen, sodass Freundschaften am Ende wichtiger sind als der Sport selbst. Surfen ist für mich eine Leidenschaft, die ich mit vielen Leuten teilen kann, und genau das ist das Schöne.

Willst du noch was loswerden?

Ein Dankeschön an alle, die am Sonntag von 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends durchgehalten haben, insbesondere an diejenigen, die am Strand standen und das Ganze ermöglicht haben. Und danke an meine Familie, die mich immer unterstützt hat.

 

Header Foto: Florian Schötterl

Gilles Noah Rese
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